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Frühjahrsmüdigkeit



Neulich fragte mich ein Bekannter, ob ich auch so stark unter der Frühjahrsmüdigkeit zu leiden habe. Als ich verneinte, entspann sich umgehend eine Diskussion über Sinn oder Unsinn dieser angeblichen Volkskrankheit. Ich gebe zu, daß ich nicht immer aus vollster innerer Überzeugung argumentierte, aber die zur Schau gestellte Leidensmine meines Gegenüber reizte mich zum Widerspruch. Auf die Behauptung, der Körper sei nach den Belastungen des Winters auf einem Tiefpunkt seiner Leistungsfähigkeit angelangt, rang ich mir nur ein mitleidiges Grinsen ab. Im Zeitalter der Möglichkeit einer regelmäßigen Versorgung mit vitaminreichem Obst und Gemüse müsse niemand an Mangelerscheinungen leiden. Sicherlich büßte zu Großmutters Zeiten das im Winter gelagerte Obst einen Großteil der Vitamine ein. Auch die eingekochten Apfel- und Birnenspälten, die traditionell als Nachtisch gereicht wurden, hatten ihre Vitalstoffe weitgehendst eingebüßt. In der heutigen Zeit jedoch, in der Obst aus aller Welt und zu (fast) jeder Jahreszeit angeboten wird, sollten Mangelerscheinungen der Vergangenheit angehören. Wahre Vitaminbomben aus aller Herren Länder sind heute bis in das kleinste Dorf bekannt und auch erhältlich. Früher unbekannte Früchte, wie Kiwis, Papayas und Mangos, bereichern und ergänzen das Angebot zusätzlich zu den bewährten Zitrusfrüchten. Eine weitergehende Aufzählung von Vitaminspendern kann unterbleiben, belegt doch schon diese willkürliche Auswahl die Richtigkeit meines Einwandes. Mein Bekannter war jedoch für diese Argumentation nicht zugänglich und beharrte auf seinem ihm saisonal angeblich zustehenden Stimmungstief. Das wechselhafte Wetter würde ebenfalls seinen Teil zur Frühjahrsmüdigkeit beitragen, und der angefutterte Winterspeck wäre auch nicht zur Aufhellung des Stimmungsbildes geeignet. Er verteidigte seine Mattigkeit am Tage und den wenig erholsamen Schlaf des nachts mit einer Vehemenz, die ich einem angeblich so angeschlagenem Mitbürger gar nicht zugetraut hätte. Dessen ungeachtet konnte ich es mir nicht verkneifen, seinen Standpunkt weiter anzugreifen und zu sticheln, ob seine angebliche Frühjahrsmüdigkeit nicht nur vorgeschoben sei, um sich einmal etwas hängenzulassen. "Gehörst Du vielleicht zu den Zeitgenossen, die sich aus dem Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit quälen, um sich in der Hitze des Sommers nur mäßig zu bewegen und dann bald in eine tiefe Herbstdepression verfallen? Kurz gesagt zu der Spezies, die rund um das Jahr ziemlich tranig durch die Welt latscht?" Weitere Ausführungen ersparte ich mir dann, weil ich an dem Gesichtsausdruck meines Gegenüber erkannte, daß ich, würde ich das Gespräch nicht sofort in unverfängliche Bahnen lenken, einen guten Bekannten verlieren könnte.

Hans-Jürgen Bahr


Frühjahrsmüdigkeit





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