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[Die Industrie der Steine + Erden]






Open Air

Alle freuen sich auf den Sommer! In der dunklen Jahreszeit ist er ein häufiges Gesprächsthema und wird heftig herbeigesehnt. Wenn er sich dann mit zartem Grün ankündigt, ist nach meiner Ansicht die schönste Zeit angebrochen, der Mai. Die Natur wirkt so frisch, wie blank geputzt. Die Temperaturen sind in der Regel sehr angenehm, und die Menschen verspüren den Drang, sich im Freien aufzuhalten.
Sie ahnen, was jetzt kommt? Ja, sie ist da, die Zeit der Straßen- und Schützenfeste, der Grillfeten und Feuerwerke. Wenn ich die Tageszeitung aufschlage, reiht sich zumindest am Wochenende ein Termin an den nächsten. Ich gehe davon aus, dass es in Ihrer Umgebung ähnlich ist.
So schlendert man über Frühlings-, Schützen- und Seefest, zum Osterfeuer, Biker-Rennen, zu den Hexen der Walpurgisnacht und den Neptunen der Watt-Taufe. Überall, wo ein Fest stattfindet, sind wir dabei. Sind wir im Sommer vergnügungssüchtig? Oder nur kommunikativ? Ich denke, wir sind gern unter Menschen und halten uns, wenn es das mitteleuropäische Sommerwetter zulässt, möglichst viel im Freien auf. Ja, Freiluftveranstaltungen sind wieder groß im Kommen. Mag die Wettervorhersage noch so gemischt sein, die Leute pilgern zum Open Air-Konzert, ausgerüstet mit Thermoskanne und Friesennerz. Wir lassen uns doch ein paar fröhliche Stunden nicht vom Wetter mies machen.
Auch scheint das Geld für Aktivitäten dieser Art vorhanden zu sein. Stände mit teuren Speisen sind heute genauso umlagert wie früher der Bratwurststand mit den Pferdewürstchen, drei Stück eine Mark. Heute probieren wir Sushi-Häppchen, weil japanisch zubereiteter roher Fisch „in" ist. Scampis sind schon auf dem Rückzug, auch wenn sie an Deutschlands nördlichster Fischbude immer noch zu horrenden Preisen prächtig laufen. Asiatisch ist ohnehin sehr angesagt, schaut man auf die Stände mit Glasnudeln, gebackenen Bananen, Gemüsepuffern und Frühlingsrollen. Versehen mit dem scharfen Sambal Oelek sind sie ein pikanter Einstieg in das, was wir hierzulande für fernöstliche Kochkunst halten. Gestärkt können wir uns dann dem eigentlichen Sinn dieses Festes oder Marktes zuwenden. Oder war etwa unsere Beköstigung bereits der Hintergrund unseres Kommens? Feiern wir uns nur noch selbst? Haben wir uns bereits in den Mittelpunkt aller Aktivitäten gestellt? Achtet man einmal darauf, dass man bei vielen Festivitäten dieselben Gesichter findet, so lässt sich vermuten, dass wir selbst das goldene Kalb sind, um das wir uns drehen. Feiern des Feiern willens, Freizeitgestaltung einer Gesellschaft, die sich selbst genug ist. Ohne groß zu überlegen, verabreden wir uns zum nächsten Date an der nächsten Lokation. Nur nichts versäumen, nur nicht schlappmachen. Auf zur Nacht der Nächte.

Hans-Jürgen Bahr


Dabeisein ist alles!





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