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Lotteriespiel "Anseilschutz"?

Auch die betreuenden Technischen Aufsichtsbeamten waren gefordert: Ulrich Matz beim Überstieg zur Querpassage
Auch die betreuenden Technischen Aufsichtsbeamten waren gefordert: Ulrich Matz beim Überstieg zur Querpassage
 
"Beim Entfernen von Anbackungen wurde Herr X durch herabfallendes Material verschüttet". Diese und ähnliche Unfallmeldungen haben die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft jetzt veranlasst, in Marbach am Neckar (Sektion II der StBG) einen Workshop zum Thema "Anseilschutz - Arbeiten unter Absturzgefahr" durchzuführen. Die Teilnehmer, Sicherheitsfachkräfte und Sicherheitsbeauftragte, lernten in Theorie und Praxis die Grundlagen für den richtigen Anseilschutz. Die Einrichtungen des Technikums der Firma Bornack Fallstop-Safety dienten dabei als Übungsobjekte.


Im Kraftwerksgebäude der EnBW in Marbach hat sich das Entwicklungs- und Technikums-Zentrum von Bornack etabliert. Renommierte Unternehmen wie Telekom oder Vodafone lassen hier ihre Mitarbeiter für Arbeiten in großen Höhen schulen. Daher hat die Sektion II das Angebot des Herstellers, ein Seminar zum Thema "Anseilschutz - Arbeiten unter Absturzgefahr" durchzuführen, gerne angenommen. Zusammen mit der Fachkompetenz von Klaus Bornack (Bornack Fallstop-Safety) und Stefan Krauße (Dräger) sollte den Teilnehmern die Auswahl und Benutzung der geeigneten persönlichen Schutzausrüstung bei diesen Arbeiten vermittelt werden.




Priorität eins: Sicherer Zugang

Zuerst steht aber immer das Bemühen im Vordergrund, einen möglichst sicheren Zugang zu den Arbeitsplätzen zu schaffen, ohne dass besondere Ausrüstung verwendet werden muss. Dies stellte Ulrich Matz, Technischer Aufsichtsbeamter der StBG, in seinem Vortrag klar. Matz verwies hierzu auf einschlägige Vorschriften für Bau-, Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten. Zusammen mit den Teilnehmern klopfte er die Möglichkeiten für die bestehenden Anlagen ab. Alle zogen das Fazit, dass einfache Lösungen kaum zu realisieren sind. Für Neuanlagen wies Ulrich Matz auf die richtige Ausformulierung im Lastenheft durch den Besteller hin. Formulierungen wie "für den Zugang hat der Betreiber die geeigneten Mittel zur Verfügung zu stellen", sollten sich nicht mehr in den Betriebsanleitungen finden.


Vorführung der Übung "Einfahren in ein Silo" unter Verwendung einer als Dreibein ausgeführten Einfahreinrichtung: Klaus Bornack wird mit der Einfahreinrichtung abgelassen
Vorführung der Übung
"Einfahren in ein Silo"
unter Verwendung einer als Dreibein
ausgeführten Einfahreinrichtung:
Klaus Bornack wird mit der Einfahreinrichtung
abgelassen




Priorität zwei: technische Ausstattung

Oft können Arbeitsbereiche in den Anlagen nicht sicher erreicht werden. Herausgestellt wurde der Vorrang technischer Maßnahmen wie Bühnen und Treppen oder Steigleitern vor der Benutzung persönlicher Schutzausrüstung. In letzterem Fall müssen Hersteller oder Betreiber im Vorfeld geeignete Anschlagpunkte oder den Einsatz von Einfahreinrichtungen berücksichtigen.
Dr. Gerhard Ambrosius, Arbeitsmediziner der Steinbruchs-BG in der Sektion II, hatte das Referat "Medizinische Aspekte" übernommen.
Den Teilnehmern wurde deutlich, dass der psychische und physische Zustand des Mitarbeiters bei der Auswahl eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Der Vorgesetzte muss bei der Auswahl der Mitarbeiter besonders auf die gesundheitlichen Aspekte achten. Platzangst, Höhenangst, aber auch Herz- und Kreislaufbeschwerden oder Stoffwechselstörungen, können eine Person als nicht geeignet für die vorgesehene Tätigkeit erscheinen lassen. Die Verantwortung für die Auswahl geeigneter Mitarbeiter liegt beim Unternehmer oder dem Vorgesetzten, der die Arbeiten anordnet.
Die Einwirkung von Gefahrstoffen ist vor allem bei Arbeiten in engen Räumen ein wichtiger Aspekt. Stefan Krauße von der Firma Dräger informierte die Teilnehmer bezüglich der Entstehungsmöglichkeit von Gefahrstoffen, deren Erkennung und Messung sowie über Rettungsgeräte. Drei Schwerpunkte wurden behandelt:
  1. Arbeiten in engen Räumen, in denen Gefahrstoffe gelagert werden,
  2. Verarbeiten von Gefahrstoffen am Arbeitsplatz, z. B. bei Beschichtungsarbeiten oder
  3. Entstehen von Gefahrstoffen während der Arbeit, z. B. bei Schweißarbeiten.



Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz

Nach dem Mittagessen in der Kantine der EnBW führte Klaus Bornack die Teilnehmer in die Vielfalt der Systeme von persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz ein. Manch ein Teilnehmer staunte nicht schlecht, wie gefährlich ein sogenanntes Schlaffseil ist. Hier werden aus 100 kg Fallgewicht nach 4 m Fall locker mehr als zwei Tonnen Auffanggewicht. Aus diesem Grund sind ein straffes Seil bzw. geeignete Rückhalte- systeme mit Seilkürzer und Falldämpfer unverzichtbar. Auch für das Einfahren in Silos stellte Bornack geeignete Systeme vor.


Thomas Schwedes legt das Sicherungsseil bei Klaus Bornack an
Thomas Schwedes legt das
Sicherungsseil bei Klaus Bornack an




Übungen mit der PSA

Im praktischen Teil des Workshops konnte jeder Teilnehmer zum einen das Einfahren in ein Silo und zum anderen das Besteigen einer Steigleiter ohne Rückenschutz mit geeigneter Sicherung üben. Dazu musste zuerst die entsprechende PSA (= Persönliche Schutzausrüstung) angelegt werden. Manch ein Teilnehmer benötigte hier die tatkräftige Hilfe des Fachmanns.
In der Station "Befahren eines Silos" ließ Thomas Schwedes, Bornack SafePoint, die Teilnehmer an einer Winde 11 Meter durch einen Lichtschacht auf die nächste Ebene herab. Anschließend wurde er wieder aus dem "Silo" nach oben geholt. Diese freie Ein- und Ausfahrt verursachte bei manchem ein gewisses Kribbeln im Bauch.
In der Station "Besteigen einer Steigleiter" sorgte Christian Zeisluft, Sicherheitsingenieur bei der StBG, für das korrekte Sichern der Teilnehmer vor dem Aufsteigen. Klaus Bornack unterstützte am oberen Ende der Leiter die Teilnehmer beim Umsteigen auf einen Querträger. Das gesicherte Entlanggehen auf dem Träger und das Absteigen auf einer zweiten Steigleiter hinab zum Boden führten die Teilnehmer selbständig durch.


Demonstration eines Bauchgurtes - Bauchgurte dürfen nicht verwendet werden, um Personen aufzufangen, sie dienen nur als Rückhaltesystem
Demonstration eines Bauchgurtes - Bauchgurte dürfen
nicht verwendet werden, um Personen aufzufangen, sie
dienen nur als Rückhaltesystem




Die Gefährdungsbeurteilung

Die praktischen Übungen und das am Vormittag Gehörte boten beim Abendessen und zu Beginn des zweiten Tages reichlich Diskussionsstoff.
Ein weiterer Schwerpunkt im Theorieteil waren die Prüflisten für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz. Manch ein Teilnehmer musste hier feststellen, dass seine Ausrüstung bereits überaltert ist und schon längst hätte entsorgt werden müssen.
Im Thema "Gefährdungsbeurteilung" stellte Christian Zeisluft ein nützliches Werkzeug der Prävention vor. Gemeinsam mit den Teilnehmern fasste er deren praktische Erfahrung und das Gehörte zusammen. Anhand des einfachen Beispiels "Einfahren in ein Silo" erläuterte Zeisluft die Vorgehensweise. Hierbei griff er auf die Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes und das berufsgenossenschaftliche Regelwerk zurück. Das Arbeitsschutzgesetz gibt den Unternehmern bereits Gefährdungsklassen in einer offenen Liste vor, z. B. mechanische Gefährdungen oder elektrische Gefährdungen. Mit Hilfe weiterer Schriften wurden diese allgemeinen Gefahrenaspekte noch präzisiert, z. B. bei mechanischen Gefährdungen durch die Erweiterung auf herabfallende oder herabstürzende Gegenstände bzw. bewegte Teile.
Auch diese Präzisierung muss noch mit Leben erfüllt werden. Es reicht nicht, einfach ein Kreuzchen bei "Herabfallende Gegenstände" zu setzen. Zeisluft forderte, die Gefährdungen genau zu benennen: Herabfallende Gegenstände wie Werkzeug, Reparaturmaterial aber auch (weitergedacht!) sich lösende Anbackungen!
Außerdem produziert der Mitarbeiter auch selbst mögliche Gefährdungen, z. B. durch die Mitnahme einer netzbetriebenen Handlampe in das Silo. Hier stellt der elektrische Strom die Gefährdung dar.
Selbst der simple Verbrauch von Sauerstoff in der Atemluft beim Atmen erzeugt eine Gefährdung bei der Arbeit in engen Räumen. Unstrittig waren auch die psychischen und physischen Belastungen, denen der Mitarbeiter bei seinen Tätigkeiten ausgesetzt ist.


Christian Zeisluft erarbeitet mit den Teilnehmern die Gefährdungsbeurteilung für Arbeiten in einem Silo
Christian Zeisluft erarbeitet mit den Teilnehmern
die Gefährdungsbeurteilung für Arbeiten in einem Silo




Schutzkonzept gegen Absturz

Aus diesen Gefährdungen entwickelte Zeisluft im Ansatz ein Schutzkonzept, wobei er sich auch hier streng an die gesetzlich verbindliche Rangfolge der Schutzmaßnahmen hielt. Im betrieblichen Alltag ist jedoch eine Verquickung der Ziele "technische", "organisatorische" und "persönliche" Schutzmaßnahmen zu beobachten.
Kommt man z. B. um die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz nicht herum, so ist zunächst technisch durch den Unternehmer sicher zu stellen, dass geeignete Mittel und ein geeigneter Anschlagpunkt vorhanden sind. Dann ist die regelmäßige Prüfung der Schutzausrüstung zu organisieren. Letztendlich muss der Mitarbeiter in der Benutzung der Schutzausrüstung sowie deren Anbringung an den Anschlagpunkten unterwiesen werden.
Anhand des Beispiels "Einfahren in ein Silo" erwies sich die Gefährdungsbeurteilung als eine "runde Sache" im Dienst der Prävention. Den Teilnehmern wurde vermittelt, dass durch eine sorgfältige Gefährdungsbeurteilung und durch gewissenhafte Vorarbeiten auch gefährliche Tätigkeiten wie das Einfahren in ein Silo oder Arbeiten in großen Höhen sicher durchführbar sind.



Rettungsmaßnahmen

Unter dem Thema "Retten und Selbstretten" stellte Thomas Schwedes diverse Typen von Selbstrettungssystemen vor. Besonderes Interesse fand die Möglichkeit, eine kleine Pressluftflasche mit sich zu führen, ohne dass Vorsorgeuntersuchungen nach dem berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 26 notwendig werden. Schwedes wies die Teilnehmer jedoch darauf hin, dass es sich bei diesen Geräten um reine Selbstretter handelt. Eine Rettung anderer sei mit Selbstrettern nicht möglich.
Die Resonanz der Teilnehmer auf die beiden Tage Workshop in Marbach war überaus positiv. Daher sind bereits drei Workshops in Marbach für den Herbst geplant.
Allen Teilnehmern war am Ende des Seminars eines klar: in ihrem Betrieb darf Anseilschutz kein Lotteriespiel mehr sein!

Andreas Erles,
Christian Zeisluft
StBG


Selbstretter sind bei Arbeiten in engen Räumen lebenswichtig. Thomas Schwedes zeigt, wie sie funktionieren
Selbstretter sind bei Arbeiten in engen Räumen
lebenswichtig. Thomas Schwedes zeigt, wie sie
funktionieren






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