Arbeitsunfälle auf historischem Tiefstand

Die Unfallstatistik 2005 der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft

Die positive Entwicklung der letzten Jahre im Unfall- und Berufskrankheitengeschehen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft hat sich auch im Jahr 2005 fortgesetzt. Mit 47,25 anzeigepflichtigen Arbeitsunfällen pro 1.000 Vollarbeiter wurde der tiefste Wert in der Geschichte der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft seit 1949 erreicht.

Vor einer Vorstellung der Zahlen im Detail ist eine Betrachtung der für die Interpretation des Unfall- und Berufskrankheitengeschehens wichtigen Basisdaten von großer Bedeutung.

Im Jahr 2005 waren 5.390 Unternehmen bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft versichert. Gegenüber dem Vorjahr hat sich diese Anzahl um 3,6 Prozent reduziert. Bezogen auf die letzten zehn Jahre hat die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft über 16 Prozent ihrer Mitglieds-unternehmen verloren. Über die Gründe soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden: Sie sind hinlänglich bekannt. Ähnlich sieht auch die Entwicklung bei den Versicherten aus.

Im Berichtsjahr waren 140.687 Personen bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft versichert (Abb. 1). Während unter der statistischen Größe „Versicherte“ sowohl Vollzeitbeschäftigte als auch geringfügig Beschäftigte erfasst werden, beschreibt der Begriff „Vollarbeiter“ einen Mitarbeiter, der im Berichtsjahr 1.570 Arbeitsstunden geleistet hat. Die Ermittlung der Vollarbeiterzahl ergibt sich aus der Division aller geleisteten Arbeitsstunden in den Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft durch den vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ermittelten Vollarbeiterrichtwert, der im Jahr 2005 auf die oben erwähnte Zahl von 1.570 Jahresarbeitsstunden festgelegt wurde.

In den Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft waren damit im vergangenen Jahr 126.731 Vollarbeiter tätig. Im Vergleich zum Jahr 2004 bedeutet dies ein Rückgang um rund 2,8 Prozent. In den letzten zehn Jahren hat die Steine und Erden-Industrie rund ein Drittel ihrer Versicherten verloren.

Doch zurück zum Unfall- und Berufskrankheitengeschehen. Die Anzahl der gemeldeten Arbeitsunfälle lag mit 12.632 um 8,5 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Dieser Wert setzt sich aus nichtanzeigepflichtigen und anzeigepflichtigen Arbeitsunfällen zusammen.

Das Verhältnis beider Unfallzahlen ist nahezu gleich. Das heißt, bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft waren ungefähr im gleichen Verhältnis nichtanzeigepflichtige und anzeigepflichtige Arbeitsunfälle zu bearbeiten. Das ist nicht bei allen Berufsgenossenschaften so: Bei einer Reihe von Berufsgenossenschaften wurden zwei bis drei Mal mehr nichtanzeigepflichtige als anzeigepflichtige Arbeitsunfälle gemeldet. Für die Interpretation des Unfallgeschehens einer Branche sind jedoch nicht diese absoluten Zahlen von Bedeutung, sondern die Kenngröße „anzeigepflichtige Arbeitsunfälle pro 1.000 Vollarbeiter“.

In Abb. 2 ist die Entwicklung des relativen Unfallgeschehens bezogen auf die letzten zehn Jahre dargestellt. Wie bereits erwähnt, wurde im Jahr 2005 mit 47,25 Arbeitsunfällen pro 1.000 Vollarbeiter ein historischer Tiefstand bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft erreicht. Nach Ende der 90er Jahre lag dieser Wert noch bei über 80. Die Darstellung des Unfallgeschehens in dieser Form ist deswegen von großer Bedeutung, weil sie die Entwicklung bei der Anzahl der Versicherten und damit Vollarbeiter in den Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft berücksichtigt.

Besonders interessant ist die Darstellung der Unfallhäufigkeit in den einzelnen Branchen. Dies ist  in Abb. 3 für sieben Kernbereichen dargestellt. Dabei wird deutlich, dass die Unfallhäufigkeit in der Naturstein-, Zement-, Kalk und Gips- sowie Beton und Betonfertigteil-Industrie deutlich abgenommen hat. Weniger deutlich fällt der Rückgang in der Transportbeton- und Kies und Sand-Industrie aus.

Demgegenüber ist in der Erdöl- und Erdgas-Industrie eine signifikante Zunahme der Unfallhäufigkeit zu verzeichnen. Dies resultiert sicherlich darin, dass aufgrund des gestiegenen Ölpreises die Explorationstätigkeit insbesondere bei der Suche und Gewinnung von Erdgas im Berichtsjahr sehr stark zugenommen hat.

Sehr erfreulich ist die Entwicklung bei den neuen Arbeitsunfallrenten. Hinter diesem Begriff verbergen sich Unfälle, bei denen die Betroffenen sehr schwer verletzt wurden und bei denen die Verletzungsfolgen eine entweder befristete oder dauerhafte Rentenzahlung zur Folge hatten. Im Jahr 2005 waren 219 dieser schweren Arbeitsunfälle zu verzeichnen (Abb. 4).

Dieser Wert konnte in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte reduziert werden. Eine intensive Betrachtung der „neuen Arbeitsunfallrenten“ ist insofern von besonderer Bedeutung als sie durch die Parameter „Zeitdauer“ und „Kostenaufwand“ maßgeblich Einfluss auf die mittel- bis langfristige Entwicklung des von den Mitgliedsunternehmen aufzubringenden Umlagesolls nimmt.

Hier kann jedoch für die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft positiv festgestellt werden, dass die Schere zwischen Rentenzugängen und Rentenabgängen immer stärker auseinander geht und sich damit der Rentenbestand sukzessive reduziert.

Bei den Ursachen der schweren Arbeitsunfälle hat sich im Berichtsjahr nichts Grundsätzliches geändert (Abb. 5): Wie auch bei vielen anderen Berufsgenossenschaften stehen die Stolper- und Umknickunfälle an erster Stelle. Gefolgt von Leiterunfällen und dem Absturz von höher gelegenen Arbeitsplätzen oder Verkehrswegen. Dass in der Steine und Erden-Industrie viele Fahrzeuge eingesetzt werden, spiegelt sich auch im Unfallgeschehen wieder.

Unfälle im Zusammenhang mit der Führung von Lastkraftwagen, Gabelstaplern oder Radladern sind in der Statistik auffällig. Im Berichtsjahr waren acht schwere Unfälle im Zusammenhang mit dem Betrieb von Förderbändern zu verzeichnen. Durch die gemeinsame Anstrengung von Mitgliedsunternehmen und Steinbruchs-Berufsgenossenschaft ist es diesem Bereich gelungen, das Unfallgeschehen in den letzten Jahren deutlich zu reduzieren. So waren vor rund zehn Jahren noch über 30 neue Unfallrenten im Zusammenhang mit schweren Unfällen an Gurtbandförderern zu entschädigen.

Bei den tödlichen Arbeitsunfällen ist leider eine Stagnation zu beobachten (Abb. 6). Im Jahr 2005 haben sich ebenso wie im Jahr 2004 zehn tödliche Arbeitsunfälle in Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft ereignet. Insgesamt haben in den letzten zehn Jahren 192 Beschäftigte ihr Leben bei der Arbeit verloren.

Dabei waren in nahezu allen Branchen tödliche Arbeitsunfälle zu verzeichnen. So wurden u. a. drei Mitarbeiter in der Betonfertigteil-Industrie, je ein Mitarbeiter in der Zement- und Erdöl- und Erdgas-Industrie sowie ein Mitarbeiter in der Naturstein-Industrie und ein Mitarbeiter in einem Werk der Asphaltmischgutherstellung getötet.

Auffällig ist, dass sich in eine Reihe von tödlichen Unfällen im Zusammenhang mit der Durchführung von „betriebsfremden Tätigkeiten“ ereignet haben. Hier wurden Mitarbeiter beauftragt Arbeiten auszuführen, die nicht unbedingt zu ihrem regelmäßigen Aufgabenspektrum gehören. So haben sich z. B. zwei tödliche Absturzunfälle im Zusammenhang mit der Durchführung von Dacharbeiten ereignet.

Die Selbstverwaltung der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft hat den Geschäftsbereich Prävention beauftragt, diese Unfallentwicklung näher zu analysieren und Vorschläge für eine zielgerichtete Prävention zu unterbreiten. In der Zwischenzeit wurden die Arbeiten an diesem Projekt aufgenommen. Eine Arbeitsgruppe wird bis Herbst dieses Jahres eine Bestandsaufnahme durchführen und zielgerichtete Präventionsaktivitäten erarbeiten. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt hierüber ausführlich berichten.

Nicht so erfreulich ist die Entwicklung bei den Wegeunfällen. Im Jahr 2005 haben sich 784 Wegeunfälle ereignet. Das entspricht einer Zunahme um 4,26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei den anzeigepflichtigen Wegeunfällen pro 1.000 Versicherte beträgt die Zunahme sogar 8,73 Prozent (Abb. 7). Wenn auch hier der Rückgang bezogen auf die letzten zehn Jahre rund 25 Prozent beträgt, muss doch die jetzt eingetretene Zunahme kritisch beobachtet werden. Die Bergbau- und die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft haben auf Wunsch ihrer Selbstverwaltungen bereits reagiert und eine entsprechende Präventionskampagne entwickelt. Diese wird im Herbst dieses Jahres beginnen. In einer der nächsten Ausgabe unseres Mitteilungsblattes werden wir über Einzelheiten informieren.

Positiv dagegen ist die Entwicklung bei den neuen Wegeunfallrenten. Im Vergleich zum Jahr 2004 waren mit 39 schweren Wegeunfällen acht weniger zu entschädigen. Bei den tödlichen Wegeunfällen zeigt sich kein einheitliches Bild. Aktuell waren im Jahr 2005 fünf tödliche Wegeunfälle zu beklagen. Dies ist jedoch ein deutlicher Rückgang im Vergleich zum Vorjahr, allerdings war im Jahr 2002 nur ein tödlicher Wegeunfall zu verzeichnen.

Beim Berufskrankheitengeschehen bewegt sich die Anzahl der eingegangenen Verdachtsanzeigen mit 483 Fällen auf dem Niveau des Vorjahres. In der Rangfolge der am häufigsten gemeldeten Verdachtsanzeigen steht die Lärmschwerhörigkeit an erster Stelle. Auf den folgenden Plätzen rangieren Erkrankungen der Wirbelsäule und der Lunge in Folge von Quarzstaubeinwirkung. Auf den weiteren Plätzen folgen Erkrankungen der Haut und der Lunge durch Asbesteinwirkung.

In 81 Fällen hat das Feststellungsverfahren das Vorliegen einer Berufskrankheit mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20 Prozent und mehr bestätigt (Abb. 8). Bei der Rangfolge der häufigsten neuen Berufskrankheitenrenten steht wie in den Jahren zuvor mit 33 Fällen die Silikose (BK 4101) an erster Stelle (Abb. 9). Mit 23 Fällen folgt auf Platz 2 die Berufskrankheit „Lärm“ (BK 2301) gefolgt von fünf Asbestosen im Zusammenhang mit Lungenkrebs (BK 4104). Schließlich sind im Berichtsjahr 25 Personen an den Folgen einer erlittenen Berufskrankheit verstorben (Abb. 10). In 18 Fällen lag die Ursache im weitesten Sinne in einer früheren Exposition gegenüber quarzhaltigem Staub, in sechs Fällen in einer Exposition gegenüber Asbestfasern.

Im Jahr 2005 hat das Unfall- und Berufskrankheitengeschehen in allen Bereichen einen erfreulich niedrigen Stand erreicht. Neben den strukturellen Veränderungen und Anpassungsprozessen haben ohne Zweifel auch die vielfältigen Aktivitäten der Mitgliedsunternehmen und der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft zu dieser erfreulichen Entwicklung ihren Beitrag geleistet.

Allerdings besteht kein Grund sich auf den Lorbeeren auszuruhen: Es gibt noch viel zu tun, packen wir’s an!

Dipl.-Ing. Wolfgang Pichl, StBG

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