Arbeitssicherheit

Übung macht den Meister: Das Seminar „Retten aus Behältern“

Die Silo-Rettungshaube hat einen Atemluft-Vorrat von etwa drei Minuten – das muss genügen, um einen Verunglückten aus einem Silo, einer Jauchegrube auf einem Bauernhof zu retten. Ungläubiges Staunen bei den Teilnehmern der Rettungsübung im Werk Brieselang der Saint-Gobain Rigips GmbH. Eine am Hals festgebundene Plastikhaube, ohne Sauerstoffflasche, ohne alles. „Ja“, sagt Kursleiter Dirk Ewert und reicht die Kopie eines Werbezettels herum, „so etwas wurde in den 1960er-Jahren wirklich angeboten.“

Das BG RCI-Seminar „Retten aus Behältern nach BGR 117-1“ steht auf dem Programm – und Asmir Tulic hat sich bereit erklärt, sich von seinen Kollegen nach dem theoretischen Teil in einen Gips-Kocher des Werks hinabzulassen. Natürlich nicht mit einer Rettungshaube – und nach dem Abhaken aller Sicherheitsmaßnahmen. Vor Tulic und seinen zehn Kollegen liegt ein persönlicher Sicherheitscheck, den Dirk Ewert mitgebracht hat. Die Gefahren, die darauf beschrieben sind, hat er zuvor verdeckt abgefragt. Sauerstoffmangel, Explosion und Absturz kamen schnell als Antworten aus der Runde. Aber mangelnde Rettung, Temperatur und mechanische Gefährdung kamen schon etwas zögerlicher.

Der praktische Teil der Rettungsübung am Gipskocher im Werk Brieselang der Saint-Gobain Rigips GmbH.
Der praktische Teil der Rettungsübung am Gipskocher im Werk Brieselang der Saint-Gobain Rigips GmbH.

Biologische Arbeitsstoffe und gar Strahlung erläutert Ewert gleich selbst. Er ist Berufsfeuerwehrmann bei Sasol in Brunsbüttel. Dort werden Tenside und ihre Vorprodukte, anorganische Spezialchemikalien – insbesondere hochreine Tonerden – sowie Oleochemikalien produziert. Er kennt die Gefahren. Wenn beispielsweise ein Behälter mit ATE Aluminiumtriethyl gewartet wird, muss er mit Stickstoff belegt werden, da sonst Explosionsgefahr besteht. Für diese Arbeiten kommt bei Sasol dann eine Silohose zum Einsatz, um den Mitarbeiter in dem engen Behälter besser positionieren zu können.

Warum er beispielsweise für die reine Absicherung beim Einsteigen in den mit einer Leiter versehenen Kocher einen gut anliegenden Sitzgurt als Auffanglösung für einen möglichen Absturz favorisiert, wird schnell klar. Selbst wenn der freie Fall durch eine Falldämpfleine gebremst wird, wirkt noch ein Vielfaches des Körpergewichts auf den Stürzenden ein. „Die Gurte verteilen diese Kraft weitaus besser auf den Körper“, erläutert Ewert – und vor allem die Männer schmunzeln.

Bevor es aber in die Praxis geht, ist zu klären, wer den Erlaubnisschein zur Festlegung der Schutzmaßnahmen ausstellen darf. „Wer als Schichtleiter, Meister, die örtlichen Gegebenheiten kennt, und von der Werkleitung beauftragt ist, der darf den Schein ausstellen, er muss aber namentlich benannt sein.“ Kurt Stelzner nimmt das Gasmessgerät in die Hand. Matthias Trenck schaut mit drauf. Was ist eine Exlosionsgrenze? lautet die Frage. Leicht verlegen kommt die Antwort: „Wenn das Gerät piept?“ Im Prinzip richtig – aber was steckt dahinter? So besitzt normale Umgebungsluft eine Sauerstoffkonzentration von 20,9 Vol Prozent. Sinkt der Sauerstoffgehalt unter 19,5 Vol Prozent, besteht bereits Sauerstoffmangel, erfahren die Teilnehmer. „Ihr selbst müsst das Messverfahren kennen, das Gerät muss mit Prüfgas kalibriert werden!”, mahnt Ewert.

Lutz Wuschke (links) im Gespräch mit BG RCI-Seminarleiter Dirk Ewert.
Lutz Wuschke (links) im Gespräch mit BG RCI-Seminarleiter Dirk Ewert.

Für den Gipskocher ist im jeweils auszufüllenden Erlaubnisschein festgehalten, dass ein Freimessen aufgrund der verwendeten Substanzen nicht erforderlich ist, der Behälter nach Stillsetzen und Sichern gegen unbefugtes Ingangsetzen ohne Atemschutz betreten werden kann. „Wenn die Bedingungen an einem Ort immer gleich sind, können die Gefahren, Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln auch in einer Betriebsanweisung festgehalten werden”, sagt der Seminarleiter.

Doch bevor es soweit ist, erläutert Dirk Ewert unterstützt durch Karén Förster (Fachkraft für Arbeitssicherheit in Brieselang) die unterschiedlichen Höhensicherungsgeräte, Anschlagmöglichkeiten, Bandfalldämpfer, Karabiner und Verbindungsmittel. Wie viel Last kann ein Seil tragen? Warum reißt es, wenn es falsch angebracht wird? Wer die Antworten auf die Fragen praktisch erhalten hat, gewinnt der Persönlichen Schutzausrüstung beim nächsten Gebrauch sicher noch einige Prozent mehr Sicherheit ab.

Dokumentationsheft

Nun geht es in den Kocher. Nachdem Asmir Tulic mit dem Auffanggurt ans Höhensicherungsgerät angeklinkt wurde, kann er mit dem Abseilgerät in die Tiefe gelassen werden. Helm ist Pflicht. Ansonsten ist der Kocher gemäß Erlaubnisschein abgesichert, der Materialzulauf abgesperrt, die Luft im Behälter ist klar. Der junge Mann verschwindet langsam im Behälter, kontrolliert den Zustand. Und taucht mit Hilfe dreier Kollegen, die den Vorgang überwachen, kurze Zeit später wieder wohlbehalten auf.

Dirk Ewert, Werkleiter Andreas Beck-Ulm sowie Wolfgang Bartsch (zuständige Aufsichtsperson der BG RCI) sind sehr zufrieden mit dem Ablauf des eintägigen Seminars. Die Kollegin und die Kollegen haben aufmerksam und sehr konzentriert mitgearbeitet. Nun geht es am Spätnachmittag mit einem sicheren Gefühl nach Hause. „Die Arbeitssicherheit in den Werken der Saint-Gobain-Gruppe wird ebenso selbstverständlich gefördert wie die Gesundheit der Belegschaft“, sagt Beck-Ulm. Recht hat er.

Jörg Nierzwicki, BG RCI

Doppelt gesichert kontrolliert Asmir Tulic den Kocher von innen.
Doppelt gesichert kontrolliert Asmir Tulic den Kocher von innen. // Fotos: Nierzwicki
 
Weitere Informationen

gibt es bei der jeweils zuständigen Ausfsichtsperson der BG RCI oder im Internet:

Für das Seminar „Retten aus Behältern nach BGR 117-1“ mit der Kursnummer Z 214 am 11. Oktober 2012 sind noch Plätze frei!

Die Buchung ist online möglich unter:

www.bgrci.de/atemschutzzentrum/start/ausbildung/lehrgaenge/