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[Die Industrie der Steine + Erden]






Stagnierende Kosten trotz sinkender Unfallzahlen - Ein Widerspruch?

Die Konjunkturflaute der letzten Jahre ist auch in der Steine und Erden-Industrie als Zulieferer der Baubranche nicht ohne Auswirkungen geblieben. Insolvenzen, Investitionsrückgang und Optimierung der betriebwirtschaftlichen Abläufe haben neben Zentralisierung und Globalisierung zu einem kontinuierlichen Abbau der Beschäftigtenzahlen geführt. Gleichzeitig ist die Anzahl der Arbeits-/Wegeunfälle und Berufskrankheiten in den von der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) zu betreuenden Betrieben stetig zurückgegangen. Trotz dieser rückläufigen Entwicklung sind die Entschädigungsleistungen in den letzten Jahren unverändert auf einem konstant hohen Niveau geblieben.

Entwicklung der Entschädigungsleistungen sowie der angezeigten Unfälle und Berufskrankheiten von 1995 bis 2003
Entwicklung der Entschädigungsleistungen
sowie der angezeigten Unfälle und Berufskrankheiten
von 1995 bis 2003


Welche Gründe stehen für das Auseinanderklaffen zwischen Kosten- und Unfallentwicklung?
1995 wurden der StBG 31.122 Arbeits-/Wegeunfälle und Berufskrankheiten angezeigt. Diese Zahl der angezeigten Fälle hat sich im Laufe der vergangenen Jahre nahezu halbiert und betrug 2003 nur noch 16.453. Im Gegensatz hierzu sind die Entschädigungsleistungen von 124.702.369 EUR im Jahre 1995 auf 128.335.754 EUR im Jahre 2003 gestiegen.
Entschädigungsleistungen sind von der StBG als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung bei Arbeits-/Wegeunfällen und Berufskrankheiten nach einem kraft Gesetzes vorgegebenen Leistungskatalog an Unfallverletzte oder Berufserkrankte zu erbringen. Neben Renten an diese Versicherten und ihre Hinterbliebenen sind dies im Wesentlichen Leistungen für ambulante und stationäre Heilbehandlung, Verletztengeld sowie Leistungen der Berufshilfe zur Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess.



Kein direkter Zusammenhang zwischen Kostenentwicklung und Unfallzahlen

Hauptursache der gegenläufigen Entwicklung zwischen Entschädigungsleistungen und Unfallzahlen ist eine relativ hohe Anzahl von Versicherungsfällen aus den Jahren vor 1995. Im Jahr 2003 entfielen hierauf etwa 65 Prozent aller Entschädigungsleistungen der StBG. Aufgrund dieses "Altlasteneffekts" haben die rückläufigen Fallzahlen der vergangenen Jahre noch keinen maßgeblichen Einfluss auf die aktuelle Kostenentwicklung.


Kostenverhältnis




Größter Kostenfaktor: Rentenleistungen

Ein Blick auf die Verteilung der Entschädigungsleistungen im Jahre 2003 macht deutlich, dass der größte Ausgabenfaktor die Rentenleistungen sind. Sie allein machen im Jahr 2003 75 Prozent der Gesamtkosten im Entschädigungsbereich aus. Im Vergleich zu 1995 haben die Entschädigungsleistungen um 3.464.664 EUR zugenommen. Von den gesamten Rentenleistungen in 2003 entfielen mit 77.825.829 EUR ca. 80 Prozent auf Altrentenfälle vor 1995. Auf diesen fixen Kostenbestand haben die rückläufigen Fallzahlen der letzten Jahre nur geringen Einfluss. Durch wachsenden medizinischen Fortschritt wird die Lebenserwartung der Bevölkerung und somit auch die Rentenbezugsdauer weiter ansteigen.



Kostenanstieg bei der ambulanten Heilbehandlung

Die Kosten der ambulanten Heilbehandlung inklusive Pflege sind im Jahre 2003 im Vergleich zu 1995 um ca. 13 Prozent auf 11.414.544 EUR gestiegen. 31 Prozent dieser Kosten wurden für Versicherungsfälle vor 1995 aufgewandt. Auch hier macht sich das Unfall- und Berufskrankheitengeschehen der früheren Jahre bemerkbar. Denn die Versicherten haben wegen ihrer Unfall- oder Berufskrankheitsfolgen lebenslang Anspruch auf ambulante Heilbehandlung. Optimierte, aber kostenintensivere Heilbehandlungsmethoden sollen langfristige Rentenleistungen vermeiden bzw. aufgrund eines guten Heilungsprozesses reduzieren. In der StBG wird durch eine zielgerichtete Steuerung und Überwachung der Heilverfahren eine Kostensenkung angestrebt.



Erschwerte Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess

In dem von der StBG zu betreuenden Wirtschaftbereich haben Kostendruck und Absatzrückgang zu Einsparmaßnahmen in den Unternehmen geführt. Aufgrund ihrer finanziellen Lage fällt es den Unternehmern nicht leicht, Unfallverletzte weiterzubeschäftigen. Als Folge sind die Kosten für Berufshilfemaßnahme zur Reintegration von Unfallverletzten und Berufserkrankten in den Arbeitsprozess im Jahr 2003 im Vergleich zu 1995 um ca. 28 Prozent gestiegen. Häufig kann ein behinderungsgerechter Arbeitsplatz ohne den Erwerb von zusätzlichen Qualifikationen bzw. durch die Inanspruchnahme privater Arbeitsvermittlungsunternehmen nicht gefunden werden. Diese Maßnahmen erfordern zusätzliche finanzielle Anstrengungen.



Rückgang der Kosten bei stationären Heilbehandlungen und Verletztengeldzahlungen

Die Kosten der stationären Heilbehandlung sind in 2003 im Vergleich zu 1995 um etwa 9 Prozent auf 8.705.582 EUR zurückgegangen. Ähnlich verhält es sich bei den Kosten für Verletztengeld einschl. der Beiträge zur medizinischen Rehabilitation, die um ca. 11 Prozent auf 9.084.370 EUR gesenkt werden konnten. Die Kosten in diesem Bereich entfallen im Wesentlichen auf die neueren, nach 1995 eingetretenen Versicherungsfälle. Hier wirken sich die rückläufigen Unfall- und Berufskrankheitenzahlen auf die Kostenentwicklung bereits aus. Im Jahre 2003 ist die Summe aller Entschädigungsleistungen gegenüber derjenigen im Vorjahr um 1,3 Prozent zurückgegangen.


Kostenvergleich 1995 zu 2003
Kostenvergleich 1995 zu 2003




Fazit

Die Kostenentwicklung der Entschädigungsleistungen wird bei der StBG zur Zeit noch überwiegend durch Aufwendungen für Versicherungsfälle bestimmt, die vor 1995 eingetreten sind. Die aktuellen, rückläufigen Fallzahlen haben auf die Höhe der Aufwendungen bisher nur bedingt Einfluss. Mittel- und langfristig ist durch einen Rückgang des Altlasteneffekts bei gleichbleibend niedrigen oder sogar weiter abnehmenden Versicherungsfall-Zahlen allerdings mit einer Trendwende und einer deutlichen Reduzierung der Kosten zu rechnen.

Jörg Blödorn, StBG




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