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[Die Industrie der Steine + Erden]


Nostalgie

Ein ganzes Land spricht über Guildo Horn, den Schlagerclown, der uns nicht nur ganz lieb hat, sondern auch eine Welle der Nostalgie auslöste. Oder kam er auf einer solchen Welle als erster dahergeritten? Gleichwohl, die alten Schlager feiern fröhliche Wiederauferstehung; Nierentischchen und Tütenlampen dürfen wieder ins Wohnzimmer, und ich würde mich nicht wundern, wenn auf Parties der gute alte Lufthansacocktail zu neuen Ehren käme. Daneben stünde dann die zierliche Messingkatze, auf deren hochgerichtetem Schwanz die Salzbrezeln hingen.

Aber wer nun annimmt, die ewig Gestrigen seien auf dem Nostalgietrip, der sieht sich getäuscht. Junge Leute tanzen heute nach den Liedern von Marianne Rosenberg und Udo Jürgens. Sie kennen die Texte und grölen den Refrain vielstimmig mit. Der deutsche Schlager feiert seine Rückkehr zu unkomplizierten Reimen, eingehenden Melodien und bekannten Interpreten. Was früher war, ist plötzlich Kult!

Doch war früher wirklich alles besser? Ich erinnere mich noch an lange Baumwollstrümpfe, festgemacht an einem Leibchen. An bollerige Trainingsanzüge und die erste Badehose aus Strickwolle. Statt Vitamindrinks gab es Lebertran, unsere Fruchtzwerge waren Stachelbeeren, Erdbeeren, Birnen und Äpfel aus dem Garten. Für die vitaminarme Jahreszeit wurde das Obst eingekocht und dann als Kompott nach dem Essen gereicht. Erinnern Sie sich noch an strenge Frostnächte, die Wohnung nur lau gewärmt durch den Kohleofen im Wohnzimmer oder den Herd in der Küche? An das morgendliche Waschen in einem eiskalten Badezimmer. Da lobe ich mir dann doch die heutige Zentralheizung, die ich bei Bedarf mit einem kleinen Dreh zu mehr Wärmeleistung bringen kann.

Natürlich erinnere ich mich gern an das damalige Pindoppschlagen, den Hinkelkasten und später dann an Räuber und Gendarm oder den schmutzigen Zeigefinger von unzähligen Murmelturnieren, bei denen man insbesondere seine buntschillernden Glaser verteidigen mußte. Waren diese 'Schlachten' nicht allemal spannender als die heutigen Telespiele? Aber die alten Zeiten waren auch das Schleppen von Gemüsedosen zum Stellmacher, der diese Büchsen verschloß. Sie waren auch das Transportieren von Kohlesäcken auf dem Schlitten, wenn ein eisiger Winter die Reserven an Brennmaterialien aufbrauchte. Wir hatten zu Hause die Kohlen in einem kleinen Stall auf dem Hof, und es war meine Aufgabe, für einen vollen Schütter zu sorgen. Da hieß es so manches Mal, erst einen Weg über den Hof zum Stall durch den Schnee zu schippen. Gelobt seien die Vorteile der heutigen Zentralheizung.

Wenn also heute insbesondere die jungen Leute in Nostalgie schwelgen, so werden wir Älteren schon abwägen, was früher gut oder nicht so toll war. Aber an eines erinnere ich mich genau: nie schmeckte das Obst besser, als damals aus Opas Garten. Und die Tomaten hatten ein Aroma! Nicht zu vergleichen mit den heutigen 'Wasserbomben'. Außen schön rot, innen leider fade. Fehlt als Züchtung nur noch eine eckige Form, damit man sie im Kühlschrank besser stapeln kann.





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