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[Die Industrie der Steine + Erden]






Gemeinsam handeln!

Helmut Ehnes

Deutschland ist ein Land mit föderalen Strukturen. Dies hat zweifellos viele Vorzüge – allzu oft aber auch zu Blockaden geführt. 16 Bundesländer höchst unterschiedlicher Größe, Struktur und Leistungsfähigkeit und der Bund müssten also eigentlich, wenn es um die Reform überkommener Strukturen in Deutschland geht, mit gutem Beispiel vorangehen. Was aber erleben wir? Im Rahmen der „größten“ Staatsreform nach dem Krieg – der Föderalismusreform – soll das Grundgesetz so verändert werden, dass die bundesdeutsche Kleinstaaterei, z. B. im Bildungssystem, weiter ausgebaut wird.

Auch der deutsche Arbeitsschutz wird oft kritisiert – die Strukturen seien zu zersplittert. Dabei ist die Bilanz des deutschen Arbeitsschutzes sicher besser als die unseres Bildungssystems, wie die Pisa-Studie belegt. Dennoch hat die Landes- und Bundespolitik beschlossen, dass Deutschland zum ersten Male eine nationale Arbeitsschutz-Strategie bekommen soll. Nachbarländer, z. B. England, haben uns dies vorgelebt. Nun kann man sicher nicht dagegen sein, für die Zukunft ein großes gemeinsames Ziel für alle Akteure zu definieren, auch wenn sich die Erfolge berufsgenossenschaftlicher, branchenorientierter Prävention sehen lassen können.

Was sich zur Zeit jedoch andeutet, stimmt eher bedenklich. Facharbeitsgruppen entwickeln die nationale Strategie für die Betroffenen. Es steht zu befürchten, dass dies ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem bürokratisierten, verwissenschaftlichen Arbeitsschutz werden könnte und den Betroffenen einmal mehr von „amtlicher Seite“ vorgegeben wird, was gut für sie ist.

Was aber kann eine nationale Arbeitsschutzstrategie leisten, wie muss sie aussehen? Nach meinem Verständnis muss sie eine nationale Bewegung auslösen, eine große gemeinsame Kraftanstrengung sein. Sicherlich muss sie eine Klammer darstellen und ein Dach bilden, unter dem sich zu allererst die Betroffenen – und dies sind immer noch die Betriebe, die Arbeitgeber und die Beschäftigten – versammeln und erst in zweiter Linie ihre Berater, also die hauptamtlichen Arbeitsschützer von Bund, Land und BG. Eine solche Strategie muss den Verantwortlichen in den Branchen den Freiraum lassen, ihre eigenen Ideen zur Umsetzung einzubringen – sie muss ihnen auch den Erfolg lassen. Nur wenn die gemeinsam verabredeten Ziele zu einem ureigensten Anliegen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern werden, kann eine solche Strategie erfolgreich sein.

Bleibt also zu hoffen, dass der deutsche Arbeitsschutz in dieser Hinsicht die Kurve noch kriegen wird. Dann macht eine nationale Arbeitsschutzstrategie Sinn – im anderen Falle wird sie an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbeizielen und erfolglos verpuffen. Deshalb gilt besonders in diesem Falle: Weniger ist mehr – das große Ganze muss die Herzen der Menschen erreichen und sie bei ihrer Ehre packen.


Ihr
Helmut Ehnes




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