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[Die Industrie der Steine + Erden]






Das 3. Auge an Bord

Praxiserfahrungen mit einem Kamerasystem

Radlader stellen in der Steine und Erden-Industrie ebenso wie in anderen Industriezweigen ein unverzichtbares Transportmittel für Schüttgüter dar. Wegen ihrer Wendigkeit werden diese Baumaschinen oft in engen Bereichen eingesetzt. Gerade hier, aber auch sonst, fährt der Radlader viele Wegstrecken rückwärts, teilweise bis zu 50 Prozent seiner gesamten Fahrstrecke. Von Bedeutung für die Sicherheit ist wie bei jeder Baumaschine oder bei jedem anderen Fahrzeug, dass der Fahrer eine gute Sicht auf das Umfeld des Radladers besitzt, um Unfälle mit Personen- und/oder Sachschäden zu vermeiden. Nach vorn, seitlich und teilweise nach hinten, außerhalb des Profils der Baumaschine, hat der Fahrer in der Regel eine gute Sicht, wenn auch oft nur über die Außenrückspiegel. Nach hinten jedoch, direkt hinter der Baumaschine, hat der Fahrer meistens keinerlei Einsicht, obwohl die Fahrerkabinen schon recht hoch gesetzt sind. Innenrückspiegel sind meist nicht vorhanden, zudem kann auch über den Innenrückspiegel der Bereich hinter der Baumaschine nicht vollständig eingesehen werden. Ziel muss es deshalb sein, Radlader sowie andere Baumaschinen technisch so auszurüsten, dass der Fahrer seiner Verantwortung gerecht werden kann, Unfälle beim Rückwärtsfahren zu vermeiden. Die Industrie hat hierfür verschiedene technische Lösungen zur Erhöhung der Sicherheit entwickelt und angeboten – in der Praxis haben sich diese Lösungen aber noch nicht durchgesetzt – zumindest was die entsprechende Ausrüstung von Radladern betrifft.



Der Radlader wurde mit einem kamerasystem ausgerstet. Die Person befindet sich in ca. 9 m Abstand hinter dem Radlader und kann ohne die Anlage vom Fahrer nicht gesehen werden
Der Radlader wurde mit einem Kamerasystem
ausgestattet. Die Person befindet sich in
ca. 9 m Abstand hinter dem Radlader und kann
ohne die Anlage vom Fahrer nicht gesehen werden


Das Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, die Fels-Werke GmbH in Elbingerode, hat sich dieser Problematik angenommen und zur Erhöhung der Sicherheit beim Rückwärtsfahren einen Radlader mit einem Kamerasystem ausgerüstet. Dieser umgerüstete Radlader ist überwiegend beim Umschlag von Kalkstein im Einsatz. Die verwendete Ausrüstung, also Kamera, Monitor und alle anderen Bauteile und Baugruppen, haben sich bei allen Einsatz- und Klimabedingungen in Sommer und Winter bewährt. Störungen oder Ausfall gab es nicht. Auch ein zweites Mitgliedsunternehmen der StBG, die Haniel Baustoff-Industrie Zuschlagstoffe Haldensleben GmbH in Flechtingen, hat einen Radlader mit einer Raumüberwachungsanlage ausgerüstet und ebenfalls vergleichbare positive Praxiserfahrungen gesammelt (die nachfolgenden Ausführungen und Bilder beziehen sich jedoch nur auf den nachgerüsteten Radlader der Fels-Werke GmbH).

Die Kamera ist hinten am Heck des Radladers auf der Motorhaube befestigt. Dadurch wurde erreicht, dass ein möglichst großer Raum hinter dem Radlader auf dem Monitor in der Fahrerkabine einzusehen ist. Durch die hohe Anbringung der Kamera wird zudem bewirkt, dass die Verschmutzung der Kameraoptik sehr gering ist. Trotz der hohen Staubentwicklung um den Radlader, z. B. durch die Fahrbewegung, musste die Optik der Kamera bisher höchstens einmal pro Woche gereinigt werden.



Die Person rechts steht ca. 9 m hinter dem Bagger und ist vom Fahrer über die Rückspiegel nicht erkennbar
Die Person rechts steht ca. 9 m hinter dem Bagger
und ist vom Fahrer über die Rückspiegel nicht erkennbar


Der Monitor ist in der Fahrerkabine so eingebaut, dass das Blickfeld nach vorn oder zur Seite, einschließlich der Außenrückspiegel, nicht beeinträchtigt wird. Das Bild, das der Fahrer auf dem Monitor sieht, beginnt an der Hinterkante des Radladers und reicht in der Längsrichtung über den „toten Winkel" und in der Querrichtung über die Profilbreite des Radladers hinaus. Dadurch ist jede Person, die sich hinter dem Radlader aufhält, gut und rechtzeitig erkennbar. Da sich die Sichtfelder von Monitor und Rückspiegeln teilweise überschneiden, sind auch Personen wahrnehmbar, die sich noch nicht im Gefahrenbereich hinter dem Radlader aufhalten, aber sich eventuell in diesen Gefahrenbereich begeben wollen. Auch bei Dunkelheit ist ein gutes Bild auf dem Monitor vorhanden, da am Heck des Radladers zusätzliche Scheinwerfer oberhalb der Kamera angebaut wurden. Den jeweiligen Tages- bzw. Lichtverhältnissen entsprechend, kann die Helligkeit des Monitors vom Fahrer individuell nach seinen Bedürfnissen eingestellt werden. Der Fahrer hat jetzt bei allen Lichtverhältnissen eine gute Übersicht über den Bereich hinter dem Radlader; jede Einzelheit ist gut zu erkennen. Er kann auf jede Gefahrensituation schnell und ausreichend reagieren.



Am Radlader angebrachte Kamera und Rundumleuchte
Am Radlader angebrachte Kamera und Rundumleuchte


Aufgrund der Größe des Monitors wurde nur ein Monitor in die Fahrerkabine eingebaut. Der Einbau eines zweiten Monitors in der Nähe der Kabinentür würde das Ein- und Aussteigen aus der Fahrerkabine beeinträchtigen. An den Monitor mussten hohe Anforderungen hinsichtlich der Belastung durch Schwingungen gestellt werden. Nicht alle in Betracht gezogenen Monitore entsprachen diesen Anforderungen.

Die Fahrer, die diesen Radlader gefahren haben, betrachten die Nachrüstung des Radladers mit Kamera und Monitor als eine wesentliche Verbesserung für ihre Fahrsicherheit. Endlich können sie den Bereich hinter der Baumaschine ausreichend einsehen. Der zusätzliche Blick in den Monitor bedarf aber, wie sie betonen, einer gewissen Gewöhnungsphase. Obwohl der Blick in den Rückspiegel eines Kraftfahrzeuges für die Fahrer eine Selbstverständlichkeit ist, ist dies beim Radlader zunächst ungewohnt. Die Eingewöhnungszeit hat nach Einschätzung der Fahrer bis zu acht Wochen betragen. Nach dieser Zeit wird der Blick in den Monitor zur Selbstverständlichkeit und unbewusst ausgeführt. Die Ausrüstung aller Radlader mit einem Kamerasystem wird von ihnen befürwortet.

Um auch die passive Sicherheit bei diesem Radlader weiter zu verbessern, wurden zusätzlich zur Hupe Rundumleuchten am Radlader angebracht. Fährt der Radlader am Tage, sind Hupe und Rundumleuchten in Betrieb. Bei Dämmerung oder Dunkelheit wird die Beleuchtung des Radladers eingeschaltet, dadurch wird automatisch die Hupe abgeschaltet und es blinken nur noch die Rundumleuchten. Diese Rundumleuchten werden dann von Dritten ausreichend wahrgenommen. Am Tage nur Rundumleuchten als Warnsignal zu verwenden, wird als nicht ausreichend angesehen, da die gefährdete Person z. B. bei Sonnenschein den Lichtschein der Leuchte wahrscheinlich nicht wahrnehmen wird.

Der An- bzw. Einbau des Kamerasystems ist bei allen Baumaschinen, die rückwärts fahren, sinnvoll, auch wenn nur geringer Personenverkehr vorhanden ist. Gerade hier, so hat die Erfahrung gezeigt, gehen die Fahrer von der gefährlichen Annahme aus, dass sich keine Personen hinter der Baumaschine befinden können. Diese Fehleinschätzung hat schon zu sehr schweren Arbeitsunfällen geführt.

Der Einbau eines Kamerasystems ist grundsätzlich bei allen Baumaschinen möglich. Einflüsse, besonders Schwingungseinflüsse, die von der Baumaschine auf Kamera und Monitor einwirken, sind beherrschbar. Der Gewinn an aktiver Sicherheit für den Fahrer überwiegt bei weitem die relativ geringen Anschaffungskosten, zumal nachweislich auch Sachschäden zurückgehen.

Dipl.-Ing. Eberhard Grieger, StBG, Geschäftsstelle Berlin,
Tel. 0 30/5 46 00-0, Fax /5 46 00-3 05





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