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[Die Industrie der Steine + Erden]






Das Körbchen

Viele Damenräder besitzen sie, die zierlichen Drahtkörbchen, entweder vor der Lenkstange aufgehängt oder auf dem Gepäckträger montiert. Praktisch, sagen viele und das Fahrrad erhält eine typisch weibliche Note. City-Bike nennt man das dann wohl.
Vor einer Haustür auf meinem Weg zur Garage steht seit dem Frühjahr solch ein schickes Damenrad. Eines Tages sah ich aus dem Augenwinkel heraus irgend einen Papierschnipsel im Korb liegen. Ich schenkte dem keine weitere Aufmerksamkeit. Erst als am nächsten Morgen ein kleiner Stapel Reklame darin lag, wurde ich neugierig.
Von nun an achtete ich fast jeden Morgen auf den Inhalt des Körbchens und stellte einen ewigen Wandel des Inhalts fest. Fast nie war der Korb völlig leer. Mal verzierte ein abgeschlecktes Eistütchen, mal eine Bierdose oder einfach nur eine alte Tageszeitung das Fahrrad. Reklamezettel, die nicht mehr den Weg zum Leser fanden, wurden hier entsorgt. Was immer auch an Abfall im Körbchen lag, mit Sicherheit würde nicht die Besitzerin diese Dinge liegen lassen, vielmehr dürften vorbeigehende Passanten einen üblen Streich spielen.
Bildlich konnte ich mir vorstellen mit welcher negativen Erwartung die Besitzerin jeden Morgen gespannt zu ihrem Fahrrad geht. Das eine oder andere kann man ja noch als Scherz ansehen, auch wenn es niemand witzig findet, täglich vor Fahrtantritt erst einmal sein Körbchen zu entleeren. Aber Taschentücher und ausgetrunkene Bierdosen wirken schon abstoßend. Ich kann mir vorstellen, dass man einen regelrechten Hass auf den Verursacher aufbauen könnte, so weit gehend, dass man versuchte, diesem aufzulauern.
Währe das nicht ein Vergnügen, den morgendlichen Peiniger zu erwischen und ihn zur Rede zu stellen? Ihn richtig auszuschimpfen und ihm klarzumachen, mit welcher Rücksichtslosigkeit er seine Mitmenschen behandelt. "Er solle sein Altpapier und seine Abfälle gefälligst selbst entsorgen," würde man ihm eindringlich erklären.
Man würde an seine Ehre appellieren, so etwas in Zukunft zu unterlassen. Nur bei Reue und gezeigter Einsicht könnte man von Weiterungen absehen.
Ein ganzer Katalog von Argumenten fiel mir zur Unterstützung der verärgerten Radfahrerin ein. Ich könnte sie schon einschlägig beraten. Aber halt! Was wäre, wenn das Fahrrad nicht einer zarten Frau gehört, sondern einem robusten Mann, der mit dem Abfall zu seinem Betrieb fährt und am Fahrradstand angekommen, den Unrat in das Körbchen eines anderen Rades entlehrt? Aber so etwas gibt es unter Radlern - so glaube ich - gar nicht.

Hans-Jürgen Bahr

Frau am Fahrrad





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