Ernährung heute - was ist wirklich gesund?

Eine der Fragen, die uns (Gesundheitsneurotiker) am meisten beschäftigen (und deren Beantwortung höchst kontrovers erfolgt): kann der in einer modernen Industriegesellschaft lebende Mensch durch gesunde Ernährung seine Krankheitsrisiken beeinflussen und möglicherweise sogar sein Leben verlängern? Zwei (von unendlich vielen) internationale Studien mögen als Beispiel für unterschiedlichen Standpunkte dienen.

Das 2004 in der Amerikanischen Ärztezeitschrift (JAMA) veröffentlichte HALE Project beobachtete knapp 1000 Menschen im Alter zwischen 70 und 90 Jahren für 10 Jahre. Durch eine mediterrane Kost (Mittelmeerkost) konnte die Sterblichkeit nach Ablauf der Beobachtungszeit um mehr als 20% gesenkt werden. Bemerkenswert. Keine strenge Diät, lediglich eine Ernährungsweise, unter der wir alle uns recht Konkretes vorstellen können. Pasta, viel Gemüse (Tomaten und Mozzarella, Insalata mista, Minestrone), Fisch (Frutti di Mare, Calamari, Orata), verhältnismäßig wenig mageres Fleisch (Vitello tonnato, Saltimbocca). Und das reicht??

Die 2006 an gleicher Stelle publizierte Women’s Health Initiative (WHI) kommt zu einem anderen Resultat. Hier verglich man knapp 20.000 Frauen einer Interventionsgruppe (gesunde Ernährung) mit etwa 30.000 Frauen einer Kontrollgruppe (nicht so gesunde Ernährung) und berechnete nach 8,1 Jahren unter anderem das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko sowie das Krebsrisiko. Kurz gesagt, hier waren die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen kaum messbar. Die in derartigen Untersuchungen berechnete Hazard Ratio (HR, ein Wert für das Gefahrenpotential, also das Erkrankungsrisiko) war für beide Gruppen nahezu identisch. Ist gesunde Ernährung also doch für die Katz'?

Oder gibt es eine Erklärung für diese scheinbar so widersprüchlichen Befunde? Offensichtlich ist es nicht ausreichend, die "normale, moderne" Ernährung einfach um ein paar gesunde Details zu optimieren.

Die Interventionsgruppe der WHI hatte das Ziel, den Fettgehalt der Ernährung von 35-38% auf 20% zu reduzieren. Das gelang nicht vollständig (anfangs 24%, nach 6 Jahren 29%). Zusätzlich wurde der Konsum von Getreide, Gemüse und Obst leicht erhöht. Die untersuchten Frauen waren in einem Alter (50-79 Jahre), in dem viele wichtige Einflussfaktoren auf die Gesundheit schon hinter ihnen lagen (z.B. Rauchen über mehrere Jahrzehnte). Die Studie kann daher nur einen geringen Teil aller Einflüsse abbilden, die auf ältere Menschen in einem Zeitraum von 8 Jahren einwirken.

Das HALE Project hingegen scheint eine andere Botschaft zu vermitteln. Die dort thematisierte mediterrane Kost ist mehr als noch eine Diät und schon gar nicht nur für einen begrenzten Zeitraum. Mediterrane Kost ist auch und nicht zuletzt Lebenseinstellung. Dazu gehört beispielsweise wenig Industrieernährung (Processed Food, Fertignahrung), dosierter Umgang mit Genussmitteln (Kaffee, Wein) und insbesondere auch die soziale Bedeutung des Essens (Zeit nehmen).

Gerade die immer stärkere Tendenz der Industriegesellschaft, vorgefertigte Nahrung zu konsumieren, birgt möglicherweise bislang ungeahnte Gefahren. Allergologen warnen vor den Nebenwirkungen von Farbstoffen, Konservierungsmitteln, Geschmacksverstärkern. Auch die sehr hohe Nährstoffdichte (Kalorien der Nahrung pro Gewicht) ist für den menschlichen Körper zumindest ein Novum in seiner bisherigen Entwicklungsgeschichte.

So kommt man letztlich zu dem Ergebnis, dass es nicht die vermeintlich so erfolgreichen "Power-Diäten" sind, die uns mehr Gesundheit bescheren, schon gar nicht, wenn sie kurzfristig heftige Veränderungen unseres Lebensstils zur Folge haben (und danach einen ebenso heftigen Rückfall in alte Gewohnheiten). Wirklich gesund hingegen ist die ständige, wohldosierte und für eine balancierte Lebensführung unverzichtbare abwechslungsreiche Ernährung, wie sie in mediterranen Ländern noch häufig praktiziert wird.

Und natürlich zählt dazu auch die ausreichende Dosis an Bewegung - schon 2 Stunden schnelles Gehen oder langsames Laufen pro Woche sorgen für Wohlbefinden und stabilere Gesundheit, 3½ Stunden pro Woche haben signifikante Auswirkungen auf alle relevanten Risikofaktoren (Körpergewicht, Blutdruck, Cholesterinwerte, Neutralfette, HbA1c etc.).

Thomas Wessinghage

Dr. Thomas Wessinghage
Dr. Thomas Wessinghage