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[Die Industrie der Steine + Erden]






Die Haarpracht

Vor einigen Tagen kehrte ich vom Friseur zurück, versehen mit einem, wie ich meinte, tadellosen Sommerschnitt, als ich von mehreren Seiten angefrotzelt wurde. Ob ich unter den Rasenmäher geraten sei, wurde ich gefragt. Auch knabbernde Kaninchen wurden als Verursacher der Frisur vermutet und natürlich auch der immer wieder gern erwähnte Lehrling im ersten Lehrjahr.
Doch weit gefehlt, denn seit 15 Jahren halte ich meinem Friseur die Treue, wie es viele Männer tun. Schließlich sind wir beide ein Jahrgang und schon dadurch irgendwie seelenverwandt. Wir können herrlich über Gott und die Welt plaudern und enden meistens beim Fußball. Die gesamte Tabellensituation der ersten und zweiten Liga diskutieren wir ausführlich, um dann zu dem Ergebnis zu kommen: erste Bundesliga bedeutet, 17 Vereine machen sich Hoffnung, und am Ende gewinnt doch wieder Bayern München. Die wissen das schon vorher, geben es jedoch öffentlich nicht zu, um nicht die treuesten Anhänger zu verärgern.
Apropos ärgern. Mein Friseur und ich haben uns entschieden gegen jenen kommerziellen Sender ausgesprochen, den man nur gegen Zahlung eines zusätzlichen Obolusses und mittels eines eigenen Empfangsgerätes sehen kann. Auch wenn uns noch so viele Kameraperspektiven versprochen werden, schönere Spiele und andere Ergebnisse kommen bei denen auch nicht heraus. Jeden Tag zeigen sie ein anderes Spiel, und wenn keines stattfindet, wird die Wiederholung der Wiederholung eines Fußballklassikers abgespielt. So kann man Freude am Fußball kaputtmachen.
Daran arbeitet auch ganz intensiv der private Sender, der seine Fußballübertragungen zwischen Werbeblöcken versteckt; die Sendung mit den drei kleinen Buchstaben als Titel. Wenn nicht gerade die Mutter ihrem weinenden Knaben einen Löffel voller ländlicher Liebe reicht, dann schreien markige Kommentatoren platte Sprüche vom Spieler auf der rechten Außenbahn und dem Verteidiger, der eine richtige Kante sei. Beliebt ist auch nach einem Fehlschuss der Satz: „Wenn der den richtig auf den Schlappen kriegt, hält den kein Keeper dieser Welt, und das Netz beult sich bis zur Nordkurve!“ Konjunktiv, wo bist du geblieben?
Doch solche ketzerischen Gedanken werden vom nächsten Werbeblock vertrieben. Ein Entrinnen gibt es kaum, denn so viel Bier kann weder jemand holen noch wegbringen, so häufig wird der Sport unterbrochen. Wie schön war es doch, als wir alle noch in der ersten Reihe saßen und am Samstagabend in einer Dreiviertelstunde fundiert und umfassend informiert wurden.
Nun gut, vielleicht hatte mein Friseur sich ein wenig in Rage geredet und dies an meinen Haaren ausgelassen. Aber der Kommentar eines Freundes war dann doch übertrieben, als dieser meinte, einen Prozess gegen den Friseur würden wir gewinnen.


Hans-Jürgen Bahr

HJB beim Putzer





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