Sehenswert

Das Kreidemuseum Gummanz

„Kreideweißheiten“

Mit Kreide verbindet man oft Erinnerungen an die eigene Schulzeit: das Schreiben mit dem weißen Stift an der Tafel, oder das berühmte Bild „Kreidefelsen auf Rügen“ von Caspar David Friedrich, das im Kunst- oder Deutschunterricht für die Bildbeschreibung herhalten musste.

Beides ist heute nicht mehr gegeben - als Tafelkreide wird Gips verwendet, und den alten Blick auf die Rügener Kreidefelsen gibt es seit einem Abbruch der Küste vor einigen Jahren nicht mehr. Dennoch wird Kreide heute mehr gebraucht denn je: im Umweltschutz, als Düngemittel und als Zuschlagstoff in vielen Industriebranchen. Kreide besteht aus Calciumcarbonat, das mit einem Anteil von rund vier Prozent an der Erdkruste zu den häufigsten natürlichen Rohstoffen zählt. „Die Rügener Kreide entstand vor knapp 70 Millionen Jahren überwiegend aus den Überresten winzig kleiner Meeresorganismen“, erklärt Verena Kulessa, Leiterin des Kreidemuseums Gummanz auf Rügen. Das geologisch als „Rügener Schreibkreide“ bezeichnete Gestein bildete sich aus den Sedimenten eines ausgedehnten, relativ flachen Meeres der erdgeschichtlichen Kreidezeit.

Kreidemuseum in Gummanz
Das Kreidemuseum in Gummanz informiert seit 10 Jahren über die Geschichte des Kreideabbaus.

Lange Tradition des Abbaus

Seit dem 13. Jahrhundert wird auf Rügen Kreide abgebaut. Da Eiszeitgletscher die Kreideschichten wie ein Bagger schuppenförmig aufgefaltet haben, ist ein flächiger Abtrag nicht möglich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwarb Friedrich von Hagenow die Nutzungsrechte für viele Kreidebrüche und errichtete 1832 die Schlämmkreidefabrik in Greifswald. Der Abbau des weißen Gesteins erfolgte fast 130 Jahre lang unter den gleichen, körperlich äußerst schweren Bedingungen. Beim sogenannten „Trichter-Schlitzschurren-Verfahren“ hingen Arbeiter an einem Seil in der Kreidewand und schlugen die Kreide so ab, dass diese durch in der Wand entstehende Trichter in Kipploren rutschte. Die weitere Aufbereitung in Schlämmbottichen und die anschließende Lufttrocknung dauerten unter günstigen Bedingungen 80 Tage. Im Kreidemuseum zeugen Fotos und Werkzeuge von dieser Zeit.

Kreidefelsen
Auch wenn es nicht mehr der Blick ist, den Caspar David Friedrich hatte – beeindruckend sind die Kreidefelsen immer noch.

Geschichte wird erlebbar

Das Museum befindet sich an einem Originalschauplatz des Kreideabbaus auf der Insel Rügen: die Ausstellung ist in der restaurierten Werkhalle des alten Kreidewerks Gummanz untergebracht. In dem Backsteingebäude wurde noch bis 1962 gearbeitet. Das Kreidewerk war ab 1854 in Betrieb. Zum Museum, das 2015 seinen 10. Geburtstag feiern kann, gehören ein Kreide- und Naturlehrpfad sowie ein Freilichtmuseum. Heute erfolgen Gewinnung und Verarbeitung der Kreide nahezu vollständig mechanisiert. Die Aufarbeitung beginnt mit dem Aufschlämmen der Kreide in Wasser. Nach dem Absieben des blinden Gesteins wird die Kreidemilch in Filterpressen auf rund 15 Prozent Wassergehalt getrocknet. Je nach Verwendungszweck kann dies bereits ausreichend sein, etwa wenn die Kreide in Kohlekraftwerken zur Rauchgasentschwefelung eingesetzt und als Suspension in die Abluft eingesprüht wird. Im Bereich des Umweltschutzes gibt es noch eine weitere Anwendungsmöglichkeit, denn aufgrund ihrer hohen Reaktivität ist Kreide für den Einsatz in der Land- und Forstwirtschaft zum Kalken übersäuerter Böden geeignet. Um eine möglichst homogene Teilchengröße zu erhalten, wird die Kreide mittels Hydrozyklonen klassiert, also in Korngrößensegmente aufgeteilt. Grobkreide wird als Futter- und Düngemittel genutzt, Feinkreide findet Verwendung als Füllstoff in Lacken und Farben sowie in Papier und Kunststoffen. Je nach Anwendung verbessert das Calciumcarbonat die mechanischen und thermischen Eigenschaften und streckt die anderen Rohstoffe. Die hohe Teilchenfeinheit und die geringe elektrische Leitfähigkeit machen Kreide zu einem idealen Zuschlagstoff.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde auf Rügen noch eine weitere Anwendung der Kreide entdeckt: sie wurde zu Heilzwecken eingesetzt. Dieser Trend wurde rund 100 Jahre später erneut aufgegriffen, und heute findet Heilkreide in den Bereichen Gesundheit, Wellness und Kosmetik Anwendung.

Dr. Joachim Sommer
BG RCI

Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund auf Rügen
Die Kreidefelsen befinden sich im Nationalpark Jasmund auf Rügen.
 
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