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Epidemiologie - ein Präventionsmotor

Dr. S. Schmidt

Im vergangenen Jahr fand in Graz das 6. Internationale Kolloquium "Epidemiology and occupational risks - Epidemiologie und berufliche Risiken" statt. An drei Konferenztagen berichteten insgesamt 70 Referenten aus 23 Ländern über ihre Erfahrungen und Studienergebnisse zu diesem weitgefächerten Themenkomplex. Trotz der Vielzahl der Beiträge gelang es der wissenschaftlichen Leitung, den Kongressteilnehmern Zeit und Gelegenheit für eine oft recht lebhaft geführte Diskussion einzuräumen.
Eine Posterpräsentation ausgewählter epidemiologischer Studien im Bereich des Gesundheits- und Arbeitsschutzes vertiefte die Thematik. Die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft und die Berufsgenossenschaft der keramischen und Glas-Industrie präsentierten auf zwei Postern Studienansatz und Resultate einer im vergangenen Jahr abgeschlossenen epidemiologischen Fall-Kontroll-Studie zur Aufhellung eines möglicherweise erhöhten Lungenkrebsrisikos bei Vorliegen einer beruflichen Quarzstaubexposition. Diese Studie wurde in enger Zusammenarbeit beider Berufsgenossenschaften unter wissenschaftlicher Leitung des Instituts für Medizinische Statistik und Epidemiologie der Technischen Universität München durchgeführt. Sie ergab für den betrachteten Personenkreis - quarzstaubexponierte Versicherte beider Berufsgenossenschaften ohne Vorliegen einer manifesten Staublungenkrankheit - kein statistisch signifikant erhöhtes Risiko für die Entstehung eines Lungenkrebsleidens.
Eine weiterführende epidemiologische Studie wird die gleiche Fragestellung für quarzstaubexponierte Personen bei Vorliegen einer manifesten Staublungenkrankheit zum Inhalt haben.

Epidemiologie - ein Motor der Prävention
Leitmotiv der Epidemiologie im Dienste des Arbeitsschutzes ist es, mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichen Expositionen (chemisch, physikalisch, biologisch), weiteren Einflüssen (somatisch, psychisch) und Erkrankungs- bzw. Unfallhäufungen aufzudecken. Studienobjekt dabei ist stets der arbeitende Mensch in seiner realen Umwelt.
Während früher die Epidemiologie als Teilgebiet der Medizin sich überwiegend mit der Erforschung schwerer Infektionskrankheiten wie Pocken, Tuberkulose, Malaria u.a. befasste, hat sie sich heute zu einem selbständigen Wissenschaftszweig zur Erforschung von Risikofaktoren für die menschliche Population entwickelt. Insbesondere bei der Beurteilung und Differenzierung beruflicher Risiken sind epidemiologische Studien nicht mehr wegzudenken. Im Bereich der Berufskrankheiten z. B. beurteilen sie die Wechselbeziehungen zwischen bestimmten Substanzen, denen der Mensch am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, und Krankheiten bzw. Symptomen, die bei den Menschen in dieser Arbeitsumwelt gehäuft auftreten. Letztendlich wird Ursachenforschung konkretisiert durch Risikoabschätzung und Risikobeschreibung mittels mathematisch-statistischer Berechnungsmethoden. Die Resultate bilden wiederum die Basis für weiterführende Forschungsansätze anderer Wissenszweige, die mit gezielten Untersuchungsmethoden die epidemiologisch beschriebenen Zusammenhänge weiter aufhellen.

Qualitätssicherung und Datenschutz in der Epidemiologie
Die heutige Praxis der berufsbezogenen Epidemiologie zwingt die Fachleute, sich einer ganzen Reihe von Herausforderungen im Zusammenhang mit Studiendesign, Durchführung, Analyse und Interpretation von Studien zu stellen. Demzufolge war eine Vielzahl der Beiträge der Qualitätssicherung und der Formulierung von Qualitätsbegriffen und Qualitätskriterien gewidmet. Ein Experte aus Frankreich konnte erstmals über die Erarbeitung eines Qualitätshandbuches berichten, dessen Inhalt den Anforderungen der Richtlinien der Qualitätssicherung entspricht, so wie sie im Internationalen Standard ISO 9002 festgelegt und in der Industrie zur Zertifizierung bereits angewendet werden.
Nicht weniger bedeutsam waren Beiträge und Erfahrungsaustausch zur Wahrung des Datenschutzes, insbesondere des Schutzes personenbezogener Ermittlungen und Datenbearbeitung. Auch bei unbedingt notwendigem internationalem Informationsaustausch der Experten über Studienansätze und -ergebnisse und bei Nutzung modernster Informationstechniken wie dem Internet müssen die strengen Forderungen des Datenschutzes zweifelsfrei garantiert sein.
In einem abschließenden Rundtischgespräch wurden die wesentlichen Arbeitsergebnisse dieses Kongresses thesenhaft zusammengefasst. Eine Arbeitsthese sei hier beispielhaft erwähnt: "Die Epidemiologie stellt einen der starken Motoren der Präventionsarbeit im Arbeitsschutz dar". Die Epidemiologie als selbständige Wissenschaft wird immer ein wichtiges Instrument zur Lieferung von Sachinformationen und Definition beruflicher Gesundheitsgefährdungen darstellen. Voraussetzung zur Nutzung und Umsetzung epidemiologischer Erkenntnisse ist jedoch eine vertrauensvolle Kooperation von Wissenschaftlern vieler Fachrichtungen und gleichrangig dazu die Einbeziehung praktisch tätiger Arbeitsmediziner sowohl bei der Definition konkreter Fragestellungen bis hin zur praktischen Ergebnisinterpretation.

Anschrift der Verfasserin:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160, 30853 Langenhagen





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