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[Die Industrie der Steine + Erden]






Der Hicks

Wenn uns als Kinder einmal ein Schluckauf quälte, empfahl unsere Mutter, einen Schluck Wasser zu trinken oder möglichst lange die Luft anzuhalten. Auch einen Löffel voll Zucker im Mund zergehen zu lassen, galt als probates Hausmittel. Irgendwann hörte dann der Hicks auch auf, und es konnte weiter gespielt werden.

Wieviel peinlicher ist es jedoch, wenn uns als Erwachsenen ein solches Missgeschick in einer Gesellschaft ereilt. Plötzlich steht man im Brennpunkt des Interesses, alle schauen einen an, so glaubt man zumindest. Nach ersten missbilligenden Blicken gewinnt in aller Regel dann ein gewisses Mitleid die Oberhand, und gute Ratschläge prasseln auf den unfreiwillig in den Mittelpunkt Gelangten ein. Der Blutdruck steigt, die Gesichtshaut rötet sich. Man möchte in die Erde versinken, aber diese öffnet sich nicht. Fröhliche Zeitgenossen empfehlen, einen eiskalten Wodka auf einen Schluck hinunter zu kippen, woran man erkennt, dass mit zunehmendem Alter aus dem Ratschlag mit Wasser nun Hochprozentiges geworden ist. Burschikose Helfer schlagen einem unvermittelt auf die Schulter, um auf diese brutale Methode durch den Schreck das verkrampfte Zwerchfell zu lockern. Verspielte Typen versuchen, den gleichen Effekt zu erzielen, indem sie hinter dem Rücken des Opfers einen Luftballon oder eine mit Luft gefüllte Papiertüte zum Platzen bringen.

Nun ist der Hicks rein medizinisch gesehen nichts weiter als eine willkürliche Zusammenziehung des Zwerchfells, für die es eine Reihe von Ursachen gibt. Allen ist gemeinsam, dass sie in dem Moment des Auftretens nicht beeinflussbar sind. Wir müssen der Natur ihren Lauf lassen.

Aber wer kann schon mit einer solchen Nonchalance reagieren, wenn er mit einem vernehmlichen Ton einen Festredner stört und im Nu alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Kreise der Familie oder Bekannten kann man sicherlich diese Störung mit einer launigen Bemerkung überspielen. Doch bei einem offiziellen Anlass hilft diese Flucht nach vorn nicht. Hier heißt es, Ruhe zu bewahren oder fluchtartig den Saal zu verlassen. Die Peinlichkeit bleibt auf jeden Fall. Allein der Festredner könnte seinerseits die Situation gekonnt überspielen.

Doch wollen wir den berühmten Teufel nicht an die Wand malen und lassen den kleinen Hicks das sein, was er eigentlich auch ist: eine überraschende Reaktion des Körpers, die über den Willen nicht zu steuern ist. Machen wir keinen Staatsakt aus einer kleinen Laune der Natur. Tragen wir das spontane Ereignis mit der nötigen Fassung. Stehen wir heute einmal ungewollt im Mittelpunkt, ist es morgen ein anderer.

Hans-Jürgen Bahr


Der Hicks





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