www.steine-und-erden.net > 1999 > Ausgabe 2/99 > Berühren einer Freileitung endet tödlich

[Die Industrie der Steine + Erden]






Berühren einer Freileitung endet tödlich

Dipl.-Ing. W. Reinl

Immer werden die von Hochspannungsleitungen ausgehenden Gefahren sträflich mißachtet oder vernachläßigt. Die Folgen sind häufig tödliche Arbeitsunfälle, die vermeidbar wären, wenn Unternehmer, Betriebsleiter und Geräteführer ihrer Verpflichtung und Sorgfalt nachkommen würden. Ein aktueller Fall zeigt den gedankenlosen Umgang mit dieser tödlichen Gefahr:

Während der Erdarbeiten für eine neue Straße zum Kieswerk hatte der Baggerfahrer Ölspuren am Kettenbagger entdeckt und den Betriebsleiter während der Mittagspause über die Leckage informiert. Am Nachmittag wurden Arbeiten mit einem anderen Bagger durchgeführt. Als eine Pause eintrat, weil kein LKW zum Beladen zur Verfügung stand, reinigte der Baggerfahrer die Ketten seines Kettenbaggers. Während dieser Arbeiten bekam er von der Landstraße her (Beginn der neuen Kieswerkstraße) aus ca. 50 m Entfernung vom Betriebsleiter ein Zeichen, mit dem Bagger zur Landstraße zu kommen. Daraufhin fuhr der Baggerfahrer mit dem Raupenbagger über das Ackergelände, welches für die neue Straße vorgesehen war, in Richtung Landstraße. Der Betriebsleiter kam ihm entgegen und forderte ihn zum Anhalten auf. Dadurch kam der Bagger unter einer quer zu Fahrtrichtung im Feld ca. 10 m hinter der Landstraße verlaufenden Freileitung zum Stehen, ohne daß dies bemerkt wurde. Beide Mitarbeiter versuchten sodann die Leckage zu finden. Sie schraubten eine Bodenplatte und Teile im Motorbereich ab und reinigten beides, um Leckagen beobachten zu können. Der Betriebsleiter wies den Baggerfahrer an, den Motor auf "Halbgas" zu stellen. Beide untersuchten danach den Motorraum, konnten aber keine Leckage feststellen.Daraufhin forderte der Betriebsleiter den Baggerführer auf, durch Betätigen der Arbeitseinrichtung und durch "Vollgas" den Hydraulikdruck hochzufahren, um austretendes Öl leichter feststellen zu können. Nach dieser Aktion rief der Baggerfahrer nach eigenen Angaben dem Betriebsleiter, der zwischen den hinteren Kettenenden stand zu, ob er etwas erkennen könne. Dieser gab jedoch keine Antwort. Daraufhin schwenkte der Baggerfahrer den Bagger um 90 nach links, setzte den Baggerlöffel am Boden ab und stieg aus. Am hinteren Kettenende fand er den Betriebsleiter leblos neben der Innenseite der Kette liegend.Der Betriebsleiter hatte einen tödlichen Stromschlag erhalten, unter dem rechten Ohr befand sich eine Stromeintrittsmarke.Nach Aussagen des Baggerfahrers habe er weder eine Berührung der Freileitung noch irgendeinen Stromfluß bemerkt. Es sei ihm auch nicht bewußt gewesen, daß er mit dem Baggerlöffel bis auf Höhe der Stromleitung gelangt sei.

Unfallursachen:

Der Baggerfahrer muß beim Betätigen der Arbeitseinrichtung den Ausleger so weit ausgefahren haben, daß der Baggerlöffel die 9 m hohe Freileitung berührte (Abb. 1). Auf der Außenrückseite des Baggerlöffels sind Stromeintrittsmarken zu erkennen (Abb. 2). Der Betriebsleiter hatte offensichtlich während der Lecksuche Verbindung zum Bagger und erlitt einen tödlichen Stromschlag.

Schlußfolgerungen:

Bei diesem bedauerlichen Unfall liegt ein Verstoß gegen 39 Abs. 1 und 2 der Unfallverhütungsvorschrift "Bagger, Lader, Planiergeräte, Schürfgeräte und Spezialmaschinen des Erdbaues (Erdbaumaschinen)", VBG 40 vor.

In 39 steht:

(1) "Bei der Arbeit mit Erdbaumaschinen in der Nähe elektrischer Freileitungen und Fahrleitungen muß zwischen diesen und der Erdbaumaschine und ihren Arbeitseinrichtungen ein von der Nennspannung der Freileitung abhängiger Sicherheitsabstand eingehalten werden, um einen Stromübertritt zu vermeiden. Dies gilt auch für den Abstand zwischen diesen Leitungen und Anbaugeräten sowie angeschlagenen Lasten.

(2) Kann ein ausreichender Abstand von elektrischen Freileitungen und Fahrleitungen nicht eingehalten werden, hat der Unternehmer im Benehmen mit dem Eigentümer oder Betreiber der Leitungen andere Sicherungsmaßnahmen gegen Stromübertritt durchzuführen. Die Arbeiten zur Beseitigung der Leckage hätten nicht an diesem Ort (unter der Freileitung) durchgeführt werden dürfen, zumal die Reparatur auch an einer anderen Stelle problemlos möglich gewesen wäre.

Anschrift des Verfassers:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160, D-30853 Langenhagen


Baggerlöffel in extremer Hochstellung Stromübertrittsmarken an Baggerschaufel (s. Pfeil

Abb. 1: Baggerlöffel in extremer Hochstellung
Abb. 2: Stromübertrittsmarken an Baggerschaufel (s. Pfeil)





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