Arbeitssicherheit

Alles ist ganz anders

Diese etwas ungewöhnliche Unfallschilderung beruht auf einem wahren Ereignis: Ein Mitarbeiter hat bei Einstellarbeiten an einem laufenden Förderband seine Hand verloren.

Wo bin ich? Was ist mit mir los? Das ist ein Krankenzimmer. Alles ist kahl. Ich liege im Bett. Über mir piept es. Ich bin nicht richtig wach. Es gehen Schläuche von mir weg. Da hängt eine Flasche. Draußen fährt ein Zug.

Mir geht’s schlecht.

 

Mein Arm ist so komisch. Was ist mit meiner linken Hand? Ich kann mich gar nicht richtig bewegen. Ich will nicht denken. Ich will nicht denken. Es war schrecklich. Es war ganz große Sch…

Es tut so weh.

 

Gestern war so ein schöner Tag. Sabine hat endlich Arbeit gefunden und ist erstmals auf die neue Stelle. Ich weiß gar nicht wie sie zurechtgekommen ist. Ich habe sie noch nicht gesehen. Lukas ist auf den Ausflug gefahren. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Es dreht sich alles.

 

Ich hab mich doch aufs Wochenende gefreut. Klaus und ich wollten zum Angelturnier an den Altrhein fahren. Das soll doch heute sein. Weiß er schon was? Wer sagt ihm Bescheid? Ich muss da hin. Ich will da hin. Es geht nicht. Ich komm hier nicht so schnell raus.

Ich fühl mich so eng.

 

Günther und ich mussten gestern mal wieder die Anlage fahren. Eigentlich ein easy Job. Günther ist toll. Er ist immer gut drauf. Auch wenn’s regnet. Der interessiert sich für einen. Der geht zu jedem Motorradrennen. Der ist echt verrückt.

Der geht mit dem Radlader um wie mit seiner Freundin.

Ich kann mich nicht rühren.

 

Wir mussten den Schutt brechen. Der Chef wollte den Haufen endlich weghaben. Ist schon ne tolle Maschine, der Brecher. Den kriegt nichts klein. Aber der macht alles klein. Ist richtig laut. Ich muss Mickey Mäuse tragen. Deshalb ist es gut, ausreichend Pause zu machen. So kann ich wenigstens dann mit Günther ordentlich quatschen – über alles.

Ich hab Angst.

 

Pause haben wir gemacht, so um zehn. Günther hat noch nen Witz gemacht. Habs vergessen. Was über Blondinen. Dann ist er wieder auf seinen Bock. Ein großer mit drei Kubik. Der schafft was weg.

Ich kann nicht richtig denken.

 

Ich wieder an das Band. Immer schön auf den Gurt glotzen und Plastik raus schmeißen. Eigentlich gar nicht so schlecht. Kam gar nicht viel gestern. War easy.

Was wird mit mir?

 

Aber das Band lief nicht richtig. Immer so schief. Und schiefer. Ich musste doch was machen. Wir können nicht wegen jeder Kleinigkeit die Schlosser kommen lassen.

Der Chef ist froh, wenn alles glatt läuft. Der ist fair. Aber du musst Leistung bringen.

Ich kann nicht einfach so weitermachen.

 

Das war doch schon paar Mal passiert. Kleine Sache. Kein Thema. Schlüssel schnappen. Zwei drei Umdrehungen an der Spindel. Und das Band läuft wieder - perfekt gerade. Habs nicht abgestellt. Geht so auch viel schneller. Wir wollen ja was schaffen. Wir sind keine Luschis.

Ich halt’s nicht mehr aus.

 

Bin dann auch losgezogen. Weiß gar nicht wo der Günther war. An der Aufgabe rum. Und los ging’s. Die Schraube war fester als sonst. Es war schwerer.

Ich will hier raus.

 

Da wars passiert. Ich habs erst gar nicht geschnallt. Mein Arm war in der Einzugstelle. Tragrolle, überbaut mit Führungsblech. Die Hand war ab.

Ich hab nur dagestanden. Bin ein paar Meter zurück.

Ich weiß nicht weiter.

 

Günther hat mich gesehen. Er hat mir geholfen. Er hat den Hubschrauber geholt.

Der Chef war da. Die haben mich nicht allein gelassen.

Ich schau es mir nicht an. Ich kann nicht.

 

Warum war ich da? Warum hat der blöde Gurt mich erfasst? Warum gerade ich? Was ist schief gelaufen? Alles. Da war kein Gitter. Keine Reißleine.

Ich muss die Zeit zurückdrehen.

 

Sabine wird verrückt. Das ist zuviel. Erst das mit ihren Eltern und jetzt ich.

Und Lukas. Der wollte mit mir in die Kletterhalle gehen. Wie soll ich’s ihm beibringen?

Was soll ich machen?

 

Eins ist sicher – alles wird ganz anders.

                              

Dipl.-Ing. Horst König

BG RCI Nürnberg

Medizinisches Personal mit Schutzmasken beugt sich über einen Patienten im Opeationssaal, Sicht des Patienten auf dem Tisch
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