www.steine-und-erden.net > 2001 > Ausgabe 3/01 > Neue Hörhilfen erleichtern Eingliederung Schwerhöriger

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Neue Hörhilfen erleichtern Eingliederung Schwerhöriger

In den vergangenen zehn Jahren wurden die Techniken der elektronischen Verstärkung von Schall stark weiterentwickelt und verfeinert. Damit gelingt es heute, Schwersthörbehinderte mit Hörhilfen so zu versorgen, dass ihnen eine nahezu „normale" Teilnahme am sozialen Leben möglich wird. Neben der Eingliederung Schwerhöriger in den Arbeitsprozess bieten die neuen Techniken auch gesunden Menschen optimalen Gehörschutz im Lärmbereich.


Deutschland ist „Diaspora“ in der Versorgung von Kleinkindern mit angeborenen Hörproblemen. Meistens hapert es schon bei der Erkennung der Schwerhörigkeit von Säuglingen, erst viel zu spät werden diese Behinderten mit Hörgeräten ausgestattet, so dass sie in der Regel auch Schwierigkeiten beim Erlernen der Sprache haben. Erst in jüngster Zeit ist ein Fortschritt erkennbar, bedingt durch die Weiterentwicklung der Techniken zur Schallverstärkung. Man ist jetzt sogar in schweren Fällen in der Lage, unter Umgehung des Außen- und/oder Mittelohres mit Hilfe eines Implantates ein nahezu perfektes Sprachverständnis zu erreichen. Durch rechnergestützte frequenzabhängige Verstärkung des Resthörvermögens wird dem seit Geburt oder durch eine erworbene Schwerhörigkeit Behinderten ein nahezu komplettes Hören im gesamten Frequenzumfang des menschlichen Ohres geboten. Bahnbrechende Erfolge bei der Versorgung Lärmschwerbehinderter wurden dadurch möglich.


Das Implantat überbrückt Außen- und Mittelohr
Das Implantat überbrückt Außen- und Mittelohr


Das gelingt in den letzten Jahren immer besser. Es kann deshalb vorkommen – und wird immer häufiger vorkommen – dass sich schwerhörige oder taube Menschen zur Einstellung in einem Mitgliedsbetrieb der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft bewerben und sich für die Firma die Frage stellt: Kann dieser Mann, diese Frau bei uns bei uns überhaupt arbeiten? Was muss ich tun, damit ich diese Person beschäftigen kann?
Aus der Sicht der Arbeitsmedizin empfiehlt sich folgende Vorgehensweise: Beim hörgerätetragenden Erwachsenen lässt sich vom Bewerber sicher erfahren, ob die Schwerhörigkeit schon in frühester Jugend vorhanden war oder nicht. Beim Jugendlichen beziehungsweise Heranwachsenden kann der Arbeitgeber ebenfalls erfahren, ob die Schwerhörigkeit schon seit frühester Jugend bestand, ob sie sich nach Hörgeräteversorgung gebessert hat und wie der schulische Weg vor und nach Versorgung mit einem Hörgerät war.
Bei der Vorstellung ist zu berücksichtigen, dass Schwerhörige gegenüber Normalhörenden auf den ersten Eindruck hin häufig weniger intelligent wirken. Entweder können sie die Sprache nicht richtig verstehen, weil sie zum Beispiel ein ungenügendes Hörgerät benutzen und deshalb auf Fragen im Bewerbungsgespräch nicht richtig antworten können. Oder der Schwerhörige konnte die Sprache gar nicht richtig lernen, weil die Versorgung mit einem Hörgerät zu spät erfolgte, beziehungsweise aufgrund technischer oder sozialer Schwierigkeiten (Weg zum Hörgeräteakustiker zu weit, mangelndes Verständnis der Eltern) erfolglos blieb.



Gehörschutz mit modernen Hilfsmitteln

Durch eine Untersuchung bei einem ermächtigten Hals-Nasen-Ohren-Arzt muss dann festgestellt werden, ob bei Tätigkeiten des Schwerhörigen in lärmbelasteten Bereichen eine erhöhte Gefährdung seines Resthörvermögens besteht. Hierzu ist der HNO-Arzt auf Folgendes hinzuweisen: Bei Versorgung mit modernem Gehörschutz ist es möglich, mit Hilfe technischer Mittel sicherzustellen, dass eine Lärmbelastung des (Rest-)Gehörs mit Schallstärken über 82 dB sicher vermieden wird. Außerdem ist es mit Hilfe von Mikrofonen möglich, sich auch bei starkem Lärm sicher zu verständigen.
Der HNO-Arzt hat folgende Faktoren zu prüfen:
  1. Handelt es sich um eine Außen-, Mittel- oder Innenohrschwerhörigkeit?
  2. Ist die Schwerhörigkeit schon verbessert worden,
    • durch Versorgung mit einem Hörgerät oder
    • durch eine gehörverbessernde Operation? Oder ist
    • schon versucht worden, die Schwerhörigkeit zu behandeln?
  3. Bestehen Bedenken gegen eine Tätigkeit im Lärmbereich?

Erst nach Versorgung des Schwerhörigen mit einem für ihn optimal abgestimmten Hörgerät kann festgestellt werden, welches Hörvermögen tatsächlich erreichbar ist. Diese Eingewöhnungsphase erfordert auch sehr viel Geduld vom Patienten. Mögliche Reaktionen sind: Er hört plötzlich Dinge, die er vorher nicht gehört hat, und erschrickt deshalb. Infolge einer Überverstärkung empfindet er den Schall beim Tragen eines Hörgerät als schmerzhaft. Durch Rückkopplungen kann auch ein lautes Pfeifen im Ohr hörbar werden. Erst nach einiger Zeit werden die positiven Seiten der Gehörverbesserungen deutlich erfahrbar. So schaffte beispielsweise ein vorher lernschwaches Mädchen, deren angeborene Schwerhörigkeit erst im zwölften Lebensjahr festgestellt worden war, einen qualifizierten Hauptschulabschluss und fing eine Lehre an.



Integrierte Helmbefestigung gewährleistet dem Träger fast unbegrenzte Kommunikationsmöglichkeiten und schützt gleichzeitig vor schädlichem Lärm
Integrierte Helmbefestigung gewährleistet
dem Träger fast unbegrenzte Kommunikations-
möglichkeiten und schützt gleichzeitig vor
schädlichem Lärm




Individuelle Einrichtung des Arbeitsplatzes

Dass das kein Einzelfall ist, beweist das folgende positive Beispiel: Ein hochgradig schwerhöriger junger Mann machte, nachdem er mit einem Hörgerät versorgt worden war, eine Ausbildung als Gießereimechaniker, die er als Kammerbester abschloss. Danach begann er ein Maschinenbaustudium an der Fachhochschule. Dies war möglich, weil in Zusammenarbeit mit der Schwerbehindertenfürsorgestelle für ihn entsprechende Rahmenbedingungen eingerichtet werden konnten:
  1. Der junge Mann saß während des Unterrichts immer in der ersten Reihe, konnte dadurch den Lehrer beziehungsweise Meister gut beobachten. Der Meister trug um den Hals ein Mikrofon mit Infrarotübermittlung der Sprache zum Hörgerät des Auszubildenden. Der Auszubildende konnte damit „normal“ am Unterricht teilnehmen. Die Kosten dieser Maßnahmen trug die Schwerbehindertenfürsorgestelle.
  2. Der Auszubildende erhielt die Auflage, bei Tätigkeiten im Lärmbereich sein Hörgerät abzuschalten. Gleichzeitig musste er im Lärmbereich Kapselgehörschutz tragen. Damals war dies der Stand der Technik; heute wäre es möglich, einen Gehörschutz mit Abriegelung des Lärms bei Schallstärken über 82 dB zu verwenden und damit das Hörgerät des Auszubildenden auch im Lärmbereich benutzbar zu machen, oder mit einem modernen Hörgerät eine Abriegelung des Innenohrlärms vor der Überlastungsschwelle zu erreichen und damit das Hörgerät gleichzeitig als Gehörschutz zu nutzen. Eine Gefährdung des Restgehörs durch Lärm am Arbeitsplatz kann auf diese Weise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschaltet werden.
  3. Die akustischen Alarmanlagen in den Werkstätten wurden wegen des hörgeschädigten Mitarbeiters zusätzlich mit einer optischen Warneinrichtung ausgebaut. Dadurch ließ sich eine zusätzliche Sicherung des Arbeitsplatzes erreichen.



Zuverlässige Kommunikation in lärmbelasteter Umgebung
Zuverlässige Kommunikation
in lärmbelasteter Umgebung





Betriebsärzte als Sachverständige

Trotz Baustellenlärm ist über das Mikrofon eine einwandfreie Verständigung möglich In den Betrieben und auch bei niedergelassenen HNO-Ärzten besteht eine verständliche Furcht davor, das Restgehör schwerhöriger Menschen durch Arbeiten im Lärmbereich noch weiter zu gefährden und damit aus einem Schwersthörbehinderten einen Tauben zu machen. Deshalb ist es eine besondere Aufgabe für Betriebsärzte, im Rahmen der Eingliederung von Behinderten auch an der Einstellung von Hörbehinderten mitzuwirken. Die Betriebsärzte der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft werden in diesem Sinne als sachverständige Gutachter von Gehörvorsorgeuntersuchungen tätig, die von der Hauptverwaltung der Berufsgenossenschaft beauftragt werden. Unter Ausnutzung der sozialen Kompentenz als Arbeitsmediziner geben sie vor Ort direkte Hilfestellung, Dabei ergeben sich im Betrieb häufig neue Gesichtspunkte. Es gelingt des öfteren, eine „Nichteignung für Tätigkeit im Lärmbereich“ umzuwandeln in eine Eignung unter bestimmten Auflagen, z. B. technische Maßnahmen zum Lärmschutz oder das Tragen von verstärktem Gehörschutz.
Bei schnellem Verlust des Hörvermögens im Lärmbereich und der drohenden Schwerhörigkeit bisher gesunder Menschen gelingt dies allerdings manchmal nicht. Das bedeutet dann die Feststellung von Nichteignung für die Tätigkeit im Lärmbereich und damit ein Verbot der (Weiter-)Beschäftigung dieses Mitarbeiters beziehungsweise Bewerbers im Lärmbereich.
Hinter den Bemühungen steht jedoch immer, „normalhörende“ Menschen vor dem Schicksal der Lärmschwerhörigkeit zu bewahren, Schwerhörige mit den richtigen Hörhilfen zu versorgen sowie Schwerhörigen die Möglichkeit zur Arbeit zu geben und damit ein sinnvolles Leben zu ermöglichen.

Dr. med. Veit Stoßberg, StBG
Sektion I, Nürnberg, Tel. (09 11) 9 29 85-14

Literatur:
Hans-Peter Zenner „Elektronische Hörimplantate zur operativen Behandlung der Innenohrschwerhörigkeit", Deutsches Ärzteblatt/Jg. 98/Heft 4 /26. Januar 2000, Seite 138 bis 143




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