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[Die Industrie der Steine + Erden]






Viele Köche...

Bio Deutschland muss ein Land der Hobbyköche sein. Millionen Einwohner haben offensichtlich ihr Herz für die Arbeit am Herd entdeckt. Denn anders ist es nicht zu erklären, woher der Bedarf für immer neue Kochsendungen im Fernsehen und die Rezeptflut in den Zeitschriften stammt. Nicht nur Profis geben Tips für Nachahmer, sondern auch ein bekannter Talkmaster und sogar die Gattin des Altbundespräsidenten.
Schlägt man eine Fernsehzeitschrift auf, stehen wöchentlich weit über ein Dutzend Sendungen über das Kochen zur Auswahl. Ja, sogar Wettbewerbe in dieser Disziplin werden gezeigt. In einem Privatsender treten zwei Teams gegeneinander an, die je von einem Profikoch angeführt werden. Für einen bestimmten Betrag müssen Lebensmittel eingekauft und ein dreigängiges Menü kreiert werden. Hektisch soll dieses auch noch in einer vorgegebenen Zeit dem Saalpublikum zur Verköstigung gereicht werden. Kochkunst verkommt hier zu einem marktschreierischen Pseudowettbewerb.
Doch auch wirklich informative und gleichwohl unterhaltsame Kochsendungen flimmern in das traute Heim. Ob Geheimnisse der österreichischen Küche gelüftet werden oder überliefert wird, was unsere Oma schon über Nudeln wusste; zu lernen gibt es für den Interessierten immer etwas. Tips aus der regionalen Küche werden ebenso verraten (wie bereite ich einen Heidschnuckenbraten zu), wie die Kunst, mit Käse zu kochen (es ist nicht alles Käse, was wir zubereiten).
Viele prominente und hoch dekorierte Köche sind sich nicht zu schade, einige Tips und Tricks ihrer Kochkunst via Mattscheibe zu verraten. Sie tun es offensichtlich gern, die Schubecks, Roßmeiers, Lafers und Co. Versüßt durch ein sicherlich fürstliches Honorar, lassen sie sich willig auf die begnadeten Finger und über die Schulter schauen. Auch laienhafte Fragen der Moderatoren oder der mitmischenden Gäste bringen sie nicht aus dem Gleichgewicht. Gilt es doch eine Mission zu erfüllen, nämlich das kulinarische Niemandsland Deutschland an Feinschmeckernationen wie Frankreich oder Italien heranzuführen. Heraus aus dem Fleisch - Soßen - Kartoffeleinerlei, hin zu vitaminreicher, frischgemüsiger Vollwertkost, bei der Speisen nicht mehr "totgekocht", sondern durch verringerte Garzeiten Vitamine erhalten werden. So lernt der interessierte Zuschauer eine Menge über gesunde Ernährung sowie den Umgang und die Verwendung saisonal angebotener Zutaten. Eine gesunde Ernährung ist voll im Trend.
Eines fiel mir beim Durchblättern meiner Fernsehzeitschrift dann doch auf: nirgendwo gibt es so viele Sendungen über das Kochen wie in den Dritten Programmen von Hessen und dem Südwestfunk. Bedeutet dieses, dass dort ein besonders hoher Nachholbedarf besteht, oder sind die Zuschauer dieser Regionen nur wissensdurstiger? Egal, so lange mir als Hannoveraner keiner das Rezept für Braunkohl und Bregenwurst wegnimmt.

Hans-Jürgen Bahr





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