Unfälle im innerbetrieblichen Verkehr: Ursachen und Maßnahmen

Ungefähr 70 Prozent der Weltförderung an Mineralien sowie Steine und Erdenprodukten werden in Tagebauen abgebaut. Die jährliche Inlandsproduktion in der Bundesrepublik liegt bei mehr als 600 Millionen Tonnen.

Die Erzeugnisse der Steine und Erdenindustrie sind in der Hauptsache Massenprodukte, die während des Produktionsprozesses im Betrieb und anschließend zum Kunden transportiert werden müssen. Die unterschiedliche Festigkeit des Gesteins, von fest bis locker, und die Variationsbreite der Verwendung als Schotter, Zuschläge, Werkstein und Wasserbausteine, bestimmen das Gewinnungsverfahren.

Innerbetriebliche Verkehrsströme in der Rohstoffindustrie

Im Vergleich zu den baustofftransportierenden Lkw des öffentlichen Straßenverkehrs ist die innerbetriebliche Fahrleistung verschwindend gering. Dennoch ist bezogen auf die Kilometerleistung hier das Unfallrisiko überproportional groß. Im Jahresdurchschnitt ereignen sich in Natursteinbetrieben und Deponien  bundesweit durchschnittlich drei tödliche Unfälle beim Abkippen von Materialien an ortveränderlichen Kippstellen. (siehe Statistik Fahrzeugabstürze, Abb. 3)

In einem gewöhnlichen Natursteingewinnungsbetrieb werden die Massenprodukte in der Regel mit Schwerlastwagen (zweiachsige oder knickgelenkte dreiachsige Muldenfahrzeuge) und im geringeren Umfang mit drei- oder vierachsigen Straßen-Lkw transportiert. Hierbei sind folgende Förderströme zu bewältigen:

Gefährdungspotenzial an den Kippstellen

Stationäre Kippstellen sind in der Regel an den Brecheinrichtungen zu finden. Sie zeichnen sich durch einen festen Anschlag aus. Für einen sicheren Betrieb sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:

Ortsveränderliche Kippstellen sind gekennzeichnet durch ihre ständig veränderbare Geometrie. Die Veränderung erfolgt  durch das Ankippen von Materialien von obensowie das gleichzeitige Wegladen des Haufwerks von unten.

Durch die hohe Druckeinleitung der Fahrzeughinterachse kommt es beim Abkippen an der Haldenkante immer wieder zu Böschungsbrüchen, wenn die bodenmechanischen Grenzwerte überschritten werden (Abb. 7).

Einfluss auf die Standfestigkeit einer Böschung haben folgende Faktoren:

Unfallgeschehen an den Kippstellen

Fahrzeugabstürze an Kippstellen enden für den Fahrer in vielen Fällen tödlich. Nicht selten sind irreversible Verletzungen an der Wirbelsäule der Beginn eines Lebens im Rollstuhl. Darüber hinaus werden durch die Wiedereingliederung der Mitarbeiter in den Arbeitsprozess sehr hohe Kosten verursacht.

Drei typische Unfallsituationen

In einem Kalksteinbruch wurde eine 0/2-Brechsandhalde angelegt. Die von oben befahrbare Halde hat eine Höhe von etwa 20 m. Diese wurde gleichzeitig von unten wegbeladen, so dass ein steiler Böschungswinkel entstand. Beim Abkippen einer Sandladung mittels SKW fuhr der Fahrer zu nah an die Kippkante; diese gab nach und der SKW rutschte entlang des Haldenhangs nach unten und überschlug sich dabei zweimal. Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt schwere Rippenbrüche. Der Umstand, dass das Fahrzeug nicht im freien Fall abstürzte, bewahrte ihn vor schlimmeren Unfallfolgen (Abb. 4).

Fahrzeugabsturz mit hohen Entschädigungskosten

Ein ähnlich gelagerter Unfall ereignete sich in einem Basaltsteinbruch in NRW. Ein 46 Jahre alter Mitarbeiter war seit vier Jahren im Unternehmen als Muldenfahrer tätig. Am Unfalltag hatte er die Aufgabe, Überschusskörnung aus den Silos zur 0/32-Halde auszufahren. An jedem Arbeitstag wurden zwischen der 1200 m entfernten  Siloanlage und der Materialhalde 800 t transportiert und von oben verkippt. Der Fahrer hatte ausreichend Platz zu wenden und das Material in einem sicheren Abstand von der Kante zur Halde abzuladen.

Bei der Zufahrt zur Halde konnte er sowohl den Haldenfuß beobachten, um zu überprüfen, ob Material weggeladen worden war, als auch die Entladestelle einsehen. Beim Abkippen fuhr der Mitarbeiter mit seinem SKW über den Sicherheitsabstand hinaus. Die Haldenkante brach ein und die Mulde stürzte ab.

Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt beim Absturz schwere Verletzungen am Kopf und eine Lungenquetschung. Er wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Universitätsklinik geflogen, wo er lange Zeit im künstlichen Koma lag.

Zwischenzeitlich wurde die Wohnung des Verletzten im Auftrag des Unfallversicherers schwerstbehindertengerecht umgebaut. Dazu wurden Zimmer für das Pflegepersonal eingerichtet, da eine dreischichtige Pflege erforderlich wurde. Monatlich fallen für diese Pflegeleistung Kosten von 19.500 Euro an. Bislang sind bei diesem Unfall für den Versicherungsträger - nach drei Jahren - Aufwendungen von 1 Million Euro entstanden. Diese müssen letztendlich von der Solidargemeinschaft getragen werden.

Wo sind die Ursachen für Fahrzeugabstürze zu suchen?

Fahrzeugabstürze geschehen mit einer konstanten Regelmäßigkeit. Bei der Suche nach den Defiziten werden drei Kriterien in Betracht gezogen:

Kriterium: Technik

Überprüft wird der sicherheitstechnische Zustand der Fahrzeuge. Diese sind den rauen Einsatzbedingungen im Steinbruch unterworfen und bedürfen einer konsequenten Pflege und technischen Wartung. Es wird im allgemeinen festgestellt, dass ein hohes Maß an technischer Sicherheit erzielt wird durch:

regelmäßige Wartung der Fahrzeuge (die Firmen schließen Wartungsverträge mit den Herstellerfirmen. Spezialisierte Monteure garantieren im Allgemeinen die technische Sicherheit)

Leasingverträge: Die eingesetzten Fahrzeuge werden von der Leasing-Firma Checkheft gewartet. Auch hier wird die technische Sicherheit garantiert.

Neuwertige Fahrzeuge: Auch kleinere Firmen leisten sich neuwertige Fahrzeuge. Neben der garantierten technischen Sicherheit bieten die Neufahrzeuge besseren Fahrkomfort.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass technische Defizite an Fahrzeugen als Unfallursache zu vernachlässigen sind.

Kriterium: Persönliches Verhalten

Es werden Fragen bezüglich der Verhaltensweise des Mitarbeiters gestellt. Diese betreffen die Bereiche:

Bewertung: Das persönlichen Verhalten des Mitarbeiters spielt eine entscheidende Rolle. Ist eines dieser Kriterien nicht erfüllt, darf der Mitarbeiter für diese Tätigkeit nicht eingesetzt werden.

Kriterium: Organisation

Hier wird die Fragestellung untersucht, ob organisatorische Defizite Einfluss auf den Unfall gehabt haben. Von Bedeutung sind:

Der organisatorische Arbeitsschutz weist bereits erhebliche Defizite auf. Insbesondere die "Spielregeln" werden nicht klar definiert. Der Mitarbeiter ist im Glauben, nichts oder nur wenig befürchten zu müssen.

Wie sieht es in den anderen Branchen aus?

Auch in der Beton-Fertigteil-Industrie spielt der innerbetriebliche Transport eine bedeutende Rolle. Ein Beispiel:

In einer Halle für den Bau von konstruktiven Betonelementen werden mittels Gabelstapler und Betonkübel Baustoffe transportiert. Ein Mitarbeiter fuhr in Vorwärtsfahrt vom Außengelände in die Fertigungshalle mit eingeschränkter Sicht. Hier überrollte er - für ihn zunächst unbemerkt - einen Mitarbeiter und schleifte ihn zu Tode.

Der innerbetrieblich ausgebildete und unterwiesene Mitarbeiter hatte trotz der Anordnung seines Vorgesetzten das vorgeschriebene Rückwärtsfahrverbot missachtet!

Auch wenn in diesem Beispiel die Defizite vielschichtig sind, kann eins jedoch klar herausgestellt werden: Das Management für betriebliche Organisation hat hier äußerst tragisch versagt: Obwohl der Mitarbeiter mehrfach von seinem Vorgesetzten auf sein Fahrverhalten hingewiesen wurde, hat er die Regeln missachtet und das getan, was er für richtig hielt.

Der Unfall hätte durch ein restriktives und konsequentes Managementsystem verhindert werden können. Dieses System wird leider nicht bzw. nicht flächendeckend gelebt.

Zusammenfassung

Natursteine werden auch künftig von Erdbaumaschinen in Steinbrüchen oder in untertägigen Betrieben transportiert. Die Gefahren auf den Fahrstraßen und an den Materialhalden sind insbesondere beim Abkippen am größten.

Auch der innerbetrieblichen Verkehr in anderen Branchen stellt eine permanente Gefahr dar.

Für die Organisation des Arbeitsschutzes ist der verantwortliche Tagebauleiter  bzw. Betriebsleiter zuständig. Er muss, um seiner Führungsverantwortung gerecht  zu werden

Für die Garantie der Sicherheit spielt der Fahrzeugführer eine entscheidenden Rolle. Er muss sich an die Spielregeln halten.

Heinz Bösel, StBG

 

 

Stationäre Kippstelle an einer Brecheinrichtung
Abb. 1: Stationäre Kippstelle an einer Brecheinrichtung
Lagerung auf einer ortsveränderlichen Kippstelle
Abb. 2: Lagerung auf einer ortsveränderlichen Kippstelle
Fahrzeugabstürze in der Natursteinindustrie
Abb. 3: Fahrzeugabstürze in der Natursteinindustrie
Beim Abkippen rutschte der SKW die Halde hinunter und überschlug sich
Abb. 4: Beim Abkippen rutschte der SKW die Halde hinunter und überschlug sich
Dieser Muldenkipper stürzte ab, nachdem die Haldenkante abbrach. Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt schwerste Verletzungen
Abb. 5: Dieser Muldenkipper stürzte ab, nachdem die Haldenkante abbrach. Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt schwerste Verletzungen
Abb. 6: Die Höhe des Anschlags soll 1/3 des Reifendurchmessers betragen
Abb. 6: Die Höhe des Anschlags soll 1/3 des Reifendurchmessers betragen
Durch den Druck der Hinterachse kommt es zu Böschungsbrüchen
Abb. 7: Durch den Druck der Hinterachse kommt es zu Böschungsbrüchen
Nur ein informierter und geschulter Mitarbeiter hat das notwendige Wissen, sich sicherheitsgerecht im Betrieb zu verhalten
Abb. 8: Nur ein informierter und geschulter Mitarbeiter hat das notwendige Wissen, sich sicherheitsgerecht im Betrieb zu verhalten
Die Verantwortlichkeiten müssen eindeutig festgelegt werden
Abb. 9: Die Verantwortlichkeiten müssen eindeutig festgelegt werden