Für gleiche Standards weltweit!

Arbeitsschützer und Industrie diskutierten anlässlich der 4. Atlantic Alliance Conference über Sicherheit in der Rohstoff-Branche

Atlantic Alliance-Logo

 „Das Ziel ‚0 Arbeitsunfälle’ ist erreichbar: Viele Unternehmen zeigen uns, dass es möglich ist. Darum dulde ich keine Entschuldigungen, wenn es darum geht, dieses Ziel auch im meinem Unternehmen zu erreichen.“ Klare Worte fand Alan Murray, Chef des weltweit größten Baustoffproduzenten Hanson PLC im Rahmen seines Grundsatzreferats bei der 4. Atlantic Alliance Konferenz am 20. und 21. April in Weissach am Tegernsee, zu der er eigens aus London anreiste.

90 Teilnehmer aus 14 Ländern – unter ihnen auch Vertreter aus den USA, England, Irland, Frankreich, Norwegen, der Schweiz und Deutschland – diskutierten zwei Tage intensiv über aktuelle Entwicklungen, Trends und grenzübergreifende Anforderungen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes.

Wirksames Netzwerk: Die Atlantic Alliance

Namhafte Unternehmen der Rohstoff-Industrie formen gemeinsam mit Aufsichtsbehörden und Unfallversicherungsträgern die Atlantic Alliance. Die Netzwerkpartner aus Europa und den USA  tauschen vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung auch in dieser Branche gute Praxis auf dem Gebiet von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz aus, um weltweit zu abgestimmten Konzepten zu kommen.

In den wenigen Jahren ihres Bestehens entwickelte sich die Atlantic Alliance zu einer beachtlichen Kraft und vereint die Akteure über Grenzen hinaus. Die Herausforderungen in der Umsetzung von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind weltweit vergleichbar – und auch die Strukturen der häufig kleinen und mittelgroßen Unternehmen in der Natursteinindustrie ähneln sich stark. So lassen sich bewährte Präventionselemente einzelner Akteure adaptieren, und Forschung kann abgestimmt vorangetrieben werden: bei geringerem Ressourceneinsatz lassen sich so bestmögliche Ergebnisse erzielen!  Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Atlantic Alliance unter anderem mit www.quarry-safety.net ein Portal eingerichtet und initiiert Studien zur Identifikation von Risikoschwerpunkten. Die jährliche Konferenz bietet eine Plattform zum Voneinander-Lernen, ist die Startrampe für gemeinsame Initiativen und ermöglicht den persönlichen Austausch – über die Netzwerkarbeit durch elektronische Medien hinaus (wir berichteten in Ausgabe 5/2005 unter der Überschrift „Safety is a value“). Im Rahmen der Konferenzen werden zudem die Ergebnisse der zwischenzeitlich umgesetzten Initiativen beleuchtet.

Premiere: internationales Netzwerk trifft sich erstmalig in Deutschland

Das internationale Treffen der Atlantic Alliance fand zum vierten Mal statt und wurde erstmals in Deutschland durchgeführt; Gastgeber waren die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) und die Bergbau-Berufsgenossenschaft (BBG), der Bundesverband mineralische Rohstoffe e. V. (MIRO) und die Technische Universität Bergakademie Freiberg in Verbindung mit der Sektion Bergbau der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit. Namhafte Unternehmen der Baustoffindustrie, ihrer Verbände und Zulieferer konnten als Sponsoren gewonnen werden, mit deren Hilfe die Veranstaltung kostenneutral durchgeführt wurde.

Logos der Gastgeber

Eine Reihe von Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs- und der Bergbau-Berufsgenossenschaft nutzen die Gelegenheit des internationalen Austausches innerhalb der Branche. In verschiedenen Vorträgen stellten so auch deutsche Unternehmen ihre Strategien und Erfolge in der Arbeitsicherheit und im Gesundheitsschutz vor. Dabei reichte die Spannbreite von international operierenden Konzernen bis zum Mittelstand.

Dass die Initiative auf fruchtbaren Boden fällt, zeigt auch das zunehmende Interesse weiterer Staaten. So nutzten Teilnehmer aus Spanien, Norwegen und der Schweiz die Gelegenheit, sich über die Aktivitäten in anderen Ländern zu informieren und eigene Aktionen zur Diskussion zu stellen.


Acht wichtige Handlungsfelder im Fokus

Das in acht thematische Schwerpunkte gegliederte Programm spannte einen weiten Bogen. Im Vordergrund der Konferenz standen Themen wie Führung und Verantwortung im Arbeitsschutz, die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung, Kampagnen, Gesundheitsschutz, die Kommunikation „Guter Praxis“ und Maschinensicherheit.

Internationale Experten leiteten die Foren mit Impulsreferaten ein, gefolgt von Vorträgen, die das Thema aus unterschiedlichen nationalen Erfahrungen heraus beleuchteten.

In den Berichten aus den unterschiedlichen Ländern wurde erneut deutlich, wie stark sich die Herausforderungen in der Arbeitsicherheit ähneln – von der durch überwiegend kleine Unternehmen geprägten Struktur der Branche mit besonderen Anforderungen in den Zugangswegen bis hin zur vermehrten Notwendigkeit, die mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergehende Arbeit durch Subunternehmer zu berücksichtigen.

Neben einer Reihe weiterer wichtiger Erkenntnisse wurde deutlich, dass die Frage der Motivation der Beschäftigten zu sicherem Verhalten und Bewusstseinsbildung auf allen operativen Ebenen die ständige Herausforderung an die Verantwortlichen in der Arbeitssicherheit darstellt und dass die Unternehmensziele Sicherheit und Gesundheit fest verankert werden müssen – nicht als Lippenbekenntnis, sondern als „Polarstern“, der in jedem Moment und auf jeder Ebene unternehmerischen Handelns die Richtung weist.

Diskutiert wurde auch der Ansatz der Regulierungsbehörden. Während der deutsche Weg Beratung und Service vor Sanktionen stellt und eine Reihe von Anreizsystemen eingesetzt werden, findet man in den USA und Großbritannien ein rigideres Vorgehen mit empfindlichen Geldstrafen bei Verstößen und häufig öffentlicher Bennennung von Verursachern.

Der Schlüssel zum Erfolg: Bekenntnis des Managements und Qualifikation

Die für erfolgreiche Arbeitssicherheit wegweisende Rolle der Unternehmensführung zog sich als roter Faden durch die Präsentationen.

In seiner Einleitung zum Thema „Führungsverantwortung in der Arbeitssicherheit“ beschrieb Peter Ward, Hanson PLC, einen Unfall in einer us-amerikanischen Raffinerie im Jahr 2005, der 15 Todesopfer forderte Die Untersuchung des Unfalls hätte gezeigt, dass bei den Mitarbeitern ein trügerisches Sicherheitsbewusstsein vorhanden gewesen sei; es hätten Hemmungen bestanden, wahrgenommene Sicherheitsdefizite an die Vorgesetzten weiterzugeben und die von der Unternehmensleitung festgelegten Sicherheitsziele seien nicht an der Basis angekommen.

Die Defizitanalyse des Vorfalls ergab als Handlungsempfehlung zur Arbeitssicherheit unter anderem:

In seinem anschließenden Vortrag ging Ed Elliot, Rogers Group (USA), auf die Strategien seines Unternehmens ein, mit denen solche Kommunikations-Barrieren auf dem Gebiet der Sicherheit zwischen Management und Beschäftigten vor Ort begegnet wird – betitelt „avoiding the disconnect“. Hierzu werden regelmäßig systematische und umfangreiche Befragungen der Mitarbeiter in der Produktion durchgeführt, ergänzt durch die Präsenz des Top-Managements bei Inspektionen und Sicherheits-Audits in den Betrieben – Monat für Monat.  Es wurde zudem ein Sicherheits-Arbeitskreis eingesetzt, der direkt vom Geschäftsführer des Unternehmens geleitet wird und Mitarbeiter der Basis systematisch mit einbezieht. Jeder meldepflichtige Unfall wird unternehmensweit kommuniziert.

Ziel ist eine gemeinschaftliche Sicherheitskultur, in der Unfälle als nicht hinnehmbare Ereignisse bewertet werden.

Auch bei Lafarge sind Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz integrale und täglich gelebte Bestandteile der Unternehmenskultur an weltweit allen Standorten, wie Ludwig Berger von Lafarge Roofing International und Tim Walter (Lafarge USA) eindrucksvoll demonstrierten.

Die durchdachte Sicherheitsstrategie ist fest in das Handeln der Führungskräfte verankert. Die Leitung stimuliert systematisch das Sicherheitsbewusstsein ihrer Mitarbeiter und nimmt im sicherheitsrelevanten Handeln eine Vorbildfunktion ein. Sicherheit und Gesundheitsschutz sind Bestandteile jedes Führungskräftetreffens und etwa ein Drittel des Erfolgsbonus für Führungskräfte ist abhängig von den Ergebnissen der Sicherheitsarbeit.

Neben der Identifizierung von Risikopotentialen und der Ableitung von Handlungen steht bei Lafarge die Bewusstseinsbildung bei allen Mitarbeitern im Fokus. Es soll sichergestellt werden, dass jeder Mitarbeiter ganz automatisch und aus Überzeigung sicher handelt („value driven operation“) – auch an Arbeitsplätzen ohne ständige Aufsicht. Ein Mitarbeiter, der um 2 Uhr morgens eine Betriebsstörung beseitigen muss, soll alle Sicherheitsvorkehrungen so selbstverständlich anwenden wie er sich ankleidet, um das Haus zu verlassen!

Auch Alan Murray schilderte in seinem Grundsatzreferat, dass er kompromisslose Erfolge erwartet. Das Ziel „Null Unfälle“ sei ambitioniert, aber möglich. Eine Reihe von Unternehmen beweise dies regelmäßig, er akzeptiere daher keine Entschuldigungen, wenn es darum geht, diesen Erfolg auch bei Hanson zu erzielen. Es gäbe keine Notwendigkeit, sich zwischen Altruismus und Wirtschaftlichkeit zu entscheiden, da mit der Sicherheitskultur beide Ziele gleichermaßen bedient werden – „selten genug im Geschäftsleben“, ergänzte Murray.

Er verdeutlichte nicht nur, dass wirtschaftlicher Erfolg und Arbeitssicherheit einander bedingen; er verriet auch das Rezept zum bemerkenswerten Erfolg seines Unternehmens in der Praxis: „Es bedurfte der Qualifizierung! Kompetenz der handelnden Personen und deren konsequentes Vorgehen war und bleibt der Schlüssel, der alleinige operative Schlüssel, für nachhaltige und stetige Verbesserung in der Arbeitssicherheit“.

Bei zwanzig Besuchen von Betrieben seines Unternehmens im vergangenen Jahr war es sein Ziel, den Kontakt mit den Mitarbeitern herzustellen und drei Botschaften zu vermitteln:

  1. Eure Sicherheit ist mir wichtig, sie bedeutet mir etwas
  2. Ihr alle könnt mit vorausschauendem Handeln am Arbeitsplatz etwas bewegen, Gefährdungen erkennen und uns helfen, sie zu beseitigen
  3. Passt gegenseitig auf euch auf.

Sicherheit bei Erdbaumaschinen: „We can make a difference“!

Ein thematischer Schwerpunkt der Atlantic Alliance ist die Sicherheit von Erdbaumaschinen. Hier wurden Auf- und Abstiege sowie Zugänge für die regelmäßige Wartung als länderübergreifende Risikoschwerpunkte identifiziert und der Dialog mit den Herstellern zur Verbesserung der Situation aufgenommen – ein Vorhaben, das sich im internationalen Verbund sehr viel erfolgversprechender gestaltet als bei nationalen Alleingängen!

Positiv bewertet wurde der von Zeppelin vorgestellte neue Safety Truck, der bereits serienmäßig über großzügig dimensionierte Zugänge zur Fahrerkabine, verbesserte Fahrersicht, Rückraumkamera, Drei-Punkt-Gurtsystem, vibrationsgeminderte Sitze, ein neues Bremskontrollsystem sowie optimierte Zugänge zu den Wartungselementen verfügt.

Die Teilnehmer der Konferenz waren sich jedoch einig, dass eine verbesserte Ausrüstung als Standard und nicht nur als Kaufoption definiert werden muss, „denn Menschenleben sind überall gleich wertvoll – egal ob in einem Entwicklungsland oder in einer Industrienation“, so ein Konferenzteilnehmer.

Auch weitere namhafte Zulieferer der Branche wie Metso Minerals, Brigade und Grammer  zeigten ihre neuen Entwicklungen und stellten sich den interessierten Fragen der Konferenzteilnehmer.

Bilanz und Ausblick

Industrie und Arbeitsschutzbehörden sind sich einig darüber, dass die Atlantic Alliance ein dringend notwendiges und gut funktionierendes Netzwerk bildet. Die Teilnehmer der Konferenz bewerteten den Austausch ausgesprochen positiv.

„Es ist unsere Aufgabe, menschliches Leid zu vermeiden. Es ist unsere Pflicht, die Mitarbeiter zu qualifizieren und die technische Sicherheit weiter zu verbessern“, so das abschließende Resumée von Rory Graham von Rory Graham Associates, England.

Helmut Ehnes fasste in seiner Abschlussrede noch einmal die Eckpunkte und Perspektiven der zukünftigen Arbeit zusammen: „Die Atlantic Alliance versteht sich als offenes Netzwerk. Der Dialog mit den Herstellern soll weiter betrieben und auf andere Gruppen ausgeweitet werden. Ziel ist es, weltweit einheitliche Standards für die sicherheitstechnische Ausrüstung von Maschinen für die Rohstoffbranchen zu erreichen.“ Es geht darum, den Transfer von guten Praxislösungen zu intensivieren, damit das Rad in den verschiedenen Ländern nicht ständig neu erfunden werden muss.

Alle Vorträge der Konferenz einschließlich des vollen Textes des Grundsatzreferates finden Sie unter www.quarry-safety.net. Weitere Informationen erhalten Sie per E-Mail an ehnes@stbg.de

Erfolgreich und weiter ambitioniert: Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Hanson
Erfolgreich und weiter ambitioniert: Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Hanson
Screenshot
Ein interessantes Portal für Gute Praxis in der Branche: quarry-safety.net