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[Die Industrie der Steine + Erden]






Morsezeichen

Eine alte Nachrichtenübermittlungsmethode feiert offensichtlich fröhliche Wiederauferstehung: das Morsen. Ob in der Eisen- oder Straßenbahn, ob auf Schulhöfen oder an Straßenecken, man hört allerorts dieses Knack, Knack. Aber niemand tackert auf einem Morsegerät herum, sondern man hält, mehr oder minder lässig, ein Handy in der Hand. SMS heißt das Zauberwort.
Seit es möglich ist, mit einem Handy eine schriftliche Kurzmitteilung (short message) zu erstellen, wird in Deutschland wieder geschrieben – aber elektronisch. Mitteilungen fliegen in Windeseile von A nach B und die Antwort lässt meistens nicht lange auf sich warten. Insbesondere unsere Kids sind Meister in der short message. Was früher in stundenlangen Telefonaten mit der Freundin besprochen wurde, geht heute in einer Art Pingpong-Spiel als SMS durch die Luft. Geradezu virtuos fliegen die Finger über die Tasten, und man ist erstaunt, was in einer maximal 160 Zeichen umfassenden Mitteilung alles untergebracht werden kann. Elektronische Briefchen schwirren hin und her, bis das Taschengeld verbraucht ist.
Aber Erwachsene haben diese Art der Konversation ebenfalls dankend angenommen. Verabredungen werden über Handy getroffen und Grüße übermittelt. Ehrlich gesagt habe ich mich auch schon anstecken lassen. Als ich neulich jedoch freundliche Grüße eines Bekannten, die er mir von einem Wochenendtrip nach Berlin zukommen ließ, mit einem knappen „Danke“ beantwortete, war er etwas beleidigt. Dies entnahm ich nach seiner Rückkehr einer etwas spitzen Bemerkung über gute Sitten am Handy.
Aber SMS ist noch nicht der Gipfel der elektronischen Konversation. Neue Systeme stehen ins Haus. Nachdem die WAP-Handys nicht das gehalten haben, was sich ihre Väter versprachen, kommt jetzt GPRS (General Packet Radio Service). Hiermit können Internetdienste auch am Mobiltelefon genutzt werden. Darüber hinaus „verwalten“ die Geräte der nächsten Generation auch Termine, Adressen, Notizen und werden so zum Miniatur-Notebook.
Ich frage mich, ob wir diese Technik privat wirklich brauchen. Doch diese Frage habe ich mir vor meinem ersten Handy auch gestellt.
Also werden wir unsere Bankgeschäfte demnächst per Mobiltelefon in der Straßenbahn – oder wo auch immer – erledigen. Wir erfragen die neuesten Nachrichten, die Börsenkurse und die Wettervorhersage. Blitzschnell können wir elektronisch eingreifen, wenn unsere Volksaktie fällt, und nehmen so Einfluss auf die Aktienmärkte. Börsianer, ihr müsst mit uns Handybesitzern in Zukunft rechnen!
Doch eines verspreche ich: Wichtige Dinge werde ich auch in Zukunft mit meinen engsten Vertrauten persönlich diskutieren. Mit meinem Bekannten (siehe eingangs) habe ich bereits ein Glas Rotwein unter vier Augen getrunken. Alles ist wieder im Lot, ganz ohne Elektronik.

Hans-Jürgen Bahr
Morsezeichen





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