www.steine-und-erden.net > 2004 > Ausgabe 3/04 > Unser Italiener

[Die Industrie der Steine + Erden]






Unser Italiener

Mit etwas stark aufgetragener Herzlichkeit eilte der Besitzer unseres italienischen Lieblingsrestaurants auf uns zu. Er war glücklich uns zu sehen. "Die Damen sehen heute wieder hinreißend aus", und für die Herren hatte er einen vertraulichen Schulterklaps übrig. Artig tauschten wir zur Begrüßung Nettigkeiten aus.
Wie üblich ließ es sich der Padrone nicht nehmen, die Speisekarten selbst zu überreichen. "Habe ich heute frische Fisch, Dorade und Loup de mer", säuselte er, die Karten noch festhaltend. "Ganze frisch von die Markte, gestern noch in Mare geswomme". "Jetzt möchte er am liebsten vier Portionen von seinem angepriesenen Fisch verkaufen, weil dieser nicht mehr lange zu halten ist", dachte ich schon etwas aufmüpfig.
Komisch, an anderen Tagen machte mir die Schlitzohrigkeit unseres Lieblingsitalieners nichts aus, nein, es amüsierte mich geradezu. Aber an diesem Tag befand ich mich in einer stillen Opposition.
Die Damen und mein Bekannter nahmen die Empfehlung dankend an; nach meiner Meinung beugten sie sich einem - wenn auch sanften - Druck. "Und Dottore, was wünschen Sie", richtete der Padrone sich an mich. (Dottore ist der niedrigste Rang seiner Titulierungen, die über Commendatore bis zu Avvokato und Professore reichen.) Der leicht nölige Dottore wollte keinen Fisch, sondern Nudeln. Am liebsten einfach ("billig") mit Öl und Knoblauch. "Nudeln", brummelte ich, worauf der Padrone den Satz vollendete: "mit frischen Scampi, sehr wohl." Ich war zu schwach, um zu protestieren. Dabei hatte ich mir vorgenommen, seine Empfehlungen, die ich heute als Diktate verstand, zu ignorieren. Mit einfachen Spaghetti hätte ich seinen finanziellen Erwartungen nicht entsprochen, und das hätte mich wiederum heute sehr erfreut. Nun hatte er mir doch wieder etwas aufgeschwatzt, was meine Stimmung nicht nachhaltig besserte, aber, wenn ich ehrlich war, meine Vorfreude auf das Essen dann doch steigerte.
Die Speisen kamen und es schmeckte allen vorzüglich. Essen macht friedlich, der Abend nahm einen netten Verlauf. Der natürlich ebenfalls empfohlene Rotwein mundete und tat seine Wirkung. Alle vier waren mit dem Restaurantbesuch zufrieden, auch der Padrone, was er mit vier Grappe zum Ausdruck brachte. Der Tisch hatte das gebracht, was er sich erhofft hatte, nicht zuletzt auf Grund seiner geschickten Empfehlungen.

Hans-Jürgen Bahr


Beim Italiener





Inhaltsverzeichnis Ausgabe 3/04 | Zurück zu unserer Homepage