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14 Verletzte bei Bürohausbrand

Fluchtwege im Brandfall - kein Problem! Oder doch?

Dipl.-Ing. A. Königsmann


"Feuer - Feuer, es brennt!" - diesen Warnschrei ihres Kollegen werden die Büroangestellten so schnell nicht vergessen.
Am 12. Mai war gegen 11:20 Uhr ein Feuer im Kellergang eines Verwaltungsgebäudes, in dem sich zu dieser Zeit insgesamt 57 Menschen befanden, ausgebrochen (Abb. 1).

Schnittzeichnung

Der Brand, bei dem Akten, einige Pakete Kopierfolien sowie Filme und mehrere Computertastaturen verbrannten, wurde wenig später entdeckt und sofort gemeldet. Eine Brandbekämpfung mit den bereitstehenden Feuerlöschern konnte bereits zu diesem Zeitpunkt wegen der dicken Rauchschwaden und der großen Hitze nicht mehr durchgeführt werden.
Als Ursache konnte später ein technischer Defekt z. B. an der Elektrik ausgeschlossen werden. Vielmehr geht die Kriminalpolizei von einem Fremdverschulden, wie z.B. dem achtlosen Wegwerfen einer Zigarette, eines Streichholzes o.ä., aus. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß die Elektrokabel im Kellergang durch die extreme Hitze überhaupt nicht beschädigt wurden. Lediglich die Kabelschächte zerschmolzen. Welche Folgen durch brennende Kabelisolierungen entstehen können, ist wohl jedem noch seit der Brandkatastrophe im Düsseldorfer Flughafen in Erinnerung.
Bereits um 11:50 Uhr hatte die Feuerwehr das Feuer gelöscht und die unmittelbare Gefahr abgewendet. Für 14 Personen im 3. Obergeschoß war damit der Einsatz der Feuerwehr jedoch noch lange nicht zu Ende. Sie waren dort eingeschlossen und mussten über eine Drehleiter gerettet werden. Mit Rauchvergiftungen wurden diese 14 Versicherten und ein Feuerwehrmann in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert.

Warum konnte es soweit kommen?
Durch die enorme Rauchentwicklung war die Flucht über das Treppenhaus als ersten Rettungsweg für alle Personen binnen kürzester Zeit unmöglich geworden, weil die notwendige selbstschließende, rauchdichte und feuerhemmende Türe zwischen Treppenhaus und Kellergang fehlte.Ein zweiter Rettungsweg ist nach Bauordnung des Landes Nordrhein-Westfalen (Bau0 NW) zwingend vorgeschrieben. Dieser muss vom ersten unabhängig sein und kann entweder eine weitere Treppe oder eine mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbare Stelle sein. Ein zweiter Rettungsweg kann ganz entfallen, wenn ein Rettungsweg als Treppenraum vorhanden ist, in den Feuer und Rauch nicht eindringen können (Sicherheitstreppenraum).Durch eine Außentüre mit Treppe bzw. einem Verbindungsgang in das Nachbargebäude (Abb. 1) war im Erdgeschoß und im 1. Obergeschoß ein zweiter Rettungsweg vorhanden. Der zusätzliche, zweite Fluchtweg für das 2. und 3. Obergeschoß war als Sammelplatz geplant, von dem aus die Feuerwehr über Anlegeleitern oder Drehleitern die zu rettenden Personen in Sicherheit bringen sollte. Der Sammelplatz war beschildert, jedoch nicht allen bekannt. Er konnte am Brandtage nicht genutzt werden, da der Rauch vom Treppenhaus durch die nicht verschließbaren Glasschwingtüren in den Bürogang eindrang. Hinzu kam, daß sich im Bereich des Sammelplatzes die Ansaugöffnung der hauseigenen Klimaanlage befand. Der dadurch zusätzlich angesaugte Rauch aus dem Treppenhaus machte die Rettung von dort aus letztendlich unmöglich. Auch von außen war an dieser Stelle eine Rettung nur sehr schwer durchzuführen, da vorhandene Sträucher und Bäume den Zugang versperrten und das Anlegen einer Leiter behinderten.

Grundriß 3. OG

Instinktiv flüchteten einige Mitarbeiter in das vom Treppenhaus weit entfernteste Büro Nr. 318 (s. Abb. 2), andere wurden von den Rettungskräften der Feuerwehr dorthin geführt. Von diesem Büroraum aus konnten dann über die Drehleiter der Feuerwehr schließlich alle das Gebäude verlassen.
Hierdurch wurde einigen der bereits geretteten Personen aus den unteren Etagen unmissverständlich klar, dass sie es teils aus Unwissenheit, teils aus Zeitnot versäumt hatten, die Menschen in den darüber befindlichen Stockwerken zu alarmieren.Zur Warnung aller im Gebäude befindlichen Personen war eine Brand- bzw. Rauchmeldeanlage installiert und auch funktionsfähig. Aber nur je ein akustisches Warngerät befand sich auf jedem Stockwerk im Bereich des Aufzuges. Als die Personen der oberen Stockwerke erkannten, dass es sich um das akustische Signal aus dem Brand- bzw. Rauchmelder handelte, war es bereits zu spät und der Fluchtweg über das Treppenhaus versperrt. Einige verwechselten die Warnmeldung etwa mit dem Signal eines Mobiltelefones, einige hörten die Meldung erst gar nicht.

Schlußfolgerungen
Wie bei jedem Unfall spielen auch hier viele Einflussfaktoren eine Rolle:
Da die selbstschließende Türe zwischen Treppenhaus und Kellergang fehlte, konnte der Rauch ungehindert in das Treppenhaus und durch die nicht rauchdichten Glasschwingtüren in die Bürogänge gelangen. Verstärkt wurde dies noch durch die Ansaugöffnung der Klimaanlage im 3. Obergeschoss. Sie lag außerdem im Bereich des Sammelplatzes, der als zweiter Rettungsweg ausgewiesen war.
Wenn der zweite Fluchtweg über Anlege- oder Drehleitern der Feuerwehr führt, dann muss auch das Außengelände ausreichenden Platz bieten. Bäume und Sträucher müssen dann zurückgeschnitten oder sogar ganz entfernt werden.
Regelmäßige Unterweisungen der Beschäftigten, auch in der Verwaltung, müssen durchgeführt werden. Hierzu gehört im Bereich des Brandschutzes die Darstellung der Flucht- bzw. Rettungswege, Position der Feuerlöscher, der Sammelstellen sowie die Vorgehensweise im Ernstfall. Auch die Aufstellung eines Belegungsplanes der Büroräume ist sinnvoll, da sich alle dadurch einen Überblick verschaffen können, wer anwesend ist und wo im Gebäude gearbeitet wird. Alle diese erforderlichen Maßnahmen müssen im Alarm- und Rettungsplan zusammengefasst und jedem Mitarbeiter bekannt gemacht werden. Darüber hinaus sollte in regelmäßigen Abständen eine Brandschutzübung durchgeführt werden, um die Mitarbeiter zu trainieren und bestehende Schwachpunkte aufzudecken.Installierte Rauchmelder müssen ihre Funktion optimal erfüllen. Alle Personen, auch die in den weiter entfernten Büroräumen, müssen das Signal laut genug wahrnehmen können. Auch müssen die Mitarbeiter den Alarm zuordnen können, z. B. anhand der Frequenz oder Signalfolge.Brennbare Materialien sollten nicht in größeren Mengen auf Fluren oder Gängen gelagert werden. So sind z.B. Papierabfälle in einem abgetrennten Kellerraum mit entsprechender Türe besser aufgehoben, als auf dem Gang davor.Dieses Unfallbeispiel zeigt, dass vorbeugender Brandschutz unbedingt mit zum betrieblichen Alltag gehört und nicht vernachlässigt werden darf. Kleine Schwachstellen und Unstimmigkeiten könnten dabei fatale Folgen haben. Alle Unternehmer und Mitarbeiter sind aufgefordert, aktiv und vorausschauend dabei mitzuwirken.

Anschrift des Verfassers:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160, 30853 Langenhagen





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