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[Die Industrie der Steine + Erden]






Ein Freund?

Jetzt leben wir schon rund ein halbes Jahr zusammen und ich fragte mich in einer stillen Stunde, ob wir zwischenzeitlich bereits Freunde geworden sind, der Euro und ich? Eher Bekannte, würde ich sagen; Freundschaften wollen wachsen, brauchen Zeit. Richtige Freundschaften müssen sich bewähren, belastbar und zuverlässig sein. Soweit möchte ich in meinem Verhältnis zum Euro noch nicht gehen. Eine gewisse Skepsis kann ich nicht verhehlen.
Mit einem Starter-Kit schmeichelte sich die neue Währung ein, machte uns neugierig und schuf um die Jahreswende herum eine eigenartige Atmosphäre. Eine gewisse Spannung machte sich breit. Wie würde der Übergang ablaufen? Pläne wurden geschmiedet, wie die letzten alten Münzen und Scheine noch angelegt oder eingetauscht werden sollten. Würden Komplikationen auftreten? Ich habe keine erlebt. Unsere Währungshüter hatten ganze Arbeit geleistet. Es waren ausreichend Euro vorhanden, und sie waren eigentlich überall gern gesehen. Nirgendwo wurde mein neues Zahlungsmittel zurückgewiesen. Es überwog eher eine gewisse Neugier auf das neue Geld. Kurzum: Start geglückt.
Selbstverständlich mussten wir anfänglich die Münzen noch herumdrehen und genau hinsehen, ob man nun einen Zwanziger oder einen Fünfziger in der Hand hielt. Ehrlich gesagt, geht es mir noch heute manchmal so. Doch war es Anfang des Jahres ganz erstaunlich, wie viel Geduld die Menschen häufig aufbrachten, wenn wieder einmal jemand die Münzen bedächtig in der Hand drehte und schließlich doch zu einem Schein griff. Irgendwie hatten wir doch alle mehr oder minder die gleichen Probleme, und so entstand eine gewisse Solidarität.
Es wurden auch Wetten abgeschlossen, wer zuerst Euromünzen aus allen Ländern zusammengesammelt hat. Die ersten "Fremden" wurden noch stolz herumgereicht. Man diskutierte, welches Land sich die meiste Mühe bei der Gestaltung der Rückseite gegeben hatte. Nun haben wir mit dem Euro schon einige Monate Erfahrung, und viele haben es schon genossen, in den Ländern der Währungsunion mit den blanken Münzen und den bunten Scheinen zu zahlen. Und es war spannend, zu vergleichen, was und wie viel man hier oder dort für einen Euro erhält.
Bald wird dies für uns alltäglich sein, und das Geld findet nicht mehr die anfängliche Aufmerksamkeit. Wir werden feststellen, dass uns der Euro genauso durch die Finger gleitet, wenn wir nicht aufpassen, wie die gute alte DM. Wenn wir eines Tages in den "halbierten" Beträgen denken und nicht mehr zurückrechnen, dann haben wir es, so glaube ich, geschafft. Bis dahin benötige ich noch etwas Zeit - und vermutlich nicht nur ich. Erst dann frage ich mich noch einmal, ob der Euro nunmehr mein Freund ist.

Hans-Jürgen Bahr

Der Euro





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