www.steine-und-erden.net > 2004 > Ausgabe 3/04 > Arbeiten in der Höhe und in engen Räumen: Nicht jeder Mitarbeiter ist geeignet

[Die Industrie der Steine + Erden]






Arbeiten in der Höhe und in engen Räumen: Nicht jeder Mitarbeiter ist geeignet

Das Arbeiten auf hochgelegenen Arbeitsplätzen oder in engen Räumen kann für einen Beschäftigten problematisch werden. In "Steine + Erden", Heft 1/2004, wurden die psychischen Aspekte behandelt - Höhenangst und Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen) - die das Risiko erhöhen, an diesen Arbeitsplätzen einen Unfall zu erleiden. In diesem Beitrag werden die körperlichen Aspekte betrachtet. Beide Seiten sind von einem Vorgesetzten abzuwägen, wenn er einen Mitarbeiter bestimmen soll, der entsprechende Arbeiten auszuführen hat.
In der Arbeitstättenverordnung steht: "Bei Absturzhöhen von mehr als einem Meter ist grundsätzlich von einer Absturzgefahr auszugehen". Manche Betriebe definieren für ihren Betrieb eine bestimmte Höhe (z. B. 2,50 m) und legen in einer Betriebsvereinbarung fest, dass alle Mitarbeiter, die in solchen Höhen arbeiten, vom Betriebsarzt nach dem Untersuchungsgrundsatz G 41 untersucht sein müssen. Dieser Grundsatz ist im Gegensatz zu den meisten anderen G-Untersuchungen vom Gesetzgeber nicht zwingend als Vorsorgeuntersuchung für diese Arbeiten vorgeschrieben. Die rechtliche Verbindlichkeit kann jedoch z. B. durch eine Betriebsvereinbarung für den betreffenden Betrieb hergestellt werden.
Wo liegen die besonderen Schwerpunkte bei dieser Untersuchung? In der Anamnese (Befragung des Versicherten zu seinen früheren und aktuellen gesundheitlichen Erkrankungen) können eventuell schon Krankheiten oder Störungen, die eine Absturzgefahr erhöhen, herausgefunden und mit dem Versicherten diskutiert werden (z. B. Zuckerkrankheit, Anfallsleiden, Drogenmissbrauch, Abhängigkeit von Alkohol und anderen Suchtmitteln, Einnahme von Medikamenten). Auch Ohrerkrankungen, Sehstörungen oder Störungen im Bereich der Hirnnerven sind von Bedeutung für die Beurteilung. Ganz besonderer Wert wird natürlich auf die Beurteilung des Gleichgewichtssinnes gelegt.
Bei einem Verdacht auf eine Erkrankung oder Störung kann es erforderlich sein, einen entsprechenden Facharzt (HNO-, Augen- oder Nervenarzt) hinzuzuziehen.



Das Gleichgewicht

Der Gleichgewichtssinn ist von zentraler Bedeutung. Die Haltung und Erhaltung des Gleichgewichtes wird erreicht durch die "Gleichgewichtstrias", das sind drei Organe, die zusammen "spielen" müssen:
  1. das eigentliche Gleichgewichtsorgan,
  2. die Augen und
  3. das Stellungsregelungsorgan.

Das Gleichgewichtsorgan liegt in unmittelbarer Nähe des Innenohres. Es wird gebildet durch drei "Bogengänge" (seitlicher, oberer und hinterer), die senkrecht zueinander stehen. In jedem Bogengang befinden sich an einer Stelle Sinneshaare, die mit einer Art Gallerte zu einem "Schopf" zusammengeklebt sind. Die Bogengänge sind mit Flüssigkeit gefüllt. Wenn ein Bogengang sich bei einer Drehbewegung des Kopfes mitdreht, kann die Flüssigkeit infolge ihrer Trägheit nicht sofort folgen und die resultierende Strömung verbiegt die zusammengeklebten Sinneshaare. Diese Verbiegung erregt Nervenfasern , die daraufhin die Information, in welche Richtung der Kopf gedreht wurde, ans Hirn weiterleiten.
Drei Bogengänge sind erforderlich, um Drehbewegungen in allen drei möglichen Raumachsen (Nicken, Wenden und Seitwärtsneigen) zu registrieren. Wenn sich der Kopf (und mit ihm der Bogengang) ständig weiterdreht, setzt sich allmählich auch die Flüssigkeit im Bogengang in Bewegung und der "Schopf" wird jetzt erst wieder verbogen, wenn die Drehbewegung abgebremst wird. Jetzt allerdings in die entgegengesetzte Richtung, was zu dem Eindruck führt, dass der Kopf sich in die andere Richtung dreht.
Unterhalb der Bogengänge befinden sich zwei weitere kleine Organe, die zum Gleichgewichtsorgan gehören: In einem Hohlraum befinden sich ebenfalls zu einem "Schopf" zusammengeklebte Sinneshärchen. Auf den Sinneshaaren kleben hier zusätzlich noch kleine Kristalle aus Calciumcarbonat (also Kalkstein). Diese Organe registrieren unter dem Einfluss der Erdanziehung geradlinige Bewegungen, vor allem Abweichungen des Kopfes von der Senkrechten - während die Bogengänge, wie gesagt, Drehbeschleunigungen messen.
Bei dem Stellungsregelungsorgan handelt es sich um Muskelspindeln in den Muskeln, die den Spannungszustand des jeweiligen Muskels registrieren und um "Messgeräte" in den Gelenken, die Bewegungsänderungen erkennen. Jeder weiß - ohne hinzuschauen - mehr oder weniger genau, in welcher Lage sich die Arme und Beine im Raum befinden; dafür sind die eben genannten "Messgeräte" zuständig.
Zusammen mit den Augen sind alle genannten Organe verantwortlich, den gesamten Körper im Raum in einer gewünschten Lage (z. B. aufrecht) zu halten. Wenn eines dieser Organe geschädigt ist - durch Durchblutungsstörungen oder Entzündungen im Bereich des Innenohres und Gleichgewichtsorgans -, kann es zu mehr oder weniger großen Störungen kommen beim Finden oder Halten des Gleichgewichtes.


Details zum Gleichgewichtsorgan   Die drei zueinander senkrecht stehenden Bogengänge (1) des Gleichgewichtsorgans enthalten in ihrer Ampulle je eine Leiste (2) mit Sinneszellen, deren Sinneshaare (3) in die schwenkbare Cupula (4) eingebettet sind
Skizze des  Gleichgewichtsorgans   Das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) befindet sich nahe der Schecke im Innenohr
Schema   Die enge Verbindung des Gleichgewichtsorgans mit den Augenmuskelkernen ist daraus zu ersehen, dass jede Abweichung der Kopfstellung sofort durch eine gegenläufige Augenbewegung korrigiert wird; die Raumorientierung wird dadurch erleichtert

Klicken Sie auf die Vorschaugrafiken, um eine vergrößerte Darstellung zu erhalten.




Schema
Wird unter einer Person (1) die Unterlage gekippt,
kommt es über eine Reizung des Gleichgewichtsorgans
zu starker Streckung von Arm und Oberschenkel auf der
Talseite und zur Beugung der Gliedmaßen auf der Bergseite (2).
Eine Person mit gestörtem Gleichgewichtssinn kann nicht so
reagieren und kippt um (3).





Erste Hilfe

Bei der Arbeit mit Absturzgefahr muss besonderes Augenmerk auf die Organisation der Ersten Hilfe gelegt werden. Wie bei der Arbeit in engen Räumen und allen Arbeiten mit speziellen Gefahren sollten alle Mitarbeiter, die zu der betreffenden Arbeitsgruppe gehören, zu Ersthelfern ausgebildet sein. Darüber hinaus sollten diese Ersthelfer mit möglichst allen potentiellen "Erste Hilfe"-Problemen, die bei dieser Tätigkeit auftreten können, vertraut sein.
Beispielhaft ist bei der Arbeit mit Absturzgefahr das "Hängetrauma" zu nennen: Zur Rettung eines Verunfallten, der im Gurt hängt, haben die Retter höchstens 20 Minuten Zeit. Das Blut im Körper sackt beim Hängen allmählich immer mehr in die Beine und führt zu Schock und schließlich Bewusstlosigkeit. Der im Gurt Hängende sollte deshalb, wenn möglich, die Beine bewegen - die Beinmuskeln pumpen so das Blut zum Oberkörper.
Empfehlenswert sind deshalb Gurte mit einer Trittschlinge, die den Beinmuskeln eine bessere Möglichkeit bietet, das Blut nach oben zu pumpen.
Wurde ein Gestürzter schließlich aus seinem Gurt befreit, darf er keinesfalls flach auf den Boden gelegt werden. Ein plötzlicher Rückfluss des Blutes aus den Beinen würde den Herzmuskel und die herznahen Blutgefäße überfordern, deshalb muss der Gerettete anfangs mit stark erhöhtem Oberkörper und angestellten Beinen gelagert werden. Es ist ständig auf Atmung und Kreislauf zu achten, bis man ihn schließlich allmählich in eine flache Lagerung überführen kann.
Der Notfall muss regelmäßig geübt werden. Es gibt nicht nur Verletzte, auch ein Herzinfarkt oder schwere Atemnot durch das Einatmen reizender Dämpfe oder Gase können an einer hoch gelegenen Arbeitsstelle auftreten. Solche Notfälle stellen andere Anforderungen an Ersthelfer als die in der gewohnten Umgebung.
Die Vorgesetzten haben dabei die große Verantwortung der Entscheidung, welche Mitarbeiter sie zu bestimmten Arbeiten auswählen. Es wird von ihnen nicht nur eine Einschätzung verlangt, ob die ausgewählten Mitarbeiter grundsätzlich fähig sind, die Arbeit zu erledigen, sondern auch, ob sie an diesem Tag und in diesem Augenblick dazu in der Lage sind.
Die grundsätzliche Fähigkeit kann in bestimmten Fällen von einem Arbeitsmediziner festgestellt werden, wenn dieser eine entsprechende Vorsorgeuntersuchung durchgeführt hat. Diese grundsätzliche Eignung sagt jedoch nichts aus über die Eignung zu einem späteren Zeitpunkt. Der Mitarbeiter mag dann aus bestimmten Gründen nicht dazu in der Lage sein (z. B. wegen Restalkohol, Medikamenteneinnahme oder akuter Krankheiten). Über die Eignung muss der Vorgesetzte immer wieder neu entscheiden!



Arbeit in engen Räumen (Silos)

Zur Eignungsprüfung für Arbeiten in engen Räumen gibt es keine spezielle arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung. Der/die Vorgesetzte(n) haben also bei der Auswahl der Mitarbeiter eine besonders große Verantwortung, selber einschätzen zu müssen, ob ein Mitarbeiter in der Lage ist, diese Arbeiten auszuführen oder nicht.
Besondere Gefahren bei der Arbeit in engen Räumen können durch das Arbeitsverfahren drohen, das angewandt wird. Beim Schweißen kann es z.B. zum Sauerstoffmangel kommen, verursacht durch O2-Verdrängung durch Inertgase und/oder unzulängliche Lüftung. Darüber hinaus kann es zu einer Konzentrationserhöhung von Gefahrstoffen in den Schweißrauchen kommen.
Reste von giftigen und/oder krebserzeugende Stoffen im Raum können ebenfalls die Versicherten gefährden. Gase, Dämpfe, Nebel und Stäube können zu Verpuffungen und Explosionen führen.
Erste Hilfe
Wie bei der Arbeit mit Absturzgefahr sind besondere Maßnahmen zur Rettung verunfallter Personen zu beachten. Vor allem ist darauf zu achten, dass Ersthelfer in ausreichender Zahl vorhanden sind. Es wird empfohlen, alle zur Arbeitsgruppe gehörenden Mitarbeiter und vor allem die Vorgesetzten zu Ersthelfern auszubilden. Die Ersthelfer müssen regelmäßig die Rettung Verunfallter unter den speziellen Bedingungen üben, so dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt.
Wenn zur Rettung der Einsatz von Atemschutzgeräten erforderlich ist, sollte an die regelmäßige Durchführung der vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchung von Rettern mit Atemschutzgeräten (G 26) gedacht werden.
Notwendige Rettungsgeräte und -einrichtungen sollten bereitgehalten werden, um Verunfallte, aber auch Retter, aus dem engen Raum bergen zu können (Geschirre, Tragewannen, Kran usw.), denn es kann, je nach Lage der Arbeitsstelle, einige Zeit dauern, bis öffentliche Rettungskräfte mit den erforderlichen Hilfsmitteln vor Ort sind.
Grundsätzlich ist zu empfehlen, die örtlichen Rettungsinstitutionen (Rotes Kreuz, Feuerwehr, ASB, Malteser oder andere) über spezielle Gefahren und Rettungsbedingungen im Betrieb zu informieren. Das Angebot an die jeweilige Institution, auf dem Firmengelände Rettungsübungen zu veranstalten, wird von diesen gern aufgegriffen.



Spezielle Bedingungen bei der Arbeit

Worauf im Einzelfall zu achten ist, muss jeweils vor Ort - eventuell zusammen mit einem Arbeitsmediziner - entschieden werden. Dabei sind verschiedene Aspekte denkbar, die häufig einzeln oder auch in Kombination auftreten:
Muss die Arbeit unter Zwangshaltung ausgeführt werden - im Knien, über Kopf, mit verdrehter Wirbelsäule oder in gebückter Haltung - sind entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen, wie häufige Pausen mit der Möglichkeit zu Dehn- und Streckübungen
Besondere Beachtung verdient eine mögliche Hautbelastung (nicht nur der Hände). Schutzcreme gegen den jeweiligen hautschädigenden Stoff sollte dann nicht nur auf die Hände, sondern auf alle nicht bedeckten Körperteile aufgebracht werden (z. B. UV-Schutzcreme beim Schweißen!)
Lärm kann unter den speziellen Bedingungen im engen Raum das Ohr stärker belasten, so dass möglicherweise an einen stärker lärmdämmenden Gehörschutz gedacht werden muss.
Eine spezielle Pausenregelung kann auch erforderlich werden, wenn z. B. bei großer Hitze in einem Silo gearbeitet werden muss.
Dr. Gerhard Ambrosius, StBG




Inhaltsverzeichnis Ausgabe 3/04 | Zurück zu unserer Homepage