MIRO-Arbeitssicherheitsarbeit europäisch ausgezeichnet

MIRO-Logo

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA – Occupational Safety and Health Agency) hatte für das Jahr 2008 einen europäischen Wettbewerb zur Gefährdungsbeurteilung ausgelobt, an dem MIRO mit seinen verbandlichen Aktivitäten zum Thema TRGS 517 „Tätigkeiten mit potenziell asbesthaltigen mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Zubereitungen und Erzeugnissen“ teilgenommen hat. Im Rahmen dieses europäischen Wettbewerbs wurde das Managementkonzept „Schulung – Mus-ter-Gefährdungsbeurteilung – Muster-Dokumentation“ zum sicheren Umgang mit durch Asbest belasteten mineralischen Rohstoffen von der Europäischen Arbeitsschutzagentur ausgezeichnet.

Gemeinsam mit der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) wurden Schulungsmaßnahmen konzipiert und durchgeführt. Unter Mitarbeit der Harzer Pflastersteinbrüche Telge & Eppers, Niederlassung der Kemna Bau Andreae GmbH. & Co. KG, wurde eine Gefährdungsbeurteilung erstellt, die gleichzeitig auch als Grundlage für eine Dokumentation genutzt werden kann. Während derartige Schulungsmaßnahmen heute von anderen Bildungsträgern kosten-pflichtig angeboten werden, war die Teilnahme an den von StBG und MIRO gemeinsam durchgeführten Schulungen kostenlos.

Das von MIRO, StBG und den Harzer Pflastersteinbrüchen Telge & Eppers eingereichte Managementkonzept wurde als einziger deutscher Beitrag ausgezeichnet und mit einer Belobigung bedacht. Ausschlaggebend für die Jury waren die gute Konzeption des Beitrags sowie die „Hilfe zur Selbsthilfe“, die eine speziell für Steinbrüche zugeschnittene Gefährdungsbeurteilung enthält. Auch die kostenlose Bereitstellung der Schulungsmaßnahmen sowie der weiteren Teilnehmerunterlagen wurde besonders lobend erwähnt.

Die Preisverleihung fand im Rahmen einer europäischen Arbeitsschutztagung am 27. April 2009 in Prag unter Beteiligung von Jukka Takala,  Präsident der Europäischen Arbeitsschutzagentur, sowie des EU-Kommissars für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit, Vladimir Spidla, und des Staatssekretärs und stellvertretenden Ministers für Arbeit und Soziales der Tschechischen Republik, Petr Simerka, statt.

Walter Nelles

Preisverleihung des Good Practice Awards im April 2009 in Prag: (v.l.n.r.:) Walter Nelles (MIRO), Vladimir Spidla (EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit), Jukka Takala (Präsident der Europäischen Arbeitsschutzagentur), Andreas Sander (Harzer Pflastersteinbrüche Telge & Eppers, Niederlassung der KEMNA BAU Andreae GmbH. & Co. KG) und Petr Simerka (Staatssekretär und stellvertretender Minister für Arbeit und Soziales der Tschechischen Republik). Foto: OSHA
Preisverleihung des „Good Practice Awards“ im April 2009 in Prag: (v.l.n.r.:) Walter Nelles (MIRO), Vladimir Spidla (EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit), Jukka Takala (Präsident der Europäischen Arbeitsschutzagentur), Andreas Sander (Harzer Pflastersteinbrüche Telge & Eppers, Niederlassung der KEMNA BAU Andreae GmbH. & Co. KG) und Petr Simerka (Staatssekretär und stellvertretender Minister für Arbeit und Soziales der Tschechischen Republik). Foto: OSHA

Interview mit den Preisträgern

S+E: Glückwunsch, meine Herren, in Prag wurden von der Europäischen Agentur für Sicherheits- und Gesundheitsschutz 17 herausragende Beiträge zur Förderung der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz ausgezeichnet. Ihr Beitrag gehört dazu. Sind Sie stolz?

Nelles: Ein bisschen stolz sind wir schon, denn schließlich erhält man nicht alle Tage einen europäischen Arbeitsschutzpreis. Für mich persönlich ist es von viel größerer Bedeutung, dass zuerst eine deutsche und dann auch die europäische Jury unabhängig voneinander die Sicherheitsarbeit des Verbandes bewertet hat.

S+E: Herr Kolmsee, haben deutsche Unternehmen Probleme mit der Gefährdungsbeurteilung?

Kolmsee: Stichproben nicht nur in Deutschland zeigen, dass von einem flächendeckenden Vorliegen von Gefährdungsbeurteilungen noch längst nicht die Rede sein kann, und auch die Qualität der vorgefundenen Beurteilungen schwankt stark.

S+E: Herr Sander, warum tun sich die Unternehmen mit Gefährdungsbeurteilungen denn so schwer?

Sander: Der Begriff der Gefährdungsbeurteilung ist seit 1996 im Arbeitsschutzgesetz verankert. Da es aber hierzu keine festen Formvorschriften bzw. Checklisten gibt, die wirklich alles umfassen, herrscht eine große Unsicherheit. Zudem gibt es verschiedene Ansätze, wie man sich einer Gefährdungsbeurteilung nähern kann – arbeitsplatzbezogen, tätigkeitsbezogen? Weiterhin kommt hinzu, dass die Gefährdungsbeurteilung und deren Ergebnisse dokumentiert werden müssen. Auch hier liegt es allein im Ermessen des Arbeitgebers, wie er diese Pflicht erfüllt. Man hat schon mal das Gefühl, die Betriebe werden hier allein gelassen.

Kolmsee: Natürlich gibt es zahlreiche Handlungshilfen, die im Umlauf sind, um die Unternehmer bei ihren Verpflichtungen zur Gefährdungsbeurteilung zu unterstützen. Die Bandbreite reicht hierbei von Ankreuzlisten bis hin zu Gefährdungskatalogen. Es gibt auch komplexe EDV-Programme, die sich mit der Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen befassen. Wir als Steinbruchs-Berufsgenossenschaft haben in den letzten Jahren verschiedene Hilfestellungen zur Verfügung gestellt. Derzeit ist das Thema „Gefährdungsbeurteilung“ sogar ein Schwerpunktprogramm.

S+E: Herr Nelles, was ist denn das Besondere an Ihrem Konzept?

Nelles: Ein integriertes Managementkonzept zur Asbest-Gefährdungsbeurteilung in Steinbrüchen existierte bislang nicht. Jedes Unternehmen war bei der Beurteilung der Gefahrensituation und den daraus abzuleitenden Schutzmaßnahmen weitestgehend auf sich alleine gestellt, mit der Ausnahme, dass – wenn gewünscht – die StBG und auch MIRO (oder dessen Vorgängerverband BVNI) anlassbezogen beratend tätig wurden. Nach Inkrafttreten der neuen TRGS 517 hat MIRO zusammen mit der StBG Schulungen durchgeführt, um die Fachkunde zu vermitteln. Aus den in den Schulungen vielfach gestellten Fragen wurde uns schnell klar, dass die Unternehmen eine Art „Leitfaden“ benötigen, um die Situation in ihrem Betrieb richtig bewerten zu können, um dann daraus die entsprechenden Schutzmaßnahmen abzuleiten.

Walter Nelles
Walter Nelles

Kolmsee: Ja genau, denn schließlich muss ein betroffenes Unternehmen nicht sämtliche Schutzmaßnahmen, die in der TRGS 517 genannt sind, umsetzen, sondern das zu treffende Schutzregime ist aus der Erfassung und der Bewertung der „Ist-Situation“ abzuleiten. Wir haben in unserer Gefährdungsbeurteilung versucht, allen betrieblichen Aspekten, der Vielfalt der Tätigkeiten und den Arbeitsplatzsituationen Rechnung zu tragen. Die in der Muster-Gefährdungsbeurteilung aufgeführten Lösungsmöglichkeiten zur Beseitigung und Minderung einer möglichen Asbestfaserexposition sind spezielle, auf die in Steinbrüchen vorhandenen Arbeitsplätze zugeschnittene Schutzmaßnahmen.

Sander: Wichtig ist auch, dass unsere Gefährdungsbeurteilung nicht nur als „Checkliste“ konzipiert wurde, vielmehr haben wir auch die unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten, die sich dem Unternehmer bieten, aufgeführt und näher beschrieben. So hat sich aus der Muster-Gefährdungsbeurteilung gleichzeitig eine Dokumentationsgrundlage entwickelt, die jedes Unternehmen nutzen und auf seine spezielle Betriebssituation anpassen kann. Diese Dokumentation dient gleichzeitig auch als Mitteilung an die für den Arbeitsschutz zuständige Behörde.

S+E: Aus den Unternehmen ist oftmals zu hören, bei den gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsschutzmaßnahmen werde mit „Kanonen auf Spatzen“ geschossen...

Kolmsee: Für den Bereich des Schutzes vor Asbestfasern muss ich dies ausdrücklich verneinen. Asbest zählt zu den Stoffen mit einem hohen Gefährdungspotenzial. Gelangen Asbestfasern in die Lunge, können diese bei entsprechend hoher Konzentration und langjähriger Exposition schwere Lungenerkrankungen hervorrufen, wie z.B. die Asbes-tose oder eine durch Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura (Anm. der Redaktion: Lungen- und Rippenfell). Dabei handelt es sich um eine Schädigung des Bindegewebes, die Atemnot, Lungenfunktionseinschränkungen und in schweren Fällen den Ausfall der Lungenfunktion zur Folge haben kann. Bei einer bestehenden Asbestose erhöht sich das Risiko, an Lungen oder Kehlkopfkrebs zu erkranken. Die Exposition zusammen mit anderen Schadstoffen kann das Lungenkrebsrisiko noch vergrößern; so ist bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko bei Asbestbelastung wesentlich höher als bei Nichtrauchern. Weiterhin ist Asbest einer der wichtigsten Auslöser des Pleuramesothelioms, eines Tumors des Rippen- und Bauchfells.

S+E: Welche Bedeutung messen Sie dem Gesundheitsrisiko hinsichtlich Asbesterkankung in deutschen Steinbrüchen zu?

Sander: Man darf die gem. TRGS 517 zu treffenden Arbeitsschutzmaßnahmen nicht isoliert sehen. Kein Steinbruchbetrieb in Deutschland muss Staubschutzmaßnahmen nur wegen der möglichen Freisetzung von Asbestfasern treffen. Es gibt seit vielen Jahren Grenzwerte für den Staub am Arbeitsplatz, die es von allen Betrieben einzuhalten gilt. Derartige im Betrieb vorhandene Staubschutzmaßnahmen sind natürlich in die Gefährdungs-beurteilung mit einzubeziehen. Sie stellen im Prinzip den „Staubschutzsockel“ dar, auf dem eventuell zusätzliche Maßnahmen aufzusatteln sind.

Andreas Sander (li.) und Kurt Kolmsee
Andreas Sander (li.) und Kurt Kolmsee