Arbeitssicherheit

Impressionen vom Forum protecT in Magdeburg

Maximum protecT-ion

„Menschen für Maschinen? Maschinen für Menschen“: So lautete das Motto des Forums protecT, zu dessen zweiter Ausgabe im Februar in Magdeburg die BG RCI geladen hatte. Rund 300 Unternehmensvertreter nahmen daran teil. Wie schon Ende 2015 in Bad Wildungen ging es auch hier um viel mehr, als der Forumstitel ankündigte: um die Zukunft sicheren, gesunden Arbeitens in einer sich wandelnden, sich immer stärker vernetzenden Industriewelt.

Wolfgang Pichl
„Null Unfälle – da wollen, da müssen wir hin“: Wolfgang Pichl, stellvertretender Leiter der Prävention bei der BG RCI, begrüßte die Forumsgäste mit einem Einführungsvortrag zur Präventionsstrategie VISION ZERO.

„Es war spannend zu sehen, was in anderen, teilweise auch ganz fremden Branchen los ist – und dass wir im Grunde alle vor denselben Aufgaben stehen“ – das war das Fazit eines Forumsteilnehmers aus der chemischen Industrie. Wie er hatten alle geladenen Gäste an zwei Tagen oft Gelegenheit, über den Tellerrand zu schauen. Moderiert durch den ehemaligen ZDF-Nachrichtenredakteur Alexander Niemetz, spannten Vortragende und Workshopleiter des Forums protecT einen weiten thematischen Bogen, in dem „die Maschine“ im Grunde nur einer von vielen Projektionspunkten war. Denn viel stärker als noch vor wenigen Jahren werden Anlagen und Gerätschaften aktiv in ganzheitliche Arbeitssicherheits-Konzepte einbezogen, die neben der Technik auch Räume, Produktionsprozesse und Kommunikationsstrukturen umfassen. Eine Maschine muss sich in solche Konzepte einfügen. Nur dann ist sie die Investition wert, wenn sie den Menschen dabei unterstützt, sicher und gesundheitsschonend zu arbeiten.

Plenum
Volles Plenum: Fast 300 Gäste aus allen Branchen der BG RCI nahmen am Forum teil.

VISION ZERO – die Basis der Präventionsarbeit

Doch wann ist Arbeit wirklich sicher, und wie wird sie das, wo sie es noch nicht ist? Wolfgang Pichl, stellvertretender Leiter der Prävention bei der BG RCI, griff dieses Thema in seinem Einführungsvortrag auf. Darin konzentrierte er sich auf die VISION ZERO: Die auf zehn Jahre angelegte Strategie der BG RCI, die er umriss, nennt die Ziele und erläutert die Maßnahmen umfassender Unfall- und Krankheitsprävention. Und obwohl sie noch recht neu ist, haben sich schon viele Betriebe ihre Botschaften auf die Fahne geschrieben – denn, so Pichl, Arbeitsschutz lohne sich auch wirtschaftlich. Wer von den Forumsteilnehmern bislang noch kein aktiver „Visionär“ war, erhielt im Vortrag von Matthias Stenzel (BG RCI) die nötigen Informationen, wie VISION ZERO im Betrieb umsetzbar ist – nämlich mit Hilfe eines praxisorientierten Leitfadens, der zusammen mit der Strategiebroschüre auf jedem Platz im Plenum bereitlag. Dass man schon mit simplen, praktischen Maßnahmen seine eigene Gesundheit am Arbeitsplatz fördern kann, erlebte das Publikum – nach anfänglichem Zaudern – im Beitrag von Helmut Nold (BG RCI). Die Ausgleichsübungen, zu denen er die Teilnehmer animierte, kann jeder zwischendurch an seinem Arbeitsplatz machen. Mal sehen, ob das auch im Alltag geschieht …

Alexander Niemetz
Charmant, fachkundig, kritisch: Der ehemalige ZDF-Nachrichtenredakteur Alexander Niemetz moderierte das Forum protecT im Magdeburger Maritim-Hotel.

Theorie und Praxis

Der zweite Vortragsblock des ersten Tages warf Schlaglichter auf einige basale Aspekte der Arbeitssicherheit und Prävention, etwa die Inhalte der Betriebssicherheitsverordnung – dargelegt von Prof. Dr. Ralf Pieper (Bergische Universität Wuppertal) sowie – ein derzeit brennendes Thema – die Bedeutung der Industrie 4.0 für den Arbeitsschutz (Dr. Michael Huelke, Institut für Arbeitsschutz der DGUV). In letzterem Beitrag – und auch in den Wortmeldungen aus dem Plenum – kam deutlich heraus, dass es darum gehen muss, bei der fortschreitenden digitalen Vernetzung Sicherheit und Gesundheit von Anfang an zu integrieren. Denn diese Faktoren bestimmen letztlich, wie „menschlich“ die Industrie von morgen sein wird – schließlich bleiben die Mitarbeiter das wertvollste Kapital eines Unternehmens.

Nach so viel Theorie lud Moderator Niemetz das Publikum ein, sich an den Marktplatz-Ständen im Foyer des Maritim-Hotels über die praktische Seite der Arbeitssicherheit zu informieren – darunter natürlich auch die BG RCI mit einem Medienshop, einigen Teststationen und vielen Goodies zum Mitnehmen. Institute und Hersteller präsentierten Produkte und Tools mit großem Potenzial für sichere Arbeit; an Simulatoren konnten die Gäste ausprobieren, wie sich Sinne und Reaktionsvermögen mit fortschreitendem Alter verändern – auch der demografische Wandel war Thema des Forums.

Matthias Stenzel
„Helfen Sie mit, diese Beta-Version zu optimieren“: Matthias Stenzel (BG RCI) erläuterte den VISION-ZERO-Leitfaden.

Sicherheit heute und morgen

Mit Ergonomie und Sicherheit ging es weiter im dritten Vortragsblock: Dr. Michael Thierbach (Kommission Arbeitsschutz und Normung – KAN) und Karlheinz Pfeiffer (Netzwerk Baumaschinen) befassten sich mit dem heiklen Thema „Sicht“ bei Erdbaumaschinen – und mit den logisch nicht immer nachvollziehbaren Neuerungen, die die EU-Kommission etwa bezüglich Kamera- und Radarsystemen bei Radlader und Co eingeführt hat. Einhellige Meinung von Vortragenden und Publikum: Die werksseitige Ausrüstung neuer Maschinen mit Rundumsicht-Systemen muss Pflicht werden. Aus einer ganz anderen Branche berichtete Peter Hämmerle: Er legte dar, welche Maßnahmen sein Möbelbau-Unternehmen, die Girsberger GmbH, ergriffen hat, um die Ergonomie bei der Produktion zu erhöhen. Dies ergab auch positive wirtschaftliche Effekte, weil dadurch Produktionssteigerungen zu verzeichnen sind.

Dr. Michael Huelke hält ein Smartphone hoch
Das Smartphone, Symbol der digitalen Vernetzung: Dr. Michael Huelke (DGUV) mahnte an, beim Wandel zur Industrie 4.0 den Arbeitsschutz fest zu implementieren.
Karlheinz Pfeiffer
Fundierte Antworten: Karlheinz Pfeiffer (Netzwerk Baumaschinen) stellte sich den Fragen zur viel diskutierten EU-Verordnung über Rundumsicht und Assistenzsysteme.
Corinna Mühlhausen
„Flache Hierarchien und flexible Strukturen sind die Zukunft“: Trendforscherin Corinna Mühlhausen warf einen Blick auf die kommunikativen und sozialen Bedingungen für die Industrie von morgen.

Den Vortragsreigen schloss Corinna Mühlhausen mit einem Ausflug in die Zukunftsforschung. Die Expertin der Hamburger Agentur Trendcoach/Fritz Classen beleuchtete zunächst den Wertewandel in Gesellschaft und Arbeitswelt, analysierte die Ansprüche von Arbeitnehmern unterschiedlichen Alters (Generationen X und Y) und stellte schließlich Firmen vor, die in kommunikativer wie sozialer Hinsicht eine neue, „menschliche“ Unternehmenskultur etabliert haben. Mühlhausens Resümee: Autoritäre Strukturen sind out – sie müssen ersetzt werden durch flache Hierarchien, aktive Mitarbeiterbeteiligung, flexiblere Arbeitszeitmodelle und Produktionsprozesse.

Das gemeinsame Abendessen bot den Forumsteilnehmern Gelegenheit, sich über ihre Eindrücke aus den Vorträgen auszutauschen – und sich für die Workshops des nächsten Tages aufzuwärmen:

Teilnehmer am Kranmodul
Ruhiges Händchen: Am Kranmodul der BG RCI konnte jedermann und -frau testen, wie sich zunehmendes Alter auf Wahrnehmung und Fingerfertigkeit auswirkt.
Kampagnenstand der BG RCI
Am Kampagnenstand der BG RCI gab es viel zu entdecken, auszuprobieren – und mitzunehmen.

Nun sind die Unternehmen am Zug

So war der zweite Forumstag von Konkretisierung, Vertiefung und Diskussion geprägt. Die Wortbeiträge der „Workshopper“ machten deutlich, welchen Lerneffekt die Vorträge gebracht haben: Workshopleiter und Teilnehmer begegneten sich auf Augenhöhe – ein fruchtbarer Kontakt, aus dem die Forumsgäste viel neues Wissen und frische Motivation mit nach Hause nehmen konnten.

Sicher und gesund arbeiten: Mit dem Forum protecT in Magdeburg (und der Zwillingsveranstaltung in Bad Wildungen) sind wir diesem Ziel näher gekommen.

Die nächsten Termine für das Forum protecT:

  • 22.–23. November 2016 in Kassel (Hotel La Strada)

  • 15.–16. Februar 2017 in Magdeburg (Hotel Maritim)

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Michael Kunze
„Gemeinsam am Ball bleiben“: Michael Kunze, stellv. Leiter der Prävention bei der BG RCI, warb um die betriebliche Umsetzung der aus dem Forum gewonnenen Erkenntnisse.

Alle Fotos: BG RCI/Markus Hofmann

 
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