Arbeitssicherheit

Belegbare Fakten statt Totschlag-Argumente

„Arbeitssicherheit kostet Geld und Zeit und bringt sonst nichts!“ Diesem Totschlag-Argument sehen sich Sicherheitsbeauftragte, Sicherheitsfachkräfte und die Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft oft ausgesetzt. Einen sinnvollen Beitrag zur internen Kommunikation leisten solche Aussagen nicht. In modern geführten Unternehmen gehört die faire, ergebnisoffene Diskussion zur Unternehmenskultur.

Zur Versachlichung der internen Argumentation bedarf es fundierter Erhebungen mit belastbaren Zahlen.

Um diese Lücke zu schließen, wurde eine Studie durchgeführt, an der sich auch verschiedene Mitgliedsunternehmen der BG RCI beteiligt haben. Die Studie beschäftigt sich mit den Kosten und Nutzen der Prävention. Neben mehreren Beton- und Fertigteil- Werken waren auch Zement- sowie Kalkhersteller beteiligt. Der nachfolgende Artikel stellt die wesentlichen Inhalte und Ergebnisse dieser Studie dar.

Der Autor der Studie, Klaus Kuhl, wird darüber hinaus bei der Tagung „Sicher und gesund in die Zukunft“ 2012 zu diesem Thema vortragen. Die Tagung wird als Gemeinschaftsveranstaltung der Präventionsbereiche Hamburg und Langenhagen für Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte der Branchen Baustoffe - Steine - Erden und chemische Industrie in Damp am 26. und 27. September ausgerichtet.

Martin Böttcher, BG RCI

Ärztliche Beratung zur Schutzbrille im Betrieb
Gute Ausstattung mit Schutzbrillen, begleitet von entsprechenden Schulungsmaßnahmen und lebendigen Unterweisungen, sparen bei einem mittleren Unternehmen jährliche Kosten durch Augenverletzungen von fast 30.000 Euro ein.

benOSH – Vorteile von Präventionsmaßnahmen im Arbeitsschutz

Eine Untersuchung der sozioökonomischen Kosten von arbeitsbedingten Unfällen und Gesundheitsproblemen sowie Vergleich mit entsprechenden Investitionen für optimale Präventionsmaßnahmen.

Die Studie „Die Vorteile von Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz“ (Benefits of occupational safety and health – benOSH) wurde im Auftrag der Europäischen Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration von Prevent (ein in Brüssel angesiedeltes, multidisziplinäres Institut) und der Kooperationsstelle Hamburg durchgeführt.

Dabei wurden die betrieblichen Kosten von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Erkrankungen anhand eines für die Studie entwickelten Werkzeugs für das Programm Excel umfassend ermittelt. Zusammen mit betrieblichen und überbetrieblichen Experten wurden dann Präventionsmaßnahmen identifiziert, die diese Unfälle oder Erkrankungen verhindert, oder ihre Anzahl und Schwere deutlich vermindert hätten.

Zu den Experteneinschätzungen wurden auch entsprechende Studien zur Beurteilung herangezogen. Dabei wurden Unfälle oder Erkrankungen, die gleiche Maßnahmen erforderten, zu Gruppen zusammengefasst. Im nächsten Schritt wurden die erforderlichen Investitionen für die Präventionsmaßnahmen ermittelt. Auch weitere Vorteile wie erhöhte Produktivität durch verbesserte Prozesse oder modernere Maschinen wurden in die Betrachtungen einbezogen. Schließlich wurden die so gesammelten Informationen einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen.

Eine Kosten-Nutzen-Analyse ist eine Methode, die häufig auf betrieblicher Ebene verwendet wird, um eine ökonomische Bewertung der Kosten und Auswirkungen eines Projekts zu erhalten. Die Methode beschreibt alle Kosten und Auswirkungen in der gleichen Einheit, in der Regel in Geld. Die Analyse mündet in die Berechnung von Indikatoren, wie etwa dem Netto-Kapital-Wert, dem Wirtschaftlichkeits-Index und dem Nutzen-Kosten-Verhältnis.

Diese Indikatoren können hilfreich sein bei der Entscheidungsfindung; beispielsweise um eine Wahl zu treffen, ob es sinnvoll ist, zu investieren, oder um sich zwischen zwei alternativen Maßnahmen zu entscheiden. Diese Betrachtungen können auch die Kommunikation zwischen Management und Arbeitsschutz-Fachkräften verbessern.

Umfang der Studie

Zur Vorbereitung der Studie wurde eine Literaturrecherche durchgeführt, die die bisherigen Erkenntnisse auf diesem Gebiet zusammenfasste und außerdem die Grundlage für die Entwicklung des genannten Excel-Werkzeugs lieferte. In einer weiteren vorbereitenden Recherche wurden Daten zusammengestellt und analysiert, die eine Eingrenzung und Spezifizierung der zu betrachtenden Branchen und Unternehmenstypen erlaubten.

Auf dieser Grundlage startete die Feldstudie. Dabei wurden mehr als 50 Unternehmen zur Datenaufnahme besucht. Es handelte sich in erster Linie um KMU (kleine und mittlere Unternehmen) aus Branchen wie Metallverarbeitung, Bauwirtschaft, Transport, Gesundheitsdienste, Nahrungsmittel, Reinigung, Chemie, Textilien, Energie und Abfallaufarbeitung. Durch Vermittlung der BG RCI nahmen auch mehrere Betriebe aus der Branche Baustoffe - Steine - Erden teil.

Insgesamt wurden 401 Arbeitsunfälle beziehungsweise Fälle arbeitsbedingter Erkrankungen aufgenommen. 276 wurden als leichte, 73 als mittelschwere und 52 als schwere Fälle klassifiziert. Gleichartige Fälle in einem Betrieb, wie Schnittverletzungen, Stürze oder Rückenerkrankungen, wurden für die Kosten-Nutzen-Analyse zusammengefasst. Insgesamt gab es 56 dieser Analysen.

Die Arbeiten an der Studie begannen im Februar 2009. Die Aufnahme der Daten in den Unternehmen wurde im Juli/August 2010 abgeschlossen. Das Projekt selbst wurde Ende 2010 beendet.

Historisches Arbeitsschutzplakat zu Schutzbrillen
Schon leichte Augenverletzungen kosten pro Unfall bis zu 1700 Euro. // Plakat: BG RCI

Ergebnisse

Im Ergebnis der Studie zeigte sich, dass in der übergroßen Mehrheit der Fälle Investitionen in Arbeitsschutz- und Gesundheitsschutz-Maßnahmen zu beträchtlichen Einsparungen für die Unternehmen führen.

Die Tabelle gibt einen Überblick über die benOSH-Fallstudien. Die Projekte wurden nach der Art der Maßnahme zusammengestellt. Die sechs wichtigsten Maßnahmen / Kategorien beziehen sich auf: Substitution / Vermeidung (I), organisatorische Maßnahmen (II), neue Ausrüstung / Hilfsmittel (III), Arbeitsplatzänderungen (IV), Training (V), persönliche Schutzausrüstung (VI). In vielen Fällen wurden verschiedene Typen von präventiven Maßnahmen angewendet, aber für die Übersichtstabelle wurde nur der wichtigste Maßnahmentyp angegeben. Die höchsten Werte ergeben sich für Maßnahmen, die auf Substitution oder Vermeidung zielen. Die niedrigsten Werte wurden bei Maßnahmen wie Schulungen und persönliche Schutzausrüstung gefunden. Damit unterstützen diese Ergebnisse die Ansicht, dass die nach den Präventionsprinzipien effektivsten Maßnahmen auch am kostengünstigsten sind.

Fallstudie 1: Augenverletzungen in einem Kleinbetrieb

Im ersten Beispiel handelt es sich um ein kleines Unternehmen, das hauptsächlich Betonteile herstellt. Es gibt relativ viele leichte Augenverletzungen, die etwa beim Arbeiten mit Hammer und Meißel durch abspringende Kleinteile entstehen. Für das Unternehmen entstehen pro Unfall Kosten zwischen 50 und 1700 Euro.

Die Kostenberechnung eines typischen Unfalls in diesem Unternehmen sieht so aus:

Abwesenheit des Arbeitnehmers:

24 Std

720,00 Euro

Überstunden der Kollegen zur Kompensation:

24 Std.

720,00 Euro

Erste Hilfe und Unfall-Meldung:

0,5 Std.

11,50 Euro

Unfallanalyse:

0,2 Std.

10,00 Euro

Verwaltungsaufwand:

0,5 Std

15,00 Euro  

Umorganisierung der Arbeit:

0,5 Std.

17,50 Euro

Die Kalkulationssoftware erlaubt die Berücksichtigung weiterer Kosten wie vorübergehende Neueinstellung, Beschädigung von Werkzeug, Maschinen, Gütern, oder Umweltschäden. Diese sind in diesem Fall aber nicht aufgetreten.

Summe der Kosten dieses Unfalls unter Berücksichtigung von Gemeinkosten: 1618,95 Euro.

Da in dem Unternehmen jedoch mehrere Unfälle dieser Art von unterschiedlicher Schwere auftreten, ergeben sich übers Jahr gerechnet insgesamt Kosten von 7452,00 Euro.

Im nächsten Schritt betrachtete man die bestehenden Präventionsmaßnahmen und beriet mit Experten mögliche optimale Gegenmaßnahmen. Es wurden die Kosten der über die normalen gesetzlichen Anforderungen hinausgehenden Maßnahmen erhoben. In diesem Unternehmen gab es eine gute Ausstattung mit Schutzbrillen, begleitet von entsprechenden Schulungsmaßnahmen und lebendigen Unterweisungen. Es wurden darüber hinaus Umfragen zu optimalen Schutzbrillen und Maßnahmen zur Erzielung von sicherem Verhalten vorgeschlagen.

Diese Maßnahmen setzen ein Vorbildverhalten der Vorgesetzten und eine positive Fehlerkultur (der Fehler ist nicht als Fehlverhalten Einzelner, sondern als Mangel in einem Gesamtsystem zu betrachten) voraus. Als konkrete Maßnahmen kämen gegenseitige Beobachtungen durch Kolleginnen und Kollegen in Betracht, die zum Beispiel anhand gemeinsamer Unfallanalysen in Kleingruppen mit Video- oder Fotoaufzeichnungen von richtigem und falschem Verhalten vorgenommen werden könnten. Die Ergebnisse könnten über Bildschirme in Pausenräumen präsentiert werden.

Als alternative Maßnahme käme auch eine zusätzliche verhaltensorientierte Sensibilisierung in Betracht. Ein von Goder entwickeltes und von Rupprecht beschriebenes Verfahren basiert auf der so genannten Peer-Beobachtung. Peer-Beobachtung bedeutet eine gegenseitige Einschätzung durch Kollegen und/oder eine Selbsteinschätzung.

Dies wird von vielen Experten als eine effektive Methode angesehen, um ein sicheres Verhalten sowohl kurz- als auch langfristig zu erzielen. Das System wurde in einer Papier- Recycling-Anlage angewendet, um eine hohe Zahl von Sturz- und Stolperunfällen zu reduzieren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spielten die Unfälle nach, demonstrierten dann das korrekte Verhalten und filmten diese Szenen. Damit wurde eine Diskussion unter den Beschäftigten angestoßen.

Die Einzelszenen wurden zu kurzen Filmen zusammen geschnitten, in denen die falschen und die richtigen Verhaltensweisen gegenübergestellt wurden. Musik wurde unterlegt, aber auf Sprache wurde verzichtet. Die Filme wurden dann im Pausenraum in einer Endlosschleife gezeigt.

Obwohl die Arbeiter nicht aufgefordert wurden, sich die Filme anzusehen, nahmen sie den Inhalt sehr schnell auf und die Zahl der Unfälle ging innerhalb von neun Monaten auf null zurück. Als die Filme dann abgesetzt  wurden, wurden wieder Unfälle verzeichnet, allerdings auf einem niedrigen Niveau.

In drei unterschiedlichen Szenarien ließen sich dann die Unfallkosten mit den Investitionskosten für die (über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehenden) Präventionsmaßnahmen vergleichen:

Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse:

 

Szenario 1

Szenario 2

Szenario 3

Einsparungen (Euro)

578

1.317

7.829

Wirtschaftlichkeits-Index

10,64

22,95

5,45

Nutzen-Kosten-Verhältnis

4,8

9,5

4,4

Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse:

Alle Szenarien zeigen ein positives Kosten-Nutzen bzw. Nutzen-Kosten Verhältnis, die zu realisierenden Einsparungen sind auch hier im dritten Szenario mit über 18.000 Euro bei Investitionen von etwa 6.000 Euro am größten.

Fallstudie 2: Augenverletzungen in einem größeren Unternehmen

Im zweiten Beispiel handelt es sich um ein größeres Unternehmen, das Rohstoffe aus Lagerstätten abbaut. Die entsprechenden Summen sind hier deutlich größer. Durch Augenverletzungen entstehen jährliche Kosten von fast 30.000 Euro. Die Zahl der Fehltage ist höher als im obigen Beispiel, jedoch ist die Zusammensetzung der Kosten ganz ähnlich. Alle Arbeiter sind mit Augenspülflaschen ausgerüstet. Es werden neue Schutzbrillen unter Mitsprache der Beschäftigten angeschafft. Zusätzlich gibt es ergänzende Unterweisungen. Auch hier werden zusätzliche Maßnahmen zum sicheren Verhalten wie oben beschrieben als sinnvoll angesehen.

Die entsprechenden drei Szenarien stellen sich hier folgendermaßen dar:

Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse:

 

Szenario 1

Szenario 2

Szenario 3

Einsparungen (Euro)

155

11.038

18.574

Wirtschaftlichkeits-Index

1,04

3,70

4,04

Nutzen-Kosten-Verhältnis

1,0

2,1

2,4

Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse:

Alle Szenarien zeigen ein deutlich positives Kosten-Nutzen bzw. Nutzen-Kosten Verhältnis, die zu realisierenden Einsparungen sind jedoch im dritten Szenario mit fast 8.000 Euro bei Investitionen von etwa 1.800 Euro am größten.

Ausblick

Auch wenn es schwierig ist, generelle Schlussfolgerungen zu ziehen, da viele Variablen, wie etwa die Unternehmenskultur, einen großen Unterschied bewirken können, so lassen sich doch die folgenden Kernaussagen treffen.

Die Auswirkungen der Kosten von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen

Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme behindern das Wirtschaftswachstum. Die Folgen von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen gehen über den Arbeitsplatz hinaus. Die Kosten werden zum Teil auf die Gesellschaft und die Individuen abgewälzt.

Die Kosten von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen auf betrieblicher Ebene

Die Folgen von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen werden nicht immer bemerkt. Die Folgen von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen erhöhen die Kosten der Unternehmen und senken die Erträge. Die Ermittlung der Kosten erhöht das Bewusstsein über die Notwendigkeit von Prävention. Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme verursachen erhebliche Kosten.

Prävention lohnt sich

Investitionen in Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz tragen zum Ergebnis des Unternehmens bei durch konkret feststellbare Wirkungen. Aus der Praxis abgeleiteter Nachweis: Kosten-Nutzen-Analysen zeigen, dass Investitionen in Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz positive Ergebnisse erzielen.

 
Weitere Informationen

Logo Kooperationsstelle Hamburg IFE GmbH

Die Studie wurde 2012 in englischer Sprache auf den Webseiten der Generaldirektion veröffentlicht:

http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=716&langId=en&intPageId=1716

Eine Kurzfassung, die weitere interessante Beispiele präsentiert, wurde Anfang 2012 ins Deutsche übersetzt und ist auf der Website der Kooperationsstelle als PDF abrufbar:

http://www.kooperationsstelle-hh.de/wpcontent/uploads/benosh_publication_111017_d.pdf

Klaus Kuhl

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Kooperationsstelle Hamburg IFE GmbH

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