„95/5“

Wolfgang Pichl

Was bedeutet „95/5?“ werden Sie jetzt fragen. Ist es das Wahlergebnis des chinesischen Staatspräsidenten auf dem letzten nationalen Volkskongress? Oder wird damit in Artikel 16 Abs. 4 der EG-Aromenverordnung geregelt, was unter einem natürlichen Aromastoff im Bezug auf die Lebensmittel zu verstehen ist? Das sind sicherlich alles richtige Erklärungen, aber in der Welt der Arbeitsschützer hat die Zahlenangabe „95/5“ eine andere Bedeutung.

Mit diesem Zahlenverhältnis wird angegeben, dass rund 95 Prozent aller Arbeitsunfälle auf nichttechnische Faktoren in der Unfallursachenkette zurückzuführen sind. Nur fünf Prozent der Unfälle haben ihre Ursache im technischen Versagen von Anlagen und Maschinenbauteilen. Eine erfolgreiche Prävention muss also beim Verhalten von Führungskräften und Mitarbeitern ansetzen. Wie schwer es aber ist Verhalten zu ändern weiß jeder, der schon Kinder erzogen hat. Noch viel schwieriger ist es aber lebenserfahrene, ältere Menschen zu einer nachhaltigen, sicherheitsgerechten Verhaltensänderung zu bewegen.

Das menschliche Verhalten wird durch komplexe Vorgänge gesteuert. So spielen individuelles Wissen, aktuelle Gefühle, Motivation, akzeptierte Regeln, Gebote und Verbote genauso eine Rolle wie Persönlichkeit, Erziehung und Erfahrung. Auch die natürliche Angst des Menschen vor Gefahren und deren möglichen Folgen steuern das Verhalten. Allerdings aus der Sicht des Arbeitsschutzes nicht immer mit dem richtigen Ergebnis. (Be)greifbare Gefährdungen werden in der Regel richtig eingeschätzt. Nicht greifbare Gefährdungen wie durch geruchlose Gefahrstoffe oder Lärm, werden dagegen häufig unterschätzt. Die beschriebenen Parameter führen auch zu einer unterschiedlichen Einschätzung der Schadenseintrittswahrscheinlichkeit. Beschäftigte, die in gefährlichen Bereichen seit vielen Jahren ohne Arbeitsunfall arbeiten, sehen hier „überhaupt kein Sicherheitsproblem“, während andere beim Anblick dieser Arbeiten vor Schreck erstarren. Auch über Jahre eingefahrene Automatismen in den Arbeitsabläufen erschweren bewusst herbeigeführte Verhaltensänderungen bei objektiv vorhandenen Sicherheitsdefiziten.

Die Arbeitspsychologen sagen, dass Mitarbeiter aktiv zu sicherheitsgerechtem Verhalten befähigt werden müssen. Dies geht über das Lernen und Trainieren sowie über Anreize zur Motivation der Beschäftigten. Klare Regeln und eine stufenweise Sanktionierung sicherheitswidriger Verhaltensweisen verhindern die Automatisierung. Das richtige Gefahrenbewusstsein kann sich nur über eine dauerhafte Auseinandersetzung mit wichtigen Arbeitsschutzthemen entwickeln. Die regelmäßige Unterweisung der Mitarbeiter und eine wiederkehrende Beschäftigung mit dem Thema „Gefährdungsbeurteilung“ sind wichtige Erfolgstreiber im Sinne einer positiven Verhaltensbeeinflussung.

Ich weiß, das sind dicke Bretter, die wir hier gemeinsam bohren müssen. Aber wenn wir zukünftig nachhaltig die Unfallzahlen senken wollen, müssen wir uns gemeinsam den mit diesem anspruchsvollen Präventionsthema verbundenen Herausforderungen stellen - allerdings ohne die Technik dabei zu vergessen.

Also weg von „95/5“ sondern hin zu „0“: Null Arbeitsunfälle in der Baustoffindustrie.

Herzlichst Ihr

Wolfgang Pichl