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[Die Industrie der Steine + Erden]






Mobil sein



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In der Ausgabe 01/93 dieser Schrift hatte ich die fortschreitende Anzahl der Mobiltelefone und die damit verbundene Belästigung der Mitmenschen glossiert. Zurückblickend muß ich erkennen, daß ich seinerzeit vorschnell war. Geradezu paradiesische Zustände herrschten damals noch. Klingelte hier und dort ein Handy, waren dem Besitzer strafende Blicke gewiß, manchmal vielleicht auch neidische.Gerade einmal sechs Jahre sind seitdem vergangen, und die kleinen Quälgeister sind allgegenwärtig. Es ist possierlich anzusehen, wie nach dem ersten Klingelzeichen, pardon: der ersten Erkennungsmelodie, mehrere Handybesitzer in die Tasche greifen. Einige Hände zucken enttäuscht zurück, aber einer hält das Gerät triumphierend ans Ohr und zeigt allen, daß er gefragt, aber auch jederzeit erreichbar ist - ein Sieger eben!

Wenn ich das Straßenbild betrachte, stelle ich fest, daß eine große Zahl der mobilen Telefonierer junge Leute sind, bei denen man sich fragt, ob das Gespräch mit der Freundin oder dem Freund wirklich so wichtig ist, daß es mobil geführt werden muß. Wäre es nicht schöner, die Verabredung in den eigenen vier Wänden, vielleicht auf eine Couch gekuschelt, zu treffen? Aber dann würden es ja nicht so viele Menschen mitbekommen. Darüber hinaus stelle ich mir die Frage, wer denn den Jugendlichen diesen Telefonluxus finanziert? Gehört das Handy schon zum normalen Outfit?Doch genug des Negativen. Schließlich hat ein mobiles Telefon ja auch seine guten Seiten und ist für viele schon aus beruflichen Gründen kaum noch wegzudenken. Aber auch im privaten Bereich hat es seine Vorteile: Möchte man erreichbar sein, so wird es unterwegs eingeschaltet; will man ungestört sein und im Biergarten die Nachbarschaft nicht belästigen oder mithören lassen, dann gibt es, ähnlich wie am Fernsehgerät, einen ganz wichtigen Knopf, nämlich den zum Ausstellen. Und Rücksichtnahme gegenüber seinen Mitmenschen kommt immer gut an.Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, Rücksicht walten zu lassen. Denn seit einiger Zeit bin auch ich Handybesitzer, wie Sie vielleicht schon erahnt haben. Von Freunden wurde ich zum Geburtstag damit überrascht. Natürlich steckte meine Frau dahinter, die schon seit längerem der Auffassung war, daß ich in meinem Alter, schon aus Sicherheitsgründen, unterwegs ein Telefon mitführen sollte.Ich habe bereits einen wichtigen Vorteil genießen können. Als neulich ein guter Bekannter außer Rufweite auf der Straße vor mir herging, rief ich ihn per Handy an und bat ihn sich umzudrehen. Lachend begrüßten wir uns kurz darauf und plauderten eine ganze Weile. Sie fragen vielleicht, wo denn nun der Vorteil sei? Recht einfach: um den Bekannten zu rufen, war es zu weit, und um hinter ihm auf den Fingern herzupfeifen, bin ich zu erwachsen. Da ist doch so ein Handy geradezu eine diskrete Methode.

Hans-Jürgen Bahr





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