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[Die Industrie der Steine + Erden]






Nachhaltigkeit im Bauwesen

Bauwirtschaft diskutiert bei Knauf in Iphofen

Schulungs- und Seminarzentrum der Knauf-Zentrale Ein 1,5-tätiges Symposium, das der Bundesverband Baustoffe - Steine und Erden e. V. (Frankfurt) am 29. Februar und 1. März 2000 gemeinsam mit dem Unternehmen Gebr. Knauf, Westdeutsche Gipswerke in Iphofen, veranstaltet hat, beschäftigte sich mit der gesellschaftspolitischen Diskussion über das Prinzip der Nachhaltigkeit im Bauwesen. Denn: Baustoffe, Bauteile und Bauwerke werden heute nicht mehr nur nach ihrer technischen Leistungsfähigkeit und ihrem Preis beurteilt, sondern zunehmend auch nach ökologischen Kriterien. Nachhaltigkeit und nachhaltiges Handeln ist für viele der mittelländisch geprägten Steine und Erden-Unternehmen daher kein abstraktes Thema mehr, sondern tägliches Auseinandersetzen und Abwägen ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte in allen Unternehmensbereichen.

Über 120 Teilnehmer hatten sich in Iphofen im neuen Schulungs- und Seminarzentrum der Knauf-Zentrale eingefunden, um mit zu diskutieren.
Im Verlauf der Veranstaltung wurde deutlich, dass die Bauwirtschaft aufgrund ihrer komplexen Abläufe und durch die - im Vergleich zu anderen Industrie- und Wirtschaftsbereichen - langen Lebenszyklen ihrer Produkte ein besonders wichtiger Bereich ist, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht. Gerade deshalb hat die Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" des Deutschen Bundestages 1998 eigens eine Arbeitsgruppe "Bauen und Wohnen" eingesetzt. Dort sollten die Zusammenhänge von Stoffströmen und Kosten transparenter gemacht werden.Die Baustoffindustrie ist ebenfalls nicht untätig geblieben und hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Fragen der ökologischen Bewertung von Produkten, Bauteilen und Gebäuden entlang ihrer Lebenskette befasst. Außerdem wurde der künftige Bedarf an mineralischen Rohstoffen unter Berücksichtigung des Einsatzes von Recyclingbaustoffen untersucht. Hierbei ist deutlich geworden, dass es beim nachhaltigen Wirtschaften im Bauwesen nicht nur darum gehen kann, natürliche Ressourcen einzusparen und die Verwendung von Sekundärmaterialien vorzuschreiben. Das Symposium belegte eindrucksvoll, dass eine solche Denkweise zu kurz greifen würde. Denn: nicht für jede Bauaufgabe lassen sich aus technischer Sicht Recyclingmaterialien verwenden. Dennoch kommen sie bereits in großem Maße zum Einsatz: Von den rund 77 Millionen Tonnen jährlich anfallender Baureststoffe werden heute etwa 54 Millionen Tonnen wiederverwertet. Nach der Eröffnung des Symposiums durch den Hausherrn, Baldwin Knauf, und den Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Umweltfragen des Bundesverbandes Baustoffe - Steine und Erden e. V., Dr. Karl Kroboth, die auch auf der Pressekonferenz den Journalisten Rede und Antwort standen, beleuchteten hochkarätige Referenten die Themenbereiche in drei Blöcken:

Block 1 "Stoffströme" stellte wichtige Ergebnisse aus der Arbeit der Enquete-Kommission vor und verdeutlichte, wie die Zusammenhänge zwischen dem Bedarf an mineralischen Rohstoffen und der Verwendung von Sekundärrohstoffen im Spannungsfeld von technischer Machbarkeit, ökonomischen Zwängen und ökologischen Ansprüchen auf die Praxis einwirken.

Block 2 "Bauen und Wohnen" fokussierte die Betrachtungsweise auf das Bauwerk und dessen Nutzungsphase. Neue pragmatische Ansätze aus dem Bauministerium sowie Forschungsergebnisse aus dem Blickwinkel einer ganzheitlichen Bilanzierung von Baustoffen und Gebäuden unter Berücksichtigung des gesamten Lebensweges wurden vorgestellt.

Block 3 "Technische und rechtliche Anforderungen bei der Verwendung von Bauprodukten unter Berücksichtigung von Gesundheits- und Umweltaspekten" ging verstärkt auf europäische und nationale Anforderungen an Bauprodukte ein, wie sie z. B. durch die Bauproduktrichtlinie und durch darüber hinausgehende nationale Rechtsnormen gefordert werden.

Besondere Beachtung fand das innerhalb des Symposiums vorgestellte Gutachten über den künftigen Bedarf an mineralischen Rohstoffen unter Berücksichtigung des Einsatzes von Recycling-Baustoffen "Der Bedarf an mineralischen Baustoffen". Das von Prof. Volker Stein, Dr.-Ing. Michael Schmidt und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erarbeitete Gutachten, das die Frage nach der Zukunft der Steine und Erden-Industrie stellt, liefert realistische Zahlen über den zukünftigen Rohstoffverbrauch. Lagen bisher sehr widersprüchliche Gutachten zu dieser Thematik vor, die nicht nur Unternehmen, sondern auch die Öffentlichkeit verunsicherten, so stehen jetzt realistische, abgesicherte Daten zur Verfügung. Aus einer bis ins Jahr 2010 reichenden Abschätzung des Bruttoinlandsproduktes und des Bauvolumens wird rohstoffrelevant auf eine Steigerung der erforderlichen Mengen um lediglich sieben bis acht Prozent geschlossen. Der geringe Anstieg des Rohstoffverbrauchs hat nach Ansicht der Gutachter seine Ursache in der längeren Nutzungsdauer von Bauten gegenüber Ausrüstungsgütern. Es wird also gewissermaßen auf Vorrat gebaut. Hinsichtlich des Einsatzes von Recycling-Baustoffen wird belegt, dass in Deutschland zur Zeit circa 77 Millionen Tonnen mineralische Baureststoffe anfallen, von denen 74 Prozent bereits recycelt werden. Günstigstenfalls stehen somit noch weitere 20 Millionen Tonnen zur Verfügung. Da die anfallenden Bauschutt-Mengen nach Meinung der Gutachter bis 2010 kaum zunehmen werden, ist auf der Grundlage der heutigen rechtlichen Randbedingungen daher nicht davon auszugehen, dass recycelte Baureststoffe in einem früher diskutierten Rahmen die Verwendung neuer mineralischer Rohstoffe ersetzen können. Die Stellung der Steine und Erden-Industrie in der Gesellschaft Deutschlands bleibt also zumindest mittelfristig erhalten, denn die Verbraucher fordern auch in Zukunft mineralische Baustoffe. Die Gutachter fordern die Steine und Erden-Industrie abschließend auf, selbst dazu beizutragen, dass die Akzeptanz hierfür in der Öffentlichkeit gegeben ist, indem sie über ihre Leistungen, z. B. bei der Rekultivierung von Abbaustellen, auch in aller Öffentlichkeit sachlich berichten.Innerhalb der Pressekonferenz wies insbesondere Baldwin Knauf darauf hin, dass man bei Knauf den Dialog mit der Öffentlichkeit schon immer intensiv gepflegt hat. In seinem Statement bekannte sich Knauf zum Standort Deutschland - hier beschäftigt die Unternehmensgruppe Knauf zur Zeit über 3.800 Mitarbeiter, wovon annähernd 1.000 Beschäftigte in der Region Iphofen arbeiten. Und dies, obwohl das im Jahr 1932 gegründete Unternehmen heute weltweit tätig ist und als führender europäischer Hersteller von Baustoffen mit über 100 Standorten in mehr als 30 Ländern präsent ist. Insbesondere habe man sich frühzeitig mit der Richtlinie der Europäischen Union "Flora-Fauna-Habitat" unter dem Gesichtspunkt befasst, dass hiervon die Rohstoffsicherung für die nächsten Zeiträume massiv beeinflusst wird.Der Gesamteindruck des Symposiums lautet: Es ist ohne Zweifel zu begrüßen, dass sich der Bundesverband Baustoffe - Steine und Erden e. V. mit dieser wichtigen Zukunftsfrage, die den Fortbestand der Steine und Erden-Industrie insgesamt tangiert, in einer derart konstruktiven und sachlichen Art und Weise auseinandergesetzt hat, wie dies in Iphofen zu erkennen war. Jetzt kommt es aber darauf an, dass diese Gedanken und Arbeitsergebnisse offensiv in die Öffentlichkeit hinaus getragen werden, damit es nicht nur bei internen Diskussion bleibt.


Werksrundgang bei den Gebr. Knauf, Westdeutsche Gipswerke Baldwin Knauf und Dr. Kroboth (v.l.n.r.) leiteten die Konferenz im Schulungs- und Seminarzentrum der Knauf-Zentrale





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