Arbeitssicherheit

Alleinarbeitsplätze bei der Rohstoffgewinnung

Arbeitsplätze in Deutschland – und damit auch in den Mitgliedsbetrieben der Branche Baustoffe - Steine - Erden der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) – haben sich in den vergangenen Jahren aufgrund eines Strukturwandels in der Wirtschaft deutlich verändert. Alleinarbeit ist heute in den verschiedensten Wirtschaftszweigen, Unternehmen und Berufen weit verbreitet. Als Folge eines unverändert bestehenden Rationalisierungs- und Technisierungsdruckes in den Unternehmen ist davon auszugehen, dass die Anzahl von Einzelarbeitsplätzen in der Zukunft weiter zunehmen wird. Vor dem Hintergrund dieses Trends zu mehr Alleinarbeit oder Einzelarbeitsplätzen erscheint es wichtig, dass sich die Prävention dem Thema der spezifischen Risiken und Belastungen im Bereich der Alleinarbeit zuwendet.

Hierbei sollten insbesondere die sogenannten „weichen Gefährdungsfaktoren“ berücksichtigt werden, da deren Einflüsse auf Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit neuesten Studien zufolge immer noch unterschätzt werden. Nach dem BKK Gesundheitsreport 2011 sind in Deutschland 12 Prozent aller Krankheitstage auf psychische Fehlbeanspruchungen und psychische Störungen zurückzuführen. Tendenz: steigend. Der AOK-Bundesverband hat in seiner Statistik von 1999 bis 2010 eine Zunahme der Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen um ca. 70 Prozent ausgewiesen.

Nassgewinnung Kies

Durch Mitarbeiter aus den Mitgliedsbetrieben der BG RCI wird immer wieder die Frage an Aufsichtspersonen herangetragen, ob Alleinarbeit eigentlich erlaubt sei. In Gesprächen wird dann oft deutlich, dass diese Frage gar nicht wegen besonderer Gefährdungen oder einer schwierigen Rettungssituation gestellt wird. Eine möglicherweise „zu späte Erste Hilfe vor Ort“ wird erstaunlicherweise subjektiv gar nicht als belastend empfunden.

Vielmehr geht es bei der Fragestellung um verborgene Motive wie:

Es sind anscheinend ganz andere Beweggründe, wie Gefühle, Ängste und Sorgen, die dazu geführt haben, dass die Mitarbeiter die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Alleinarbeit stellen. Diese Empfindungen der Beschäftigten haben sich zu einer Unzufriedenheit mit ihrer Arbeitssituation entwickelt. Wenn es gelingt, den Mitarbeitern an Einzelarbeitsplätzen diese innere Unzufriedenheit ein Stück weit zu nehmen, steigert dies die Motivation und Leistungsbereitschaft der betroffenen Mitarbeiter, und leicht einen Beitrag zur Reduzierung von arbeitsbedingten Erkrankungen leistet. Mit einem positiven Arbeitsumfeld für die Mitarbeiter ist es auch für das Unternehmen leichter, sein Personal an sich zu binden. Damit hat es auch in Zukunft weniger Probleme, neues geeignetes Personal zu rekrutieren, was vor dem Hintergrund eines zunehmenden Fachkräftemangels immer wichtiger wird.

Rechtliche Grundlagen

Beispielsweise ist nach Paragraf 5 Arbeitsschutzgesetz der Arbeitgeber verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, bei der die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter beurteilt werden. Diese Beurteilung besteht aus der Ermittlung und Bewertung der möglichen Gefährdungen, die am Arbeitsplatz des Mitarbeiters auftreten können. Daher müssen auch die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter bei der Alleinarbeit beurteilt, und daraus resultierend Maßnahmen abgeleitet werden.

Die eingangs erwähnte Fragestellung nach der Rechtmäßigkeit von Alleinarbeit durch betroffene Mitarbeiter deutet darauf hin, dass in Gefährdungsbeurteilungen oftmals die Alleinarbeit nicht angemessen berücksichtigt wird. Diese These wird durch eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) aus dem Jahr 2008/ 2009 eindrucksvoll bestätigt. Dabei wurden 1.700 Betriebe mit mehr als 19 Mitarbeitern (> 19 MA) nach ihrer Gefährdungsbeurteilung gefragt.

Insgesamt bestätigten 56 Prozent, eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt zu haben, allerdings sagten nur 20 Prozent aus, dabei auch psychische Belastungen berücksichtigt zu haben. Noch deutlicher scheint diese Tatsache bei Kleinunternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern (< 50 MA) zu sein. Bei einer Befragung von Inhabern/Geschäftsführern aus dem Jahr 2010 bestätigten 38 Prozent die Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung, aber nur sechs Prozent eine Berücksichtigung von psychischen Belastungen.

In der folgenden Grafik sind die Ergebnisse dieser Studien dargestellt.

Berücksichtigung von psychischen Belastungen in Gefährdungsbeurteilungen (Diagramm)
Berücksichtigung von psychischen Belastungen in Gefährdungsbeurteilungen.

Abgrenzung: Alleinarbeit – gefährliche Arbeiten

Alleinarbeit liegt laut BGR 139 vor, wenn eine Person allein, außerhalb von Ruf- und Sichtweite zu anderen Personen, Arbeiten ausführt. Das kann auch für kurzzeitige Alleinarbeiten gelten. Nach dieser Definition von Alleinarbeit ist die Dauer der Tätigkeit nicht entscheidend dafür, ob Alleinarbeit vorliegt. Für die Belastung des Mitarbeiters bei der Alleinarbeit ist die zeitliche Dauer der Tätigkeit (wie Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten) nach Aussagen in der Literatur jedoch sehr wohl ein wichtiges Kriterium.

Alleinarbeit kommt im Arbeitsalltag der Rohstoffgewinnung relativ häufig vor und soll näher betrachtet werden. Wichtig ist nach den Vorschriften, dass dabei die Möglichkeit besteht, in einer Notsituation etwa über Festnetz- oder Mobiltelefon, jederzeit Hilfe herbeizurufen. Gem. BGR 139 sind „gefährliche Arbeiten solche, bei denen eine erhöhte oder kritische Gefährdung aus dem Arbeitsverfahren, der Art der Tätigkeit, den verwendeten Stoffen sowie aus der Umgebung gegeben sein kann.

Es gibt bestimmte gefährliche Arbeiten, die als Alleinarbeit verboten sind; das sind solche Arbeiten, bei denen bereits ein Fehler zu einer Katastrophe führen kann. Dies ist bei Sprengarbeiten oder Arbeiten in Silos der Fall. Für diese bestimmten gefährlichen Arbeiten ist in BG-Vorschriften festgelegt, dass dabei eine zweite Person anwesend sein muss.

Bei anderen gefährlichen Arbeiten, wie Arbeiten mit Absturzgefahr, Arbeiten mit heißen, giftigen, gesundheitsschädlichen oder ätzenden Arbeitsstoffen, muss bei Alleinarbeit in der Gefährdungsbeurteilung festgelegt werden, welche Maßnahmen für die Überwachung der allein arbeitenden Person vorzusehen sind.

Da nur bestimmte gefährliche Arbeiten als Alleinarbeit verboten sind, liegt der Umkehrschluss nahe, dass Alleinarbeit generell nicht verboten ist. Alleinarbeit ist also grundsätzlich erlaubt, setzt aber voraus, dass das Arbeitsumfeld hinsichtlich des technischen Arbeitsschutzes und der technischen Einrichtungen den Vorschriften und dem Regelwerk entspricht. Hierzu gehört auch eine sachgerecht durchgeführte und umgesetzte Gefährdungsbeurteilung.

Die besondere Gefahr bei der Alleinarbeit besteht nach arbeitspsychologischen Veröffentlichungen hauptsächlich in folgenden Punkten:

Alleinarbeit in der Rohstoffgewinnung

Bei der Rohstoffgewinnung, in Steinbrüchen und Kies- und Sandgruben, gibt es verschiedene Bereiche, in denen Alleinarbeit vorkommt. Grundsätzlich ist die übertägige Rohstoffgewinnung gekennzeichnet durch:

In der Kies- und Sandindustrie wird zwischen Nass- und Trockengewinnung unterschieden. Eine Nassgewinnung liegt dann vor, wenn das Gewinnungsgerät mit seinen Grabeinrichtungen im Bereich des Wassers arbeitet. Am häufigsten verbreitet ist die Nassgewinnung mit schwimmenden Geräten in verschiedenen Bauarten. Bei der Trockengewinnung arbeitet das Gewinnungsgerät entweder vor der Grubenwand oder auf dem Vorkommen stehend und löst das Material.

In der folgenden Grafik sind die typischen Einzelarbeitsplätze in der übertägigen Rohstoffgewinnung dargestellt.

Typische Einzelarbeitsplätze in der Rohstoffgewinnung (Grafik)
Typische Einzelarbeitsplätze in der Rohstoffgewinnung.

Wie in der Grafik oben dargestellt, sollen nun wesentliche Merkmale dieser Einzelarbeitsplätze benannt werden. Die drei aufgeführten Arbeitsplätze als Baggerführer von schwimmenden Geräten in der Nassgewinnung werden im Folgenden zusammen betrachtet, da sie sich lediglich in der Gewinnungstechnik unterscheiden.

Die zwei Arbeitsplätze Baggerfahrer und Radladerfahrer in der Trockengewinnung werden ebenfalls zusammen betrachtet, da sie durch sehr ähnliche Arbeitsabläufe gekennzeichnet sind.

Rohstoffgewinnung im Steinbruch.
Rohstoffgewinnung im Steinbruch.

Bohrgeräteführer

Die Arbeitsaufgabe des Bohrgeräteführers besteht in der Herstellung von Sprengbohrlöchern im Zuge der Gewinnung von Festgestein. Folgende Merkmale prägen die Arbeitsbedingungen des Bohrgeräteführers:

Bohrgerät in der Natursteinindustrie.
Bohrgerät in der Natursteinindustrie.

Lkw- und Skw-Fahrer

Die Arbeitsaufgabe des Lkw- oder Skw-Fahrers in der Trockengewinnung besteht im Transportieren von geladenem Material über teilweise lange Strecken. Das Arbeitsumfeld für den Fahrer ist durch folgende wesentliche Merkmale gekennzeichnet:

Beladener Skw im Steinbruch.
Beladener Skw im Steinbruch.

Bagger- und Radladerfahrer

Der Bagger- oder Radladerfahrer hat vorwiegend die Aufgabe, Gestein direkt aus der Bruchwand zu lösen und dieses Material dann auch zu laden oder aber vorher das beispielsweise durch Sprengen gelöste Material zu laden, damit es abtransportiert werden kann.

Der Arbeitsplatz des Bagger- / Radlader-Fahrers ist durch folgende wesentliche Merkmale gekennzeichnet:

Baggerführer in der Nassgewinnung

Die Arbeitsaufgabe des Baggerführers in der Nassgewinnung besteht im Wesentlichen in der Überwachung und Kontrolle des Gewinnungsvorganges von der Fahrerkabine aus. Der Arbeitsplatz ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

Schwimmbagger in der Nassgewinnung.
Schwimmbagger in der Nassgewinnung.

Vergleicht man nun die Merkmale der dargestellten Einzelarbeitsplätze, so stellt man fest, dass es hier einige Gemeinsamkeiten gibt. So werden alle Tätigkeiten vorwiegend in Schichtarbeit in meistens gut klimatisierten Kabinen ausgeführt.

Neben den Gemeinsamkeiten gibt es jedoch auch Unterschiede, inwieweit die gegebenen Belastungen und Gefährdungen auch als solche von den Betroffenen wahrgenommen werden. Die drei zuerst genannten Einzelarbeitsplätze Bohrgerätebediener, Lkw- und Skw-Fahrer sowie Bagger- und Radladerfahrer sind durch immer wiederkehrende Bewegungen der Geräte wie zum Be- und Entladen oder Standortwechsel gekennzeichnet. Der Einzelarbeitsplatz des Baggerführers in der Nassgewinnung hingegen ist durch einen stationären Einsatzort (räumliche Trennung) mit sehr wenig Bewegung charakterisiert.

Die drei zuerst genannten Arbeitsplätze sind weiter durch eine immer wiederkehrende, wenn auch manchmal nur kurzzeitige Interaktion mit anderen Mitarbeitern des Betriebes gekennzeichnet. Insofern arbeiten diese Mitarbeiter nicht die gesamte Arbeitszeit allein, sondern immer nur zeitweise. Beim Baggerführer in der Nassgewinnung entfällt diese Interaktion gänzlich oder beschränkt sich auf Funk- oder Telefonkontakt. Er arbeitet die ganze Schicht über allein in einer örtlich sehr abgelegenen Lage auf einem Gewässer.

Ein weiterer Unterschied ergibt sich aus der Fahr- und Steuertätigkeit des Bohrgerätebedieners, Lkw- und Skw-Fahrers sowie Bagger- und Radladerfahrers einerseits und einer fast ausschließlich überwachenden Tätigkeit beim Baggerführer in der Nassgewinnung andererseits, wo die Steuertätigkeit die Ausnahme darstellt. Die drei zuerst genannten Fahrer und Bediener steuern ihr Gerät aktiv und überwachen den Arbeitsprozess nicht nur am Bildschirm.

Das Ergebnis seiner Arbeit ist beim Baggerführer in der Nassgewinnung im Vergleich zu den anderen Alleinarbeitsplätzen am wenigsten sichtbar und messbar. Bei Störungen oder in Notsituationen muss er kurzfristig wichtige Entscheidungen treffen.

Alle genannten Merkmale der Alleinarbeitsplätze bilden schließlich den Hintergrund für die eingangs erwähnte Frage nach der Zulässigkeit von Alleinarbeit. Die Belastungen, die sich für Mitarbeiter aus Merkmalen der Alleinarbeitsplätze ergeben können, sind bei allen aufgeführten Arbeitsplätzen ähnlich, allerdings beim Baggerführer in der Nassgewinnung am stärksten ausgeprägt.

Aus diesem Grund wird im Folgenden der Einzelarbeitsplatz des Baggerführers in der Nassgewinnung als Beispiel für eine Gefährdungsbeurteilung genutzt. Hierbei werden der Vollständigkeit halber zunächst alle Gefährdungs- und Belastungsfaktoren aufgelistet, allerdings sollen hier dann nur noch die sogenannten „weichen Gefährdungsfaktoren“ weiter betrachtet werden.

Diese Vorgehensweise ist deshalb angemessen, weil Alleinarbeit voraussetzt, dass das Arbeitsumfeld hinsichtlich des technischen Arbeitsschutzes und der technischen Einrichtungen den Vorschriften und dem Regelwerk entspricht und besondere Gefährdungen hierdurch nicht bestehen.

Maik Schlademann, BG RCI

Im nächsten Heft 4/13 finden Sie den zweiten Teil mit der beispielhaften Gefährdungsbeurteilung und einer Analyse der psychischen Belastungsfaktoren.