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[Die Industrie der Steine + Erden]






„Tri“ in der Laborpraxis

BG/BGIA-Empfehlungen für die Verwendung von Trichlorethylen bei der Prüfung von Asphalt

In diesem Beitrag werden Empfehlungen hinsichtlich der Arbeitsgestaltung und der zu treffenden Maßnahmen des Gesundheitsschutzes für die Prüfung von Asphalt nach dem Siebturmverfahren und nach dem Waschtrommelverfahren unter Verwendung von Trichlorethylen als Lösemittel vorgestellt und erläutert. Es handelt sich hierbei um weitere typische Branchenregelungen für die As-phaltindustrie zur Vereinfachung der im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen vom Unternehmer durchzuführenden Einzelschritte. Die Empfehlungen wurden von einer Arbeitsgruppe des Deutschen Asphaltverbandes DAV e.V., der Arbeitsgemeinschaft der Bitumenindustrie ARBIT e.V., der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft und der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft erarbeitet.

1 Einführung

Im Gegensatz zur alten Gefahrstoffverordnung, welche die Überwachung der Luftgrenzwerte (§ 18 Überwachungspflicht) durch Messungen in den Vordergrund stellte, steht bei der neuen Gefahrstoffverordnung 2004 die Festlegung angemessener Schutzmaßnahmen im Mittelpunkt der Ermittlungen und Beurteilungen des Unternehmers (§ 7 Informationsermittlung und Gefährdungsbeurteilung). Eine wesentliche Unterstützung soll er dabei durch die Anwendung von BG/BGIA-Empfehlungen für die Gefährdungsbeurteilung nach der Gefahrstoffverordnung erhalten.

BG/BGIA-Empfehlungen sind in der Regel Expositionsbeschreibungen für Verfahren und Tätigkeiten mit Gefahrstoffen entsprechend dem Stand der Technik. Sie enthalten praxisgerechte Hinweise zur Durchführung der Ermittlungen, die Beschreibung geeigneter Schutzmaßnahmen und Hinweise zur Wirksamkeitskontrolle und sind somit ein geeignetes Hilfsmittel für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung.

Der Unternehmer kann nach Prüfung der Übertragbarkeit auf seine betriebliche Situation die Empfehlungen übernehmen und damit den eigenen Ermittlungsaufwand begrenzen. Die Anwendung von BG/BGIA-Empfehlungen eröffnet sogar die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen auf messtechnische Ermittlungen zu verzichten. Darüber hinaus enthalten BG/BGIA-Empfehlungen weitere Hinweise zur Gefährdungsbeurteilung, wie z. B. Informationen über Ersatzstoffe oder Ersatzverfahren, technische Minimierungsmaßnahmen sowie andere Maßnahmen des gefahrstoffbezogenen Arbeitsschutzes.

BG/BGIA-Empfehlungen werden von den gewerblichen Berufsgenossenschaften (BG) und dem Berufsgenossenschaftlichen Institut für Arbeitsschutz (BGIA) in Zusammenarbeit mit den Ländern und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) entsprechend den Anforderungen der Technischen Regeln für Gefahrstoffe „Verfahrens- und stoffspezifische Kriterien (VSK) für die Gefährdungsbeurteilung“ (TRGS 420) erarbeitet. Abweichend hiervon können BG/BGIA-Empfehlungen auch solche Fälle behandeln, in denen trotz Anwendung eines Arbeitsverfahrens oder einer Arbeitsweise nach dem Stand der Technik die Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwertes (AGW) nicht gegeben ist.

In die TRGS 420 können BG/BGIA-Empfehlungen

  • für die Einhaltung eines AGW nach TRGS 900,
  • für Stoffe ohne AGW, bei denen ein akzeptables Risiko besteht,

aufgenommen werden, nachdem der Ausschuss für Gefahrstoffe des Bundesminis-teriums für Arbeit und Soziales (AGS) die Einhaltung der Kriterien für VSK überprüft und der Aufnahme zugestimmt hat. Bei diesen in den TRGS 420 aufgeführten Empfehlungen im Range von VSK gilt die Vermutungswirkung gemäß § 8 Abs. 1 der Gefahrstoffverordnung, d. h. der Unternehmer kann bei ihrer Anwendung davon ausgehen, dass die Anforderungen der Gefahrstoffverordnung hinsichtlich der inhalativen und der dermalen Exposition sowie der Brand- und Explosionsgefahren sowie sonstiger Gefährdungen eingehalten sind bzw. bei Stoffen ohne AGW der Stand der Technik erreicht ist.

Bei Anwendung von BG/BGIA-Empfehlungen bleiben weitere Anforderungen der Gefahrstoffverordnung, insbesondere die Informationsermittlung (§ 7), die Verpflichtung zur Beachtung der Rangfolge der Schutzmaßnahmen (§ 9), zur Erstellung von Betriebsanweisungen und zur regelmäßigen Unterweisung der Beschäftigten (§ 14) sowie die arbeitsmedizinischen Vorsorge (§§ 15 und 16) bestehen. Eine Überprüfung der Voraussetzungen für die weitere Anwendbarkeit erfolgt im Rahmen einer erneuten Gefährdungsbeurteilung nach § 7 der Gefahrstoffverordnung.

2 Empfehlungen für die Verwendung von Trichlorethylen bei der Prüfung von Asphalt

Die hier behandelten BG/BGIA-Empfehlungen sind als BG-Informationen für das Waschtrommelverfahren als BGI 790-010 [1] und für das Siebturmverfahren als BGI 790-11 [2] im Sammelwerk des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften veröffentlicht worden und sind auch aus dem Internet herunterladbar (www.stbg.de/sich_ges/gefstoff/gefbet.html). Sie enthalten Aussagen zu folgenden Punkten:

  • Vorbemerkungen
  • Anwendungsbereich
  • Begriffsbestimmungen
  • Arbeitsverfahren/Tätigkeit
  • Gefahrstoffexposition
  • Schutzmaßnahmen
  • Anwendungshinweise
  • Überprüfung
  • Weiterführende Literatur
  • Anhang

In zwei vorangestellten Abschnitten wird der Zweck der Empfehlungen ganz allgemein erläutert, nämlich dem Unternehmer Hilfestellung bei der Umsetzung seiner Pflichten aus staatlichen Arbeitsschutzvorschriften, Unfallverhütungsvorschriften und ggf. anderen Regelwerken zu geben. Weiterhin werden die an der Erarbeitung dieser BG/BGIA-Empfehlungen beteiligten und die sie mittragenden Institutionen genannt.

2.1 Anwendungsbereich

Beide Empfehlungen befassen sich mit dem Einsatz von Trichlorethylen (Tri-chlorethen, Tri) in Laboratorien (z. B. spezialisierten Asphaltlabors, Baustofflaboratorien) bei der Prüfung von Asphalt und unterscheiden nach der Art des Extraktionsverfahrens in das Siebturmverfahren (Abb. 1) bzw. das Waschtrommelverfahren (Abb. 2). Trichlorethylen wird hierbei als Lösemittel bei der Extraktion des Bitumens aus dem Asphaltmischgut und anschließender Bestimmung der Bindemitteleigenschaften sowie der Rohdichte verwendet. Waschtrommelanlagen kennzeichnen derzeit den Stand der Technik.

Obwohl die normgerechte Analyse von Mischgutproben gemäß DIN 1996, Teile 5 – 7 auch den Einsatz von Toluol und Xylol zulässt, wird jedoch wegen der gegebenen Feuer- und Explosionsgefahr in der Regel Trichlorethylen verwendet.

Nicht anwendbar sind die verfahrensspezifischen Empfehlungen auf

  • das jeweils andere Extraktionsverfahren,
  • das Handextraktionsverfahren in offenen Rührgefäßen,
  • das Heißextraktionsverfahren mit separater Durchlaufzentrifuge,
  • die Verwendung anderer Lösemittel, wie z. B. Toluol, Xylol.

2.2 Begriffsbestimmungen

Einige, oft zu Verwechslungen führende Begriffe werden näher erläutert bzw. im Sinne dieser BG/BGIA-Empfehlungen definiert. So ist z. B. mit „Extraktion“ die physikalische Trennung des Bitumens vom Bindemittel gemeint und nicht die chemische. Der Begriff „Laboratorium“ umfasst sowohl die weitgehend spezialisierten Asphaltlabors und Straßenbaulabors als auch die Bodenlabors, in denen neben Asphaltprüfungen vor allem Böden und andere Straßenbaustoffe untersucht werden. Eine Besonderheit in Asphaltlabors ist der Betrieb der Extraktionsanlagen in abgesaugten, mit Glastüren ausgestatteten Kabinen (Abb. 3), welche sich erheblich von den in chemischen Laboratorien gebräuchlichen Laborabzügen nach DIN 12924 „Laboreinrichtungen“ (Abb. 4) unterscheiden. Deshalb wurde der Begriff „Laborabzug“ als räumlich abgeteilter Laborbereich mit einer entsprechenden Absaugung definiert, um beiden Einrichtungen Rechnung zu tragen.

2.3 Arbeitsverfahren/Tätigkeit

Dieser Abschnitt der Empfehlungen befasst sich mit der Verfahrensbeschreibung der Bindemittelextraktion, der Rückgewinnung des Bindemittels und der Rohdichtebestimmung. Die mineralischen Bestandteile des Asphaltmischgutes werden in automatischen Extrak-tionsanlagen mit geschlossenen Lösemittelkreisläufen von dem Bindemittel Bitumen physikalisch getrennt. Die einzelnen Verfahrensabläufe werden im Folgenden beschrieben.

2.3.1 Extraktion des Bindemittels

Nach Befüllen der Extraktionsanlage mit der vorbereiteten Mischgutprobe und Einstellung der Durchlaufzeit wird durch Besprühen des Mischgutes mit Lösemittel das Bindemittel von den Mineralstoffen abgelöst. Bei Waschtrommelanlagen wird dieser Vorgang durch die Beaufschlagung der Waschtrommel mit Ultraschall unterstützt. Die Extraktion ist beendet, wenn das umlaufende Lösemittel praktisch farblos bleibt. Dies kann über ein Schauglas kontrolliert werden. Die Dauer einer Extraktion bei Siebturmanlagen beträgt erfahrungsgemäß etwa 60 Minuten, bei Waschtrommelanlagen etwa 50 Minuten, so dass bis zu 8 Extraktionen pro Arbeitsschicht und durchgeführt werden können.

Nach Abschluss der Extraktion in einer Siebturmanlage werden die Siebböden und die Schleuderhülse mit den noch mit Lösemittel behafteten Mineralstoffen in den Wärmeschrank zur Trocknung überführt. Die Temperatur darf wegen der Zersetzungsgefahr bei Trichlorethylen 110° C nicht überschreiten. Im Gegensatz hierzu werden bei Einsatz einer Waschtrommelanlage die Mineralstoffe unmittelbar in der Trommel unter Vakuum getrocknet, so dass sie lösemittelfrei entnommen werden können.

Extraktionsanlagen werden in der Regel in einer abgesaugten Kabine betrieben, die während der Extraktion geschlossen ist. Der Baustoffprüfer kommt mit Lösemitteldämpfen bei Siebturmanlagen nur beim Beschicken und Entleeren der Siebeinsätze, beim evtl. Abspritzen der Siebeinsätze, bei der Entnahme des Bindemittel-Lösemittel-Gemisches und beim Wechseln der Schleuderhülse der Zentrifuge in Kontakt. Bei Waschtrommelanlagen beschränkt sich der Kontakt mit Lösemitteldämpfen auf die Entnahme des Bindemittel-Lösemittel-Gemisches.

2.3.2 Rückgewinnung des Bindemittels

Das Bindemittel-Lösemittel-Gemisch wird von Hand über einen Zapfhahn der Extraktionsanlage in ein Aufnahmegefäß abgefüllt und anschließend im Vakuum-Rotationsverdampfer behandelt. Nach der Destillation des Lösemittels steht das zurückgewonnene Bindemittel für weitere Untersuchungen zur Verfügung. Dieser Vorgang erfolgt bis zu viermal je Schicht. Das rückdestillierte Lösemittel wird in geschlossenen Behältern zwischengelagert und in der Regel entsorgt. Der Rotationsverdampfer wird im Laborabzug betrieben. Abgesehen von den Befüll- und Entleervorgängen besteht keine nennenswerte Lösemittelexposition.

2.3.3 Bestimmung der Rohdichte von Asphalt

Die Rohdichtebestimmung von Asphalt erfolgt unter Verwendung eines Pygnometers (Weithals-Standflasche mit Schliffaufsatz), in das die zu analysierende Asphaltprobe eingewogen wird. Nach Zugabe von Trichlorethylen, Austreiben der in der Probe eingeschlossenen Luft, entsprechender Temperierung im Wasserbad und erneuter Auffüllung von Lösemittel bis zur Messmarke wird das Pygnometer anschließend abgetrocknet und gewogen. Parallel wird ein Messkolben zur Ermittlung der Dichte des Lösemittels geprüft. Aus den Ergebnissen beider Untersuchungen wird die Rohdichte des Asphalts ermittelt.

Dieses Prüfverfahren wird im geschlossenen Laborabzug durchgeführt und dauert insgesamt bis zu 120 Minuten. Maximal wird an jeder zu untersuchenden Mischgutprobe die Rohdichtebestimmung vorgenommen. Der/die Baustoffprüfer/in kann hierbei Lösemitteldämpfen ausgesetzt sein, wenn bei geöffnetem Schieber des Laborabzuges das Prüfgefäß beschickt, entleert und ggf. mit Lösemittel gereinigt wird. Abb. 5 zeigt einen Laborarbeitsplatz für die Rohdichtebestimmung und die Rückgewinnung des Bindemittels.

Um die Lösemittelbelas-tung am Arbeitsplatz zu minimieren, wird bei der Rohdichtebestimmung zunehmend Trichlorethylen durch Wasser ersetzt (Abb. 6). Die diesen BG/BGIA-Empfehlungen zu Grunde liegenden Messergebnisse beinhalten überwiegend die Bestimmung der Rohdichte mit Trichlorethylen.

 

2.4 Gefahrstoffexposition

2.4.1 Gefahrstoffe

Trichlorethylen ist seit Ende 2001 als krebserzeugend Kategorie 2 und als erbgutverändernd Kategorie M 3 eingestuft. Im Jahre 2004 wurde die Technische Richtkonzentration (TRK) für Trichlor-ethylen dem Stand der Technik angepasst und auf 165 mg/m³ bzw. 30 ml/m3 mit einem Überschreitungsfaktor 4 für Expositionsspitzen abgesenkt, wobei die Dauer der erhöhten Exposition insgesamt eine Stunde nicht überschreiten soll. Diese Technische Richtkonzentration galt bis zum 31.12.2004. Ein Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) liegt derzeit nicht vor. Deshalb orientiert sich im Folgenden die Bewertung der Messergebnisse an dem zuletzt geltenden TRK-Wert als Maßstab für Expositionen gegenüber Trichlorethylen bei der Prüfung von Asphalt in Laboratorien.

 2.4.2 Bewertung der Gefahrstoffexposition

Diese BG/BGIA-Empfehlungen beruhen auf Auswertungen von Arbeitsplatzmessungen bei der Prüfung von Asphalt unter Anwendung der in Abschnitt 2.3 beschriebenen Prüfverfahren. Insgesamt umfasst das ausgewertet Datenkollektiv 172 Messungen im Zeitraum 1998 - 2004, davon entfielen

  • 95 Messungen (46 personengetragen, 49 ortsfest) auf die Extraktion in Siebturmanlagen und
  • 77 Messungen (42 personengetragen und 35 ortsfest) auf die Extraktion in Waschtrommelanlagen.

Die Messungen wurden mit einem im Berufsgenossenschaftlichen Messsystem Gefahrstoffe (BGMG) autorisierten Probenahmesystem durchgeführt, welches aus PAS-Pumpe und Aktivkohle-Probenträger besteht. Die personengetragene Probenahme erfolgte im Atembereich, die ortsfeste Probenahme in der Regel in Mitte des Laborraumes. Während der mindestens zweistündigen Messungen wurden durchschnittlich zwei Extraktionen durchgeführt. Die Bestimmung der Rohdichte mit Trichlorethylen und die Bindemittelrückgewinnung wurden während einiger Messungen zeitgleich zu den Extraktionen vorgenommen.

Die Tabellen 1 und 2 enthalten die statistischen Auswertungen der ermittelten Arbeitsplatzkonzentrationen bezogen auf die gesamte Arbeitsschicht.

Tabelle 1: Extraktion in Siebturmanlagen

  Anzahl der
Messwerte
Minimalwert
mg/m3
Maximalwert
mg/m3
50%-Wert
mg/m3
95%-Wert
mg/m3
Gesamt 80 < 5,00 763 56 267
Person 35 < 5,00 763 61 290
ortsfest 45 <5,00 341 33 266


Tabelle 2: Extraktion in Waschtrommelanlagen

  Anzahl der
Messwerte
Minimalwert
mg/m3
Maximalwert
mg/m3
50%-Wert
mg/m3
95%-Wert
mg/m3
Gesamt 54 < 5,00 121 5,3 85
Person 28 < 5,00 111 5,5 83
ortsfest 26 <5,00 121 5,0 75

Die Ergebnisse der durchgeführten Expositionsmessungen bezogen auf eine 8-stündige Arbeitsschicht weisen für das Siebturmverfahren eine Arbeitsplatzkonzentration bis zu 270 mg/m3 (1,6-fache des ehemaligen TRK-Wertes) und für das Waschtrommelverfahren bis 85 mg/m3 (50 % des ehemaligen TRK-Wertes) aus. Der Verfahrensvergleich ergibt somit bei Anwendung des Siebturmverfahrens eine mehr als dreimal so hohe Lösemittelbelastung im Vergleich zum Waschtrommelverfahren.

Expositionsspitzen treten beim Beschicken und Entleeren der Extraktionsanlagen bzw. des Wärmeschrankes (nur bei Siebturmanlagen) auf. Die über ein Messintervall von 15 Minuten ermittelten Spitzenbelastungen unterschritten bei allen 38 Messungen das 4-fache des ehemaligen TRK-Wertes. Die größten Expositionsspitzen lagen bei Siebturmanlagen um den Faktor 2,7 höher als bei Waschtrommelanlagen. Die Gesamtdauer der erhöhten Exposition unterschritt eine Stunde.

2.5 Schutzmaßnahmen

Bei Anwendung der beschriebenen Extraktionsverfahren kann auf Grund der ermittelten Messergebnisse auf Expositionsmessungen gegenüber Trichlorethylen verzichtet werden, wenn die nachfolgend beschriebenen Betriebsbedingungen und Schutzmaßnahmen beachtet werden. Hierbei wird unterschieden zwischen Anforderungen, die für beide Prüfverfahren grundsätzlich gelten (Basismaßnahmen) und solchen, die verfahrensspezifisch zusätzlich zu erfüllen sind.

2.5.1 Basismaßnahmen

Grundsätzliche Bedingungen und Maßnahmen für die emissionsarme Extraktion und Rückgewinnung des Bindemittels und die Bestimmung der Rohdichte sind:

  1. Betrieb der Extraktionsanlage nach den Angaben des Anlagenherstellers gemäß der Betriebsanleitung im Laborabzug bei eingeschalteter Absaugung.
  2. Regelmäßige Überprüfung und Wartung der Extraktionsanlage, Prüfung des Abzuges mindestens jährlich auf Wirksamkeit.
  3. Aufbewahrung des Lösemittels im Laborraum in geschlossenen Behältern im Laborabzug nur in der für den Handgebrauch benötigten Menge.
  4. Ab- oder Umfüllen von Lösemittel oder Lösemittel-Bindemittel-Gemisch im Laborabzug während der Asphaltprüfung bei eingeschalteter Absaugung.
  5. Ab- oder Umfüllen von Lösemittel und Befüllung der Extraktionsanlage aus Lagerbehältern mit Fasspumpe in geschlossenem Kreislauf (Abb. 7).
  6. Bestimmung der Rohdichte von Asphalt unter Verwendung von Wasser. Bei Verwendung von Trichlorethylen Durchführung der Untersuchung im Laborabzug bei eingeschalteter Absaugung und soweit möglich geschlossenem Frontschieber.
  7. Keine Reinigung von Arbeitsflächen mit Trichlorethylen. Reinigung von Geräten und Arbeitsmitteln mit Trichlor-ethylen auf das notwendige Mindestmaß beschränken, statt dessen alternative Reinigungsverfahren bzw. –mittel verwenden (z. B. Ultraschall, Pflanzenölester).
  8. Bei allen Tätigkeiten mit Kontaktmöglichkeit mit Lösemittel oder Lösemitteldämpfen Benutzung lösemittelbeständiger Schutzhandschuhe aus Fluorkautschuk (FKM).

2.5.2 Zusätzliche Maßnahmen

Bei Einsatz von Siebturmanlagen sind folgende zusätzliche Schutzmaßnahmen zu beachten:

  1. Abspülen der Siebeinsätze mit Trichlorethylen (Spritzflasche) vermeiden.
  2. Temperatur des Wärmeschrankes auf 110 °C begrenzen. Wärmeschrank mit fester Leitung ins Freie absaugen, mindestens jedoch dorthin entlüften.
  3. Nicht mit der Probenvorbereitung und –analyse zusammenhängende Arbeiten (z. B. Bürotätigkeiten) außerhalb des Extraktionsraumes ausführen.
  4. Bei Durchführung von mehr als drei Extraktionen oder Überschreiten eine Expositionszeit von 2,5 Stunden pro 8-stündiger Arbeitsschicht muss Atemschutz mit Gasfilter (Filtertyp A) getragen werden. In diesem Fall ist ggf. eine arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung nach G 26 „Atemschutz“ vorzusehen.
  5. Atemschutz auch beim Beschicken und Entleeren der Extraktionsanlage zur Verringerung des Gesundheitsrisikos durch die auftretenden Expositionsspitzen tragen.

Waschtrommelanlagen entsprechen dem Stand der Technik. Obwohl die Durchführung der Basismaßnahmen als ausreichend angesehen wird, sollte auch hier zur Verringerung des Gesundheitsrisikos durch die bei der Entnahme und Handhabung des Bindemittel-Lösemittel-Gemisches auftretenden Expositionsspitzen bei diesen Tätigkeiten der genannte Atemschutz getragen werden.

2.6 Anwendungshinweise

Diese BG/BGIA-Empfehlungen geben dem Anwender praxisgerechte Hinweise, wie er sicherstellen kann, dass bei Verwendung von Trichlorethylen bei der Asphaltprüfung der Stand der Technik erreicht ist. Dieses ist nachzuweisen, da für diesen Stoff ein Arbeitsplatzgrenzwert nicht festgelegt ist. Wendet ein Unternehmer BG/BGIA-Empfehlungen an, muss er jährlich die Anwendungsvoraussetzungen auf ihre Gültigkeit überprüfen (Einhaltung der zugrundeliegenden Arbeitsverfahren, Expositionsdauer, Anzahl durchzuführender Asphaltanalysen, usw.) und das Ergebnis schriftlich dokumentieren. Die übrigen Pflichten nach

§§ 7, 9 und 14 - 16 Gefahrstoffverordnung bleiben bestehen. Die Überprüfung erfolgt im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach § 7 Gefahrstoffverordnung.

2.7 Überprüfung

Der Ersteller der Empfehlungen ist gehalten, alle drei Jahre eine Überprüfung und Aktualisierung vorzunehmen, z. B. bei Grenzwertänderungen, neuen Ersatzstoffen, Änderung des Arbeitsverfahrens. Diese BG/BGIA-Empfehlungen wurden im Mai 2005 verabschiedet.

2.8 Weiterführende Literatur und Anhang

Diese Abschnitte enthalten die in den Empfehlungen zitierten Literaturstellen (z. B. Rechtsgrundlagen, Beschreibung der Mess-, Analyse- und Prüfverfahren, kommentierende Veröffentlichungen), denen der interessierte Leser weitere, dem Verständnis der Empfehlungen dienende Informationen entnehmen kann, sowie die Zusammenfassung der ermittelten Messergebnisse und die daraus abgeleitete Bewertung der Exposition gegenüber Trichlorethylen.

3 Zusammenfassung und Ausblick

Die vorliegenden BG/BGIA-Empfehlungen sind typische Branchenregelungen für die Asphaltindustrie zur Vereinfachung der im Rahmen einer Gefährdungsermittlung und -beurteilung bei der Prüfung von Asphalt unter Verwendung von Trichlorethylen durchzuführenden Einzelschritte. Die Beurteilung der Gefahrstoffsituation erfolgt hierbei auf der Basis statistisch gesicherter Messergebnisse aus vergleichbaren Arbeitsbereichen. Aus den Ergebnissen der durchgeführten Arbeitsbereichsanalysen werden Empfehlungen für die Arbeitsgestaltung und die zu treffenden Schutzmaßnahmen abgeleitet. Den Unternehmen wird damit ein Hilfsmittel an die Hand gegeben, welches ihnen ermöglicht, unnötige und kos-tenintensive Messungen zu vermeiden und die notwendigen Schutzmaßnahmen zu treffen, ohne dabei das Arbeitsschutzniveau zu senken.

Der Vergleich der beiden für die Asphaltprüfung gebräuchlichen Extraktionsverfahren hat ergeben, dass das Siebturmverfahren nicht dem Stand der Technik im Sinne § 3 Abs. 10 der Gefahrstoffverordnung entspricht; diesen erfüllt hingegen das Waschtrommelverfahren. Ein Ersatz des Siebturmverfahrens ist deshalb anzustreben und sollte in jedem Fall bei der Beschaffung einer neuen Extraktionsanlage vorgenommen werden.

Um auch bei der Verwendung von Siebturmanlagen bis zu ihrem Ersatz das Belastungsniveau von Waschtrommelanlagen nicht zu überschreiten und ebenfalls auf Messungen verzichten zu können, sind bei Einsatz dieses (alten) Anlagentyps zusätzlich zu den für beide Verfahren gleichermaßen geltenden Basismaßnahmen die beschriebenen weitergehende Maßnahmen zu treffen. Sie beziehen sich insgesamt auf die nach heutigen Maßstäben emissionsarme Durchführung der Prüfverfahren. Bei Einhaltung der empfohlenen Schutzmaßnahmen wird eine inhalative Belastung der Beschäftigten beim Siebturmverfahren von 267 mg/m³ und beim Waschtrommelverfahren von 85 mg/m³ (jeweils 95-Perzentil) als Mittelwert über eine 8-stündige Arbeitsschicht unterschritten. Für den Bereich der Rohdichtebestimmung mit Trichlorethylen wird zukünftig die Verwendung von Wasser zu einer weiteren Senkung der Lösemittelbelastung am Arbeitsplatz des Laborpersonals führen.

Werden BG/BGIA-Empfehlungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach § 7 der Gefahrstoffverordnung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen herangezogen, kann die im Abschnitt 6 der Empfehlungen geforderte schriftliche Dokumentation verwendet werden, um gegenüber den Aufsichtsbehörden nachzuweisen, dass der Ermittlungspflicht und der Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung nach § 7 der Gefahrstoffverordnung nachgekommen wurde.

Beabsichtigt ist, die für die Asphaltprüfung nach dem Waschtrommelverfahren erstellten BG/BGIA-Empfehlungen dem Ausschuss für Gefahrstoffe zur Prüfung vorzulegen, um hierfür den Status von VSK mit Aufnahme in die TRGS 420 zu erlangen. Dies setzt allerdings – bei Trichlorethylen als einem Stoff ohne AGW – eine Beurteilung der Exposition am Arbeitsplatz unter arbeitsmedizinisch-toxikologischen Gesichtspunkten mit einer Risikobewertung voraus. Bei entsprechender Beschlussfassung des AGS würde von VSK für das Waschtrommelverfahren eine Vermutungswirkung gemäß § 8 Abs.1 der Gefahrstoffverordnung ausgehen, so dass der Anwender bei Durchführung der Schutzmaßnahmen und Einhaltung der Randbedingungen sicher sein kann, die in der Gefahrstoffverordnung gestellten Anforderungen erfüllt zu haben.

Dipl.-Ing. Kurt Kolmsee, StBG

 

Literatur:

[1] BGI 790-010: BG/BGIA-Empfehlungen für die Gefährdungsbeurteilung nach der Gefahrstoffverordnung – Verwendung von Trichlorethylen bei der Prüfung von Asphalt – Waschtrommelverfahren, vom August 2005

[2] BGI 790-011: BG/BGIA-Empfehlungen für die Gefährdungsbeurteilung nach der Gefahrstoffverordnung – Verwendung von Trichlorethylen bei der Prüfung von Asphalt – Siebturmverfahren, vom August 2005



Abb. 1: Siebturmextraktionsanlage Abb. 2: Waschtrommelextraktionsanlage Abb. 3: Abgesaug-Kabine für die Extraktionsanlage
Abb. 1: Siebturmextraktionsanlage Abb. 2: Waschtrommelextraktionsanlage Abb. 3: Abgesaug-Kabine für die Extraktionsanlage


Abb. 4: Laborabzüge mit Frontschieber Abb. 5: Laborarbeitsplatz für Rohdichtebestimmung und Bindemittelrückgewinnung Abb. 6: Vakuumgerät für die Rohdichtebestimmung mit Wasser
Abb. 4: Laborabzüge mit Frontschieber Abb. 5: Laborarbeitsplatz für Rohdichtebestimmung und Bindemittelrückgewinnung Abb. 6: Vakuumgerät für die Rohdichtebestimmung mit Wasser


Abb. 7: Lösemittelbehälter mit Fasspumpe
Abb. 7: Lösemittelbehälter mit Fasspumpe






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