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[Die Industrie der Steine + Erden]






Sprengarbeit - Nie war sie so sicher wie heute!

Fortsetzung des Artikels aus Heft 2/03

Im Folgenden werden die Sprengunfälle des Beobachtungszeitraums von 1997 bis 2002 kurz dargestellt und die im Rahmen der Unfalluntersuchung gezogenen Schlussfolgerungen zitiert.



Deckungsunfall durch Steinflug bei Versagerbeseitigung

In dem Melaphyr-Steinbruch eines Mitgliedsunternehmens, ereignete sich ein Sprengunfall bei der Herstellung eines Wasserloches auf der tiefsten Sohle (Abb. 6). Hierzu war an ein externes Sprengunternehmen ein Auftrag erteilt worden. Für die durchzuführende Flächensprengung wurden 54 Kopfbohrlöcher (Durchmesser: 89 mm, Länge: 15 m, Seitenabstand: 2,8 m, Vorgabe: 3 m) hergestellt und mit insgesamt 3,1 t gelatinösem Sprengstoff geladen.
Nach der Sprengung entdeckte der Baggerfahrer beim Wegladen des Haufwerkes gelatinöse Sprengstoffreste. Daraufhin wurde das Sprengunternehmen sofort informiert. Es waren acht Bohrlöcher stehen geblieben, was nach Ansicht des Sprengunternehmens auf nicht vollständig durchgezündete Sprengschnüre zurückzuführen war.
Der verantwortliche Sprengberechtigte wollte nun die Versager durch Auflegersprengungen beseitigen. Hierzu brachte er in die stehen gebliebenen Ladesäulen Schlagpatronen mit Zündern ein bzw. legte diese auf. Nach Ankündigung der Sprengsignale wurde gezündet.
Bei der Sprengung entstand in Folge mangelnder Abdeckung bzw. Vorgabe erheblicher Steinflug. In einer Entfernung von 180 Metern von der Sprengstelle befand sich ein Sozialcontainer und eine Schaltwarte.
Vor der Tür des Containers hielten sich der Anlagenbediener und ein Fremdmonteur auf, um die Sprengung zu beobachten. Als die beiden Steinbrocken auf sich zukommen sahen, flüchtete der Anlagenbediener durch die Tür ins Containerinnere. Dem Fremdmonteur gelang dies nicht mehr, so dass er von einem Steinbrocken am Rücken getroffen und erheblich verletzt wurde. Der ca. 60 kg schwere Steinbrocken durchschlug die Tür des Sozialcontainers und flog quer durch den Container, in dem sich noch zwei weitere Mitarbeiter aufhielten. Neben dem Personenschaden entstand Sachschaden von rund 50.000 DM.


Abb. 6
Abb. 6




Tödlicher Deckungsunfall durch unzulässigen Aufenthalt im Sprengbereich

Zu einem tragischen tödlichen Unfall kam es in einem Diabas-Tagebau, als die Vorgaben der Unfallverhütungsvorschrift zum Sprengbereich sträflich missachtet wurden.
In dem zehnsöhligen Tagebau sollte eine neue Sohle durch seitliches Auffahren aufgeschlossen werden. Die geologischen Bedingungen waren durch eine in Richtung Tagebau einfallende, die neue Sohle spitzwinklig schneidende Kluftfläche gekennzeichnet (Abb. 7 und 8).
Hierzu wurden 26 Bohrlöcher in Doppelreihe (Bohrlochabstand: zwei Meter, Reihenabstand: etwa ein Meter, Bohrlochlänge: ca. 10 m gebohrt sowie einige Bohrlöcher einreihig angeordnet. Sie besaßen eine Neigung zwischen 0° und 15° gegenüber der Horizontalen. Die Vorgaben lagen zwischen 1 m und 3,5 m. Insgesamt kamen zwei Tonnen Sprengstoff zum Einsatz.
Die Zündung erfolgte unter Verwendung von Kurzzeitzündern aus dem Bohrlochtiefsten. Nachdem der bereits mehr als zehn Jahre im Unternehmen tätige Sprengberechtigte und Bohrmaschinist die Bohrlöcher geladen und die Zündanlage hergestellt hatte, stellte er die Absperrung sicher, wies die Absperrposten ein und zündete.
Dabei befand er sich in 180 m Entfernung von der Sprengstelle, die hinter einem Höhenrücken lag.
Nachdem ein Mitarbeiter feststelle, dass das Signal zur erfolgreichen Beendigung der Sprengung ausblieb, begab sich dieser vorsichtig von seinem Standort in Richtung zu dem Sprengberechtigten. Dieser lag schwer verletzt am Boden - er war durch Steinflug im Bereich des Oberkörpers getroffen worden und verstarb anschließend.
Der erfahrene Sprengberechtigte hatte keinerlei Deckungsmöglichkeiten genutzt, obwohl z. B. in 100 m Entfernung zum Unfallort ein transportabler Einmann-Deckungsraum zur Verfügung stand.
Im Nachhinein wurde ermittelt, dass bei der Sprengung ein im Vergleich zum Durchschnitt relativ hoher spezifischer Sprengstoffbesatz eingesetzt wurde. Die sprengtechnischen Daten einschließlich der Vermessung der Bohrlöcher, der Vorgaben und der Sprengstoffmenge und der Verteilung der Sprengstoffladungen in den Bohrlöchern waren im vorliegenden Falle nicht eindeutig dokumentiert, obwohl im Unternehmen ein modernes Bruchwand-Laser-Vermessungssystem zur Verfügung stand und sonst auch angewendet wurde.

Abb. 7 Abb. 8
Abb. 7
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Abb. 8


Deckungsunfall bei Knäppersprengung

Ein weiterer Unfall, bei dem der Sprengberechtigte selbst schwer verletzt wurde, ereignete sich bei der Knäpperbeseitigung. Nur neun Monate, nachdem der Sprengberechtigte seinen Befähigungsschein erworben hatte, trat dieser, für ihn selbst folgenschwere Unfall ein, als er in dem Kalksteinbruch drei fast gleich große Knäpper von jeweils etwa 30 cbm Volumen zerkleinern wollte. Wegen der Größe der Steine konnte nämlich zuvor kein freier Zugang zum Haufwerk geschaffen werden. Nachdem der Versicherte die Knäpper vermessen und die Bohransatzpunkte sowie die Bohrrichtung festgelegt hatte, wurden alle drei Steine etwa zwei Meter tief angebohrt. Nach dem Herstellen der Sprenganlage begab sich der Sprengberechtigte seitlich hinter einen, in ca. 94 m Entfernung von der Sprengstelle stehenden Radlader in Deckung (Abb. 9). Von dort aus konnte er den linken und den mittleren Knäpper überblicken. Nachdem er die vorgeschriebenen Sprengsignale gegeben hatte, kniete er neben der Zündmaschine nieder und löste die Sprengung aus.
Nach der Schilderung eines Augenzeugen, welcher die Sprengung aus 300 m Entfernung beobachtet hatte, wurde der Sprengberechtigte von einem wegfliegenden Stein am Unterarm und am Oberkörper getroffen und schwer verletzt. Der linke Unterarm musste später im Krankenhaus amputiert werden.
Im Rahmen der Unfalluntersuchung wurde festgestellt, dass auf der verwendeten Kabeltrommel noch 35 m Zündleitung zusätzlich vorhanden waren. Ein auf der gleichen Sohle, in 200 m Entfernung befindlicher Zündbunker wurde von dem Sprengberechtigten nicht genutzt. Aus der Dokumentation der Sprengung ging hervor, dass für die Knäppersprengung insgesamt 4 kg gelatinöser Sprengstoff verwendet wurde. Der Steinflug war vermutlich aufgrund einer lokalen Überladung entstanden - der Unfall hätte aber bei Benutzung des Zündbunkers sicher vermieden werden können (Abb. 9).


Abb. 9
Abb. 9




Deckungsunfall durch Aufenthalt im Sprengbereich

Ein 44-jähriger Radladerfahrer erlitt innere Verletzungen und Frakturen im Bereich von Becken und Hüfte, als er von einem 5 kg bis 10 kg schweren Stein getroffen wurde. Der Unfall trat ein, als in einem Kalkwerk eine Reihensprengung mit sechs Löchern an der oberen, 15 m hohen Bruchwand ausgeführt werden sollte. Im Abstand von drei Metern waren hierzu 14 m lange Bohrlöcher niedergebracht worden, um diese mit geteilter Ladesäule zu zünden. Die Vorgabe betrug 3 m.
Der Verletzte war als Radladerfahrer im Unternehmen tätig und begab sich unmittelbar vor der Sprengung mit seinem Radlader hinter einen Felsvorsprung in ca. 180 m Abstand von der Sprengstelle. Dort wartete er bei geöffneter Kabinentür. Nach dem Zünden der Sprengung stellt der Sprengberechtigte starke Staub- und Schwadenentwicklung am sechsten Bohrloch fest. Auch soll Steinflug zu erkennen gewesen sein. Dabei traf ein etwa 5 kg bis 10 kg schwerer Stein den vorderen Holm der offenen Radladerkabine (Abb. 10), prallte von dort ab und traf den Verletzten im Hüftbereich.
Die Ursachen des Steinflugs blieben unklar. Nach den Angaben des Unternehmens wurden weder beim Bohrlochraster noch beim Bohrlochverlauf Abweichungen und Unregelmäßigkeiten festgestellt. Auch wies die Bruchwand nach Angaben des Sprengberechtigten weder Ausbrüche noch Klüfte oder Höhlen auf.
Die Ursache dieses Unfalls liegt darin, dass der Sprengberechtigte seiner Verpflichtung zur Absperrung und Räumung des Sprengbereiches, der gemäß der Unfallverhütungsvorschrift 300 m im Umkreis um die Sprengstelle beträgt, nicht nachgekommen war.


Abb. 10
Abb. 10




Verbrennen von Verpackungen führt zu vorzeitiger Detonation

In einem Kalksteinbruch wurde eine Großbohrlochsprengung mit sechs Bohrlöchern und 22 m Bohrlochlänge vorbereitet. Der Bruchmeister und reguläre Sprengberechtigte war am Unfalltage erkrankt. Daher hatte der Großbohrlochgeräteführer, welcher auch über die Sprengberechtigung verfügt, den Auftrag, die Sprengung durchzuführen. Nachdem die Bohrlöcher erstellt worden waren, wurden die Sprengstoffe (patronierter gelatinöser Sprengstoff und geschlauchter ANC-Sprengstoff) an den sechs Bohrlöchern abgelegt. Danach verbrachte der Sprengberechtigte mit seinem Helfer die elf leeren Sprengstoffkartonagen an den Böschungsfuß der dahinter gelegenen Abraumsohle und begann dort die Kartonagen zu verbrennen. Aufgrund des starken stürmischen Windes beschwerte er die Kartons zum Teil mit schweren Steinen, um ein Wegwehen zu verhindern. Der Abstand der Feuerstelle zum freiliegenden Sprengstoff betrug etwa zehn Meter. Nachdem der Abbrand weitestgehend abgeschlossen war, wurde plötzlich der am Bohrloch drei abgelegte Sprengstoff einschließlich der vorbereiteten Schlagpatrone vorzeitig umgesetzt, wobei ein Bodenkrater von drei Meter Durchmesser und 30 cm Tiefe entstand.
Durch die Druckwelle der Detonation und die Splitterwirkung des geworfenen Schotters wurde der Sprengberechtigte gegen ein Fahrzeug geschleudert und im Gesicht und am Arm verletzt. Neben Prellungen sowie Schnitt- und Platzwunden erlitt er einen Trommelfellriss und eine Trübung der Linse seines linken Auges.
Entgegen der Forderung der Unfallverhütungsvorschrift "Sprengarbeiten", beim Umgang mit Sprengstoffen und Zündmitteln einen Sicherheitsabstand von mindestens 25 m zu offenem Feuer einzuhalten, betrug der Abstand in diesem Falle nur 10 m. Außerdem wurden die Schlagpatronen unzulässigerweise vorzeitig, d. h. nicht unmittelbar vor dem Laden hergestellt und an den Bohrlöchern bereits abgelegt (Abb. 11 und 12).

Abb. 11 Abb. 12
Abb. 11 Abb. 12


Restsprengstoff detoniert bei Knäpperzerkleinerung

Etwa zwei Wochen nach der Gewinnungssprengung sollten in einem Kalksteinbruch Knäpper durch einen mit Felshammer ausgerüsteten Hydraulikbagger zerkleinert werden. Als der Baggerführer einen großen Felsbrocken mit einer Kantenlänge von etwa 2,5 m und pyramidischer Form für die Arbeiten zurecht gelegt hatte, kam es plötzlich zu einer Detonation. Aufgrund der Druckwelle und der weggeschleuderten Gesteinssplitter zerbarst auch die Frontscheibe des Hydraulikbaggers. Der Baggerführer wurde durch die Explosion am Oberkörper und am Kopf verletzt und zog sich Schnittwunden sowie eine Augenverletzung zu.
Aufgrund der Unfalluntersuchung wurde festgestellt, dass es bei der vorausgegangenen Gewinnungssprengung zu einem Abriss der Detonation in der Sprengstoffladesäule in einem Bohrloch gekommen sein musste. Dies führte dazu, dass bei der mechanischen Nachzerkleinerung gelatinöse Sprengstoffreste und Sprengschnurreste aufgrund der mechanischen Einwirkung zur Detonation gebracht wurden (Abb. 13).
Bei der 14 Tage zuvor durchgeführten Gewinnungssprengung wurde mit ca. 2 m Zwischenbesatz gearbeitet, die Sprengschnur reichte bis ins Bohrlochtiefste, eine redundante Zündung erfolgte dagegen nicht.


Abb. 13
Abb. 13




Drei Verletzte bei Tunnelsprengung

Der Unfall ereignete sich am Südportal beim Bau des neuen Rennsteigtunnels.
Zum Unfallzeitpunkt war die Tunnelröhre ca. 20 m aufgefahren. Die Sprenglöcher wurden mit einem modernen Bohrwagen fachgerecht hergestellt, anschließend mit gelatinösem Sprengstoff geladen, und danach unter Verwendung einer 100-g-Sprengschnur und elektrischer HU-Zünder aus sicherer Entfernung abgetan.
Nach Freigabe der Sprengstelle durch den Sprengberechtigten wurde das Sprenghaufwerk mittels Bagger auf Transportmulden geladen und aus dem Tunnel transportiert. Später wurde die Ortsbrust mit Spritzbeton gesichert. Entsprechend der Ausbauklasse wurden anschließend Ausbaubögen und Bewehrungsmatten für die seitliche Spritzbetonsicherung gesetzt.
Wegen einer Unebenheit in der Felswandung passte der letzte Ausbaubogen nicht. Daraufhin ordnete einer der später Verletzten an, diese Felsnase mittels Felshammer und Hydraulikbagger zu beseitigen. Bei diesen Abstemmarbeiten kam es zu einer Detonation. Der am schwersten Verletzte wurde durch Felsstücke im Gesicht getroffen und erlitt schwere Augenverletzungen. Außerdem wurden zwei Beschäftigte leicht verletzt, die sich hinter einem weiter entfernt stehenden Bagger aufhielten.
Bei der Unfalluntersuchung stellte sich heraus, dass es sich bei der Detonationsstelle um ein Kranzloch des Bohrprofils handelte, welches mit einer halben Sprengpatrone und Sprengschnur besetzt worden war. Bei der Herstellung der Sprenganlage wurde zunächst eine 38 mm Sprengpatrone in das 45 mm Bohrloch eingeführt.
Anschließend wurde der an der Sprengschnur befestigte Zünder ins Loch geschoben. Es wird vermutet, dass aufgrund dieser Verfahrensweise zwischen Sprengschnur mit Zünder und Sprengpatrone kein direkter Kontakt vorhanden war. Möglicherweise hatte einfallendes Bohrmehl dies verhindert. Somit konnte die Sprengpatrone nicht zur Detonation gebracht werden. Der Versager hätte vermieden werden können, wenn die Schlagpatrone fachgerecht hergestellt und für einen unmittelbaren Kontakt zwischen Zünder, Sprengpatrone und Sprengschnur gesorgt worden wäre.



Restsprengstoff im Haufwerk

In einem Hartsteinwerk war ein Versicherter mit dem Beladen von Muldenkippern aus dem Haufwerk beschäftigt. Zwischen den einzelnen Ladezyklen wollte der Versicherte mit seinem Hochlöffel-Hydraulikbagger bei abgesenktem Baggerlöffel in das Haufwerk vorfahren, um den nächsten Ladezyklus vorzubereiten. Als der mittlere Löffelzahn Kontakt mit dem Haufwerk bekam, kam es plötzlich zu einer Detonation.
Aufgrund der mechanischen Einwirkung waren Sprengstoffreste zur Explosion gebracht worden, wobei die wegfliegenden Steine die Frontscheibe des Baggers zerschlugen. Der Baggerführer erlitt am linken Unterschenkel sowie am Kopf und im Halsbereich Knochenbrüche bzw. Schnitt- und Platzwunden. Bei der fünf Tage zuvor abgetanen Gewinnungssprengung war patronierter gelatinöser Sprengstoff elektrisch unter der Verwendung von Sprengschnur gezündet worden. Aufgrund der Klüftigkeit des Vorkommens wurde im Anschluss an den Unfall verbindlich die redundante Zündung vorgeschrieben (Abb. 14).


Abb. 14
Abb. 14




Restsprengstoff im Haufwerk

Als etwa einen Monat nach einer Gewinnungssprengung in einem Granitsteinbruch das hereingewonnene Haufwerk weggeladen werden sollte, stellte der Baggerführer Sprengstoffreste im Haufwerk fest. Er unterbrach seine Arbeit sofort und verständigte den Betriebsleiter und zugleich Sprengberechtigten. Dieser untersuchte die Ladestelle und fand Sprengstoffreste sowie eine Sprengschnur, in der sich ein Knoten befand. Hieraus schloss er, dass er den Bereich der offensichtlich nicht detonierten Schlagpatrone gefunden hatte und die Gefahr mit dem Aufsammeln dieser Sprengstoffreste sowie der Sprengschnur beseitigt sei.
Die Ladearbeiten wurden anschließend fortgesetzt. Wenige Minuten später erfolgte aber plötzlich eine Explosion. Offensichtlich hatte die Baggerschaufel weiteren Restsprengstoff zur Detonation gebracht. Die Führerkabine des Hydraulikbaggers wurde durch die umherfliegenden Steinbrocken stark beschädigt. Der Baggerführer erlitt Schnittwunden im Gesicht und eine Prellung der Wirbelsäule.
Auch im vorliegenden Unfall war bei der Sprengung gelatinöser Sprengstoff verwendet worden, welcher mit einem Zünder zur Detonation gebracht werden sollte. Wäre das redundante Zündverfahren eingesetzt worden, hätte der Unfall vermutlich vermieden werden können (Abb. 15).


Abb. 15
Abb. 15




Schlussfolgerungen für die Arbeitssicherheit

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Sprengarbeit ein Sicherheitsniveau erreicht hat, welches in der fast einhundertjährigen Geschichte der systematischen Erfassung von Sprengunfällen noch nie ein derart hohes Niveau aufwies. Dies ist auf die systematische Zusammenarbeit all derer zurückzuführen, die sich mit der Sicherheit bei der Durchführung von Sprengarbeiten beschäftigen.
Hier sind einerseits die Hersteller von Sprengstoffen und Zündmitteln zu nennen. Es kann heute davon ausgegangen werden, dass für alle Anwendungsfälle zuverlässige, sichere technische Lösungen zur Verfügung gestellt werden.
Des Weiteren sind die Betreiber von Gewinnungstagebauen, vor allem aber auch die Sprengberechtigten zu nennen. Aufgrund der großen Erfahrung, des Verantwortungsbewusstseins und der Sorgfalt, welche diese Personengruppen bei ihrer täglichen Arbeit walten lassen, ist Sprengarbeit heute im Regelfall sicher zu beherrschen.
Positive Auswirkungen hat aber sicherlich auch der engagierte Einsatz der staatlichen und berufsgenossenschaftlichen Aufsichtsdienste und all derer, die sich im Bereich der Normung und Prüfung von Sprengstoffen und Zündmitteln engagieren.
Durch dieses systematische Zusammenwirken aller Beteiligten ist es gelungen, Sprengarbeiten den jeweiligen Anforderungen noch spezifischer anzupassen. Verbesserungen der Arbeitssicherheit und geringere Belastungen für die Umwelt, aber auch eine Erhöhung der Wirtschaftlichkeit gehen dabei einher. Trotz dieser insgesamt positiven Entwicklung geben die oben beschriebenen Arbeitsunfälle vier wichtige weitere Hinweise, um das erreichte Sicherheitsniveau zu stabilisieren, möglichst sogar noch weiter zu verbessern:

1. Auf den Menschen kommt es an
Sprengberechtigte sind mehr und mehr hochqualifizierte Spezialisten. Die Aus- und Fortbildung muss daher den neuen Spreng- und Zündtechniken Rechnung tragen. Die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft ist als größter Lehrgangsträger für die Ausbildung von Sprengberechtigten in der Bundesrepublik Deutschland stets darum bemüht, die Qualität der Ausbildung kontinuierlich zu verbessern und die Ausbildung noch effektiver zu gestalten. Jedes Jahr werden durch die Technischen Aufsichtsbeamten der StBG mehr als 30 Aus- und Fortbildungslehrgänge für Sprengberechtigte durchgeführt - allein in den letzten fünf Jahren nahmen an 157 Seminaren 2.688 Sprengberechtigte teil (Abb. 16).


Grafik Sprengseminare
Abb. 16


Seit einigen Jahren wird bei der Aus- und Fortbildung von Sprengberechtigten ein computerunterstütztes Lernprogramm (CBT-Programm) mit dem Titel "Sicher und wirtschaftlich Sprengen" erfolgreich eingesetzt, welches gemeinsam mit einem namhaften Hersteller von Spreng- und Zündmitteln entwickelt wurde. Das CBT-Lernprogramm kann über die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft bezogen werden.

2. Nachlässigkeiten führen zu schwerwiegenden Folgen
Bei der Analyse der Unfallereignisse des Betrachtungszeitraumes von 1997 bis 2002, aber auch des davor liegenden 5-Jahres-Zeitraumes, fällt auf, dass sich die Deckungsunfälle bedauerlicherweise wieder häufen. Da bei der Durchführung von Sprengarbeiten niemals mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass Steinflug eintritt, hat es - wie die im Einzelnen geschilderten Unfallereignisse belegen - dramatische oder tödliche Folgen, wenn man diese Gefahr unterschätzt und sich seiner Sache zu sicher ist. Nicht ohne Grund wurde in der Unfallverhütungsvorschrift "Sprengarbeiten" gefordert, dass der Sicherheitsabstand von der Sprengstelle (Sprengbereich) mindestens 300 m betragen muss.
Gerade im letzten Nachtrag zu dieser Unfallverhütungsvorschrift vom Oktober 1994 wurde zusätzlich geregelt, dass Abweichungen hiervon nur gemeinsam durch den Sprengberechtigten und den Unternehmer festgelegt werden dürfen!
Hier kommt es also mehr denn je darauf an, dass sich alle Personen bei der Durchführung von Sprengarbeiten außerhalb dieses Sprengbereiches aufhalten, es sei denn für den Sprengberechtigten oder sonstige Beschäftigte stehen sichere Zündbunker oder Deckungsräume zur Verfügung. Die Verantwortlichen in den Betrieben sind deshalb verpflichtet, mit Nachdruck dafür Sorge zu tragen, dass die erforderlichen betriebsspezifischen Regelungen getroffen sind, die Verantwortlichkeiten klar geregelt und alle Beschäftigten regelmäßig unterwiesen werden.
Auch der zuvor beschriebene Unfall, bei dem es aufgrund der Verbrennung von Kartonagen zur vorzeitigen Detonation des Sprengstoffes gekommen war, ist auf die Missachtung einfachster Sicherheitsvorschriften zurückzuführen und liegt im Verantwortungsbereich des Sprengberechtigten. Es ist einfach nicht zu tolerieren und völlig unverständlich, weshalb immer wieder die klaren Festlegungen der Unfallverhütungsvorschrift - in diesem Fall einen Sicherheitsabstand von 25 Metern einzuhalten - missachtet werden.

3. Versager lassen sich verhindern
Den zweiten großen Block in der Unfallstatistik nehmen Versagerunfälle ein. Stets aufs Neue kommt es zu solchen Vorkommnissen. Im Nachhinein ist dabei meist nicht mehr zu klären, was die Ursache war. Ist der Unfall nun darauf zurückzuführen, dass nicht sorgfältig genug - z. B. bei der Herstellung der Schlagpatrone - gearbeitet wurde oder kann es im Bereich des Zwischenbesatzes oder in klüftigem Gestein zum Abscheren der Ladesäule? In all diesen Fällen sind die Folgeereignisse bei der Versagerbeseitigung kaum kalkulierbar.
Deshalb kommt es neben der Anwendung der notwendigen Sorgfaltspflicht vor allem darauf an, redundant zu zünden, falls die Gefahr des Abschlagens der Ladesäule besteht. Zwar ist der Aufwand zunächst höher, die Sprengergebnisse und die nicht eintretenden Folgeschäden rechtfertigen diesen Mehraufwand jedoch immer!

4. Die neuen Zündtechniken haben sich bewährt
Um Sprengarbeiten den regionalen Gegebenheiten optimal anzupassen, steht inzwischen neben der klassischen elektrischen Zündung eine Reihe von unterschiedlichen Zündverfahren zur Verfügung. Da es bei der Anwendung auf besondere Fachkunde ankommt, ist noch immer eine besondere Erlaubnis der Berufsgenossenschaft zur Anwendung dieser neuen Zündverfahren erforderlich. Zur Zeit sind 67 Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft für insgesamt 115 Betriebe im Besitz derartiger Erlaubnisse.
Eine Erlaubnis für die Anwendung der nicht elektrischen Zündung haben 76 Betriebe, für die Anwendung der elektronischen Zündung sind dies 62 Betriebe und die Mehrkreiszündmaschine setzen 17 Unternehmen ein.
Obwohl es im Zusammenhang mit der Anwendung der nicht elektrischen Zündung vereinzelt Berichte über mechanische Beschädigungen solcher Zündanlagen gab, ist dennoch zu bilanzieren, dass die Erfahrungen insgesamt positiv sind und dazu beitragen, die Zündtechnik noch sicherer, umweltgerechter und wirtschaftlicher zu gestalten. Im Hinblick auf das Unfallgeschehen kann erfreulicherweise festgestellt werden, dass die neue Zündtechnik bisher an keinem Arbeitsunfall mit Körperschaden beteiligt war.



Fazit

Seit 90 Jahren werden die Unfälle bei der Sprengarbeit, die sich im Bereich der gewerblichen Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland ereignen, nach einheitlichen Kriterien untersucht und ausgewertet. Die Ergebnisse fließen in das Regelwerk der Berufsgenossenschaften ein, nehmen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Sprengstoffe und Zündmittel und werden bei der intensiven Ausbildung der Sprengberechtigten zu hochspezialisierten Fachleuten berücksichtigt. Die erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiet der Sicherheitstechnik konnte auch im Berichtszeitraum fortgesetzt werden. Alle, die mit Sprengstoffen im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit umgehen müssen, sollten jedoch nie den notwendigen Respekt verlieren und sich darüber im Klaren sein, dass Nachlässigkeiten beim Umgang mit Sprengstoff fehl am Platz sind und die Anforderungen der Unfallverhütungsvorschrift "Sprengarbeiten" konsequent beachtet werden müssen.
Dipl.-Ing. Helmut Ehnes, StBG






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