Die unterschätzte Gefahr

Dr. Hiltraut Paridon, Arbeitspsychologin am Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Gesundheit - BGAG in Dresden, über die Wahrnehmung von Gefahren und die Gründe, warum Routine manchmal gefährlich sei kann.

Frau Dr. Paridon, die meisten Menschen würden von sich sagen, dass sie gut einschätzen können, wie gefährlich eine Tätigkeit ist. Aber stimmt das auch?

Ja, in den meisten Fällen haben wir ein gutes Gefühl dafür, mit welchen Risiken unsere Handlungen verbunden sind. Realistisch schätzen wir circa 70 Prozent aller Tätigkeiten ein. Die restlichen 30 Prozent teilen sich gleichmäßig auf in 15 Prozent, bei denen wir die Risiken über-, und 15 Prozent, bei denen wir die Risiken unterschätzen.

Welche Folgen hat das für das Unfallrisiko?

Sehr große. Die meisten Unfälle - etwa 50 Prozent - entfallen nämlich auf die Tätigkeiten, deren Gefährlichkeit wir unterschätzen. 40 Prozent der Unfälle geschehen, wenn wir die Risiken realistisch einschätzen. Und nur 10 Prozent bei Aktivitäten, bei denen wir die Gefahren zu hoch einschätzen.

Können Sie Beispiele hierfür nennen?

Das Gehen zum Beispiel wird unterschätzt. Sehr viele Unfälle - auch sehr viele schwere - entfallen immer noch auf Stolpern, Rutschen und Stürzen. Ein sehr bekanntes Beispiel ist der Vergleich Flugreisen und Autofahren. Die Gefahren des Fliegens werden immer noch häufig überschätzt, denn im Straßenverkehr gibt es wesentlich mehr Tote.

Warum überschätzen wir die Gefährlichkeit bestimmter Tätigkeiten?

Das Überschätzen von Risiken hängt zum einen mit der Präsenz von Ereignissen in den Medien zusammen. Wenn über einen Unfall in den Medien berichtet wird, so glauben wir, dass die Unfallwahrscheinlichkeit auch besonders hoch ist. Das ist zum Beispiel bei Flugzeugabstürzen der Fall. Zum anderen macht auch das Erleben eines Unfalls im persönlichen Umfeld einen Unterschied. Wenn uns das Opfer nahe steht, dann beeinflusst das auch die Art, wie wir das Risiko einschätzen, dem es sich ausgesetzt hat.

Und woran liegt es, dass wir Gefahren unterschätzen?

Das hat viel mit unserer Erfahrung zu tun. Wenn wir merken, dass uns auch in gefährlichen Situationen nichts passiert, wiegen wir uns in Sicherheit. Und das kann dann eben auch leicht ins Auge gehen. Besonders problematisch ist dieser Umstand bei Regelverstößen. Häufig geht bei Regelverstößen nämlich alles gut. Wenn wir nun regelmäßig Schutzvorschriften missachten, ohne dass etwas passiert, dann schätzen wir langfristig die Gefahr zu niedrig ein und merken gar nicht mehr, dass wir gegen Regeln verstoßen. Und das kann mitunter sehr schlecht ausgehen.

Wie kann man die Gefahrenwahrnehmung korrigieren?

Bei einem Unfall korrigiert sie sich von selbst, weil man am eigenen Leib erfährt, dass man nicht unverwundbar ist. Wir glauben nämlich häufig, dass das Unglück nur andere trifft und nicht uns. Aber natürlich ist ein Unfall kein geeigneter Weg, um das Bewusstsein für bestimmte Gefahren zu schärfen.

Das heißt, es gibt keine Möglichkeit zur Korrektur?

Doch. Zum Beispiel, indem man sich die Mechanismen klar macht, die hinter der Gefahrenwahrnehmung stecken. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass bestimmte Faktoren - zum Beispiel Routine oder das Erleben "Es geht doch immer gut" - dazu führen, dass wir uns weniger schützen, dann können wir entsprechend handeln und unsere Gefahrenwahrnehmung korrigieren.

Kann das nicht dazu führen, dass wir übervorsichtig werden?

Das kann es. Wir stecken hier in einem echten Dilemma. Routine ist ja etwas sehr Wichtiges. Wenn wir bestimmte Handlungen nicht automatisieren könnten, wären wir gar nicht lebensfähig. Wir müssen also unterscheiden lernen zwischen Situationen, in denen Routine hilfreich ist, und Situationen, in denen sie gefährlich ist.

Quelle: BGAG

Gefahrenbewusstsein schärfen auf dem Stolper-Parcours der Steinbruchs-BG
Gefahrenbewusstsein schärfen auf dem "Stolper"-Parcours der Steinbruchs-BG
1000 Mal ist nichts passiert... Stolpergefahren werden massiv unterschätzt
"1000 Mal ist nichts passiert..." - Stolpergefahren werden massiv unterschätzt (Foto: DGUV)