Arbeitssicherheit

Schutzausrüstung vergessen? Gibt’s nicht mehr!

Zu ihrer eigenen Sicherheit bleiben sie vor verschlossener Tür: Wer beim Aufgang zur Instandsetzungsarbeit in luftiger Höhe Helm, Handschuhe oder gar das persönliche Rückhaltesystem vergessen hat, dem zeigt das Portal zur Kontrolle der Persönlichen Schutzausrüstung Rot. Agnes Kelm von der Bergischen Universität Wuppertal, Lehr- und Forschungsgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft, führte während der Bauma in München dieses interessante Forschungsergebnis dem Publikum am Stand der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) und ihrer Partner vor.

Während der bereits abgeschlossenen Forschungsprojekte „RFID in der Sicherheitstechnik“, „InWeMo“ und „RFID-Baulogistikleitstand“ wurde ein Portal entwickelt, das durch den Einsatz von RFID-Technik (Radio Frequency Identification) die automatische Kontrolle der nötigen Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) beim Zugang zu Gefahrenbereichen ermöglicht.

Schutzhelm, Sicherheitsbrille, Handschuhe oder Sicherheitsschuhe werden mit einem RFID-Transponder eindeutig gekennzeichnet. Das Personalisieren der PSA erlaubt eine arbeitsplatz- und tätigkeitsbezogene Kontrolle der mitgeführten Ausrüstung. Der Mitarbeiter kann so gegebenenfalls auf für den zu betretenden Bereich noch fehlende PSA hingewiesen werden. Ziel dieser Kombination aus technischem Regulativ und persönlicher Motivation: Die Gefahr von Arbeitsunfällen wird durch das Portal präventiv weiter vermindert.

Wie bei allen Neuerungen steht der mögliche Nutzer dem Produkt zunächst einmal skeptisch gegenüber – zumal es  um einen Kontrollmechanismus, die Erfassung von Daten geht. „Immer wieder kam die Frage nach dem Datenschutz“, berichtete Agnes Kelm. Kann man damit Personen im Gelände orten, nachvollziehen, ob die Ausrüstung die ganze Zeit getragen wird?  Werden diese Daten gespeichert?

Wissenschaftlerin Kelm nimmt die Furcht vor „Big Brother“ im Betrieb, auf der Baustelle: „Wir haben natürlich auf diese Bedenken Rücksicht genommen. Das reine PSA-Portal ist datenschutzkompatibel. Es wird nur zugeordnet, welche Person durchgeht und welche Ausrüstung sie dabei hat, oder eben nicht. Dann wird der Beschäftigte darauf hingewiesen, dass er sich beispielsweise noch seinen Helm holen muss.“

Moderator Marco Einhaus und Agnes Kelm (Uni Wuppertal, rechts) zeigen die Funktionsweise der Zugangskontrolle am Gemeinschaftsstand der BG RCI während der Bauma in München.
Moderator Marco Einhaus und Agnes Kelm (Uni Wuppertal, rechts) zeigen die Funktionsweise der Zugangskontrolle am Gemeinschaftsstand der BG RCI während der Bauma in München.

Vermeidbare Arbeitsunfälle

Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) aus dem Jahr 2012 zeigte, dass der sachgerechte Einsatz von angemessener PSA zu den Schlüsselfaktoren zur Vermeidung von tödlichen und schweren Arbeitsunfällen gehört. Im betrachteten Zeitraum (2001 bis 2010) hätten bis zu 328 Unfallopfer (11,7 Prozent) ihr Leben nicht verlieren müssen, wenn die PSA vorgeschrieben, gestellt, genutzt und intakt gewesen wäre.

So erforschten die Wuppertaler Wissenschaftler auch die Möglichkeit, zusätzliche Informationen wie das „Verfallsdatum“ etwa eines Rückhaltesystems oder Kunststoffhelms, die Anzahl der maximalen Waschzyklen bei Schutzhandschuhen oder Sensordaten (Druck, Feuchte, Temperatur, Erschütterungen) entsprechender Ausrüstung aufzuzeichnen. So könnte, zusätzlich zum einfachen Einsatz der PSA, die grundlegende Funktionstüchtigkeit regelmäßig überprüft werden.

Im Abgleich mit Daten internetbasierter Produktkataloge der Hersteller ließen sich so Vollständigkeit, Schutzart, Leistungsgrenzen, Verwendungsdauer, Kompatibilität und Einhaltung von Prüfterminen auch von den Aufsichtspersonen der Berufsgenossenschaften leichter kontrollieren.

„Das PSA-Portal erfordert einen willentlichen Akt“, erläuterte Agnes Kelm. Die Beschäftigten halten ihre Zugangskarte vor die Nahbereichsantenne. So kann die PSA der Person zugeordnet werden. „Das ist wichtig etwa auf Baustellen, wo zu den eigenen Mitarbeitern noch Fremdfirmen hinzukommen.“ Nicht nur im Baubereich kann die Einrichtung um ein Gerätemanagement erweitert werden. Für welche Bohrmaschine ist welcher Arbeiter verantwortlich? Eigene Geräte kann man registrieren lassen, das dient auf Großbaustellen zusätzlich zur Diebstahlskontrolle.

Eventuell kann das System auch an die Zeiterfassung gekoppelt werden. „Damit würde aber nur die pure Anwesenheit festgestellt“, sagte Kelm. Wenn sich der Betreffende auf der Baustelle umziehe, Frühstückspause mache, seien das Zeiten, die ja nicht  zur Arbeitszeit gehörten.

 Hier käme allerdings wieder der Sicherheitsaspekt zum Tragen: In einem Notfall könne man beispielsweise feststellen, wie viele Arbeiter etwa noch im Gefährdungsbereich seien.

Für kleine und mittlere Unternehmen haben die Forscher eine praxisfreundliche Lösung parat. Man kann das berührungslose RFID-Portal in einem kleinen Container installieren.

Dann ist es etwa in einem Steinbruch schnell von einem Ort zum nächsten Gefährdungsbereich transportiert, wenn sich die Abbau- oder Zugangsbedingungen ändern.

Jörg Nierzwicki, BG RCI

Portal in einem Container transportabel untergebracht
Das Portal kann in einem Container transportabel untergebracht werden. // Foto: Uni Wuppertal
 
Weitere Informationen

Prof. Dr.-Ing. Manfred Helmus

helmus@uni-wuppertal.de


Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing.

Anica Meins-Becker

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a.meins-becker@uni-wuppertal.de


M.Sc. Agnes Kelm

T +49 202 439 - 4378

kelm@uni-wuppertal.de


Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Lars Laußat

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