Arbeitssicherheit

Weniger Unfälle durch Sichtfeldanalyse

Warnung: Sichere Sicht vorerst ohne Norm!

Die Europäische Union beabsichtigt eine Verschärfung der Anforderungen für die Sichtfeldanalyse in den einschlägigen Normen und hat zudem vorläufige Maßnahmen erlassen.

Die Europäische Kommission ist zu dem Schluss gekommen, dass die harmonisierte Norm EN 474-1:2006+A4:2013 zur Sicherheit an Erdbaumaschinen nicht die grundlegenden Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen gemäß Anhang I der Europäischen Maschinenrichtlinie (2006/42/EG) zur Sicht des Fahrers während des Betriebs erfüllt. Durch die Aufnahme eines Warnhinweises in die Liste der harmonisierten Normen hat die Kommission dieser wichtigen Basisnorm für die Sicherheit von Erdbaumaschinen in puncto Sichtfeld die Vermutungswirkung entzogen.

ISO-Norm dringend verbesserungswürdig

Da sich die Basisnorm EN 474 Teil 1 im Abschnitt 3.2.1 zur Sichtfeldanalyse auf die Norm ISO 5006 bezieht, wurden bereits Anfang 2014 die Europäische Normungsorganisation CEN und die internationale Normungsorganisation ISO von der Koordinierungsgruppe der Europäischen Marktüberwachungsbehörden (ADCO) zur Änderung dieser Norm aufgefordert. Die ADCO fordert die Reduktion des Messkörpers zur Bestimmung der Sicht im Nahfeld (1m um die Maschine) auf eine Höhe von 1,0 m. Insbesondere bei den größeren Erdbaumaschinen dürfte das dazu führen, dass der Messkörper mit einfachen Spiegelsystemen nicht mehr zu sehen ist und somit keine ausreichende Sicht nach hinten gegeben ist. Der Messkörper steht stellvertretend für einen gebückt stehenden Menschen. Und seien wir einmal ehrlich: Es gibt viele Arbeiten in gebückter Haltung, so sehr wir uns im Sinne der Rückengesundheit auch den aufrecht stehenden Menschen wünschen. Die alternative Lösung, wenn Spiegel nicht mehr wirksam sind, ist im Normalfall ein Kamera-Monitor-System, mit dem zum Beispiel tote Winkel auf einen Bildschirm in der Fahrerkabine übertragen werden. Auch der Einsatz neuer Technologien, wie 3D-Kamera-Monitor-Systeme mit 360° Rundumsicht, führen zu sichereren, ergonomischen und effektiveren Arbeitsabläufen. Experten schätzen, dass es mindestens ein Jahr dauern wird, bis die betroffene ISO- und in Folge die EN-Norm in puncto Sicht ein höheres Sicherheitsniveau festschreibt. Bis dahin dürfen Hersteller und Betreiber von Baumaschinen aber nicht untätig bleiben.

Monitor in einer Fahrerkabine
Der Monitor bietet gute Sicht in den rückwärtigen Bereich, ohne toten Winkel.

Bedeutung für den Betreiber

Unmittelbare Wirkung entfaltet die Rücknahme der Vermutungswirkung zunächst einmal nur für die Hersteller. Diese müssen nun eine aufwendigere Risikobeurteilung durchführen und sind augenblicklich gut beraten, wenn sich diese an den Forderungen der ADCO orientiert. Bei einer Neuanschaffung sollten die Betreiber den Hersteller auf die Forderungen der ADCO ansprechen und entsprechend dem Einsatzzweck für die Maschine eine Beurteilung zu den Sichtverhältnissen (entsprechend Maschinenrichtlinie) einfordern. Es empfiehlt sich, den genauen Einsatzzweck und die vom Hersteller getroffenen Maßnahmen in schriftlicher Form (z.B. Vertrag) festzuhalten. Aber auch für Bestandsmaschinen müssen sich die Betreiber jetzt im Rahmen ihrer Gefährdungsbeurteilung Gedanken um die Verbesserung der Sicht machen. Es liegen schließlich neue technische Erkenntnisse vor, die nahelegen, dass sich der Stand der Technik deutlich geändert hat. Die Europäische Kommission entzieht einer Norm nicht leichtfertig, sondern nur auf Basis eines breiten Konsenses unter den unabhängigen Experten die Vermutungswirkung. Nutzen Sie diese Erkenntnis für die Verbesserung des Arbeitsschutzes in Ihrem Unternehmen.

Im Zweifel nachrüsten

Es gibt gemäß Betriebssicherheitsverordnung keine grundsätzliche Nachrüstpflicht auf den aktuellen Stand der Vorschriften für Neumaschinen. Einen Bestandsschutz gibt es aber auch nicht, denn gemäß §4 Nummer 3 des Arbeitsschutzgesetzes hat der Arbeitgeber bei den Maßnahmen gemäß Gefährdungsbeurteilung den Stand der Technik zu berücksichtigen. Eine gemäß „Vorbemerkung“ des Anhangs 1 der BetrSichV definierte unzumutbare Härte liegt bei der anstehenden Nachrüstung eines elektronischen Sichthilfsmittels unstrittig auch nicht vor, wenn man die Nachrüstkosten ins Verhältnis zum Zeitwert einer großen Baumaschine setzt. Das Ergebnis der allermeisten Gefährdungsbeurteilungen für große Baumaschinen, wie z. B. Kettenbagger und Radlader, dürfte sein, dass ein einfaches Spiegelsystem zur Sicherstellung einer ausreichenden Rundumsicht, nach Stand der Technik, nicht mehr ausreichend ist. Spiegel-zu-Spiegel-Systeme sind nicht akzeptabel. Die entsprechende Maßnahme ist die Auswahl und die Nachrüstung eines alternativen Sichthilfsmittels. Da inzwischen nicht nur die bekannten Kamera-Monitor-Systeme, sondern auch viele weitere innovative Sichthilfsmittel sowie ergänzend Personenerkennungs- und -warnsysteme zur Verfügung stehen, wurde vom Netzwerk „Sichere Baumaschinen“ eine Auswahlhilfe erstellt. Als sicherlich erwünschter Nebeneffekt werden durch eine bessere Sicht auch Sachwerte geschützt. Hinweise für die notwendige Aktualisierung der Gefährdungsbeurteilung sind vom Sachgebiet Tiefbau der DGUV im Internet erhältlich. Dort findet sich auch eine Handlungsempfehlung für die Betreiber von „Bestandsmaschinen“.

Schema des Überwachungsbereichs am Fahrzeugheck
Auch die Zone unmittelbar hinter dem Fahrzeug kann eingesehen werden.

Gute Sicht gleich mitgekauft

Steht in einem Unternehmen die Beschaffung von neuen Erdbaumaschinen an, so sollte man das Thema Sicht des Fahrers besonders kritisch betrachten. Ist kein Kamera-Monitor-System oder ein vergleichbares Sichthilfsmittel ab Werk eingebaut, das vermuten lässt, dass die Forderungen der ADCO erfüllt sind, so sollte man sich vom Hersteller darlegen lassen, wie die Anforderungen anderweitig erfüllt werden. Bei kleinen Baumaschinen kann ein konventionelles Spiegelsystem durchaus auch die neuen Anforderungen erfüllen. Vorziehen sollte man auch solche Kamera-Monitor-Systeme, die in das Design der Baumaschine integriert sind. Insbesondere die empfindlichen Kameras sollten versenkt oder zumindest gut geschützt eingebaut sein, um Beschädigungen zu vermeiden. Monitore sollten in das Cockpit-Design integriert werden, um nicht bei Vorwärtsfahrt die Sicht einzuschränken. Und natürlich um ergonomische Belange zu beachten. Wenn Sie sich für den Blick in den Monitor verrenken müssen oder gar geblendet werden, dann würden Sie wohl auch eher selten hineinsehen.

Dr.-Ing. Jost-Peter Sonnenberg/Dipl.-Ing. René Ulbrich

BG RCI Langenhagen

Informationen des Netzwerkes Baumaschinen

Das Netzwerk Baumaschinen ist eine Initiative interessierter Kreise von Anwendern, Gewerkschaften, Behörden, Berufsgenossenschaften bis hin zu Herstellern von Sicherheitstechnik. Gemeinsames Ziel ist die Verbesserung der Sicherheit bei der Verwendung von Baumaschinen. Eingebettet ist das Netzwerk in die Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ (INQA) im Unterprogramm „Offensive gutes Bauen“, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (www.inqa.de).

Hinweis: Die Informationen zum Entzug der Vermutungswirkung zum Sichtfeld sind in den Broschüren noch nicht berücksichtigt.

Broschüre „Profis nehmen Rücksicht“
Broschüre „Profis nehmen Rücksicht“
Broschüre „Kamera-Monitor-Systeme Sinnvolles und sicheres Nachrüsten“
Broschüre „Kamera-Monitor-Systeme Sinnvolles und sicheres Nachrüsten“
Broschüre „Aktive Warnsysteme“ (Beilage der gedruckten Ausgabe)
Broschüre „Aktive Warnsysteme“ (Beilage der gedruckten Ausgabe)
Diese Broschüre und weitere Informationen können Sie auch online einsehen: www.gute-baustelle.de

Forderungen der ADCO* an CEN/ISO zur Verbesserung der ISO 5006:

* ADCO: Koordinierungsgruppe der europäischen Marktüberwachungsbehörden

 
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