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Psychische Krankheiten in Unternehmen – Millionengrab oder reales Problem?

Das Problem vergangener Jahrhunderte waren Erkrankungen des Körpers. Im neuen Jahrtausend hat sich die Problematik hin zu Erkrankungen der Seele verlagert.

Psychische Erkrankungen sind ein reales Problem, das in vielerlei Hinsicht zum Millionengrab wird. Nicht genug damit, dass die Kosten verschriebener Psychopharmaka (z.B. Antidepressiva) in 2004 einen Anteil von fast 9 Prozent an allen Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung ausmachten, lassen sich darüber hinaus über 8 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Erkrankungen zurückführen [1].

Den größten Kostenfaktor bilden dabei Langzeiterkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen. Mit einer durchschnittlichen Falldauer von 29 Tagen gehören psychische und Verhaltensstörungen gleich nach den Krebserkrankungen zu den am längsten dauernden Erkrankungsfällen – damit stellen sie ganze 48 Prozent aller stationär behandelten Langzeitfälle (Abb. 1)!



Abb. 1: Krankenhaustage nach Krankheitsarten, Quelle: BKK Gesundheitsreport 2005
Abb. 1: Krankenhaustage nach Krankheitsarten,
Quelle: BKK Gesundheitsreport 2005


An direkten Kosten (für die medizinische Behandlung, Rehabilitation und Pflege) fielen für diese Krankheitsgruppe 22,4 Milliarden Euro an, darunter allein 4 Milliarden für Depressionen [2]. Hinzu kommen indirekte Kosten durch krankheitsbedingte Produktionsausfälle von geschätzten 4,1 Milliarden Euro plus Kosten für Frühberentungen, Pflegebedarf, etc.

Ein oft gemachter Fehler in Diskussionen über diese Problematik ist die Annahme,  von psychischen Erkrankungen seien nur sehr wenige Menschen betroffen, die zudem meist einfach „charakterschwach“ wären und sich bloß nicht „zusammenreißen“ könnten. Korrekt ist jedoch, dass heutzutage schon jeder Dritte in Deutschland mindestens einmal im Leben unter einer seelischen Erkrankung zu leiden hat. Damit sind psychische Störungen mittlerweile die viertwichtigste – bei den Frauen sogar drittwichtigste – Krankheitsgruppe (Tabelle 1).

Tabelle 1:Die häufigsten Krankheitsarten 2004 nach Tagen;
Quelle: BKK Gesundheitsreport 2005

Krankheitsarten Prozent der Tage Veränderungen
2003 2004 1991 - 2004
1. Muskel- und Skeletterkrankungen 26,5 26,7 -4,9
2. Krankheiten der Atmungssyteme 16,9 15,5 -1,4
3. Verletzungen und Vergiftungen 15,2 15,4 1,3
4. Psychische Störungen 7,5 8,3 4,51
5. Krankheiten des Verdauungssystems 6,7 6,8 -2,1
6. Krankheiten des Kreislaufsystems 4,8 4,6 -3
7. Symtome 4,1 4 0,1
Summe 81,7 81,3 -5,5

Wer kann da noch ernsthaft behaupten, sein Unternehmen und seine Mitarbeiter seien davor gefeit?

Da Depressionen, Ängste und Süchte nicht vor dem Werkstor Halt machen, beunruhigt die Zunahme psychischer Erkrankungen mittlerweile auch Personalverantwortliche, Vorgesetzte und Kollegen im Betrieb. Gesunde und leistungsfähige Mitarbeiter sind schließlich ein wichtiger Wettbewerbsfaktor und wesentlich für den Unternehmenserfolg. Durch psychische Erkrankungen hingegen gehen den Betrieben in Deutschland mittlerweile mehrere Millionen Arbeitstage verloren.

In den Unternehmen fehlen aber meist Informationen oder Erfahrungen mit psychisch Erkrankten. So ist beispielsweise selten bekannt, woran man rechtzeitig erkennen kann, dass Beschäftigte entsprechende Probleme haben. Vorgesetzte und Mitarbeiter fühlen sich hilflos und wissen nicht, wie sie im Arbeitsalltag – vor allem aber auch in Notsituationen – mit Betroffenen umgehen sollen.

Dabei existieren gerade in der Arbeitswelt etliche Faktoren, die den Verlauf psychischer Erkrankungen erheblich beeinflussen können. Belastungen am Arbeitsplatz können den Ausbruch einer Krankheit nämlich begünstigen, z. B. wenn andauernder Stress zu Depressionen führt oder Mitarbeiter im übermäßigen Trinken Ablenkung vom Mobbing durch die Kollegen suchen. Werden Beschäftigte aufgrund von Erkrankungen stigmatisiert oder gemieden, weil niemand so recht weiß, wie er damit umgehen soll, verschlechtert sich das Krankheitsbild der Betroffenen sicher ebenfalls.

Die Berufstätigkeit und betriebliche Einbindung bietet aber auch gute Genesungschancen: Zum Beispiel nehmen viele Alkoholabhängige erst dann eine Therapie in Angriff, wenn am Arbeitsplatz genug Druck aufgebaut worden ist. Familienangehörigen fehlen in der Regel entsprechende Druckmittel. Die Arbeits-tätigkeit ermöglicht zudem Erfolgserlebnisse und kollegiale Kontakte, die unter Umständen das einzige sind, was einem Depressiven noch Lebenswillen gibt.

Am häufigsten dürfte man im betrieblichen Umfeld mit den folgenden psychischen Erkrankungen konfrontiert werden (Tabelle 2):

  • affektive Störungen (v.a. Depressionen)
  • neurotische Störungen (v.a. Angststörungen und Reaktionen auf schwere Belastungen)
  • Schizophrenie
  • Suchterkrankungen (v.a. Alkohol) und
  • Essstörungen (insbesondere bei jüngeren Frauen).

Tabelle 2: Psychische und Verhaltensstörungen nach Versichertengruppen;
Quelle: BKK Gesundheitsreport 2005

Arbeitsunfähigkeitstage je 1.000 Versicherte
15 - 64 Jahre Arbeiter Angestellte
Frauen Alkohol und Drogen 74,4 17,9
Schizophrenie 79,1 29,8
Affektive Störungen 868,4 526,1
Neurosen/psychische Erkrankungen
insgesamt 1956,8 1236,9

Arbeitsunfähigkeitstage je 1.000 Versicherte
15 - 64 Jahre Arbeiter Angestellte
Männer Alkohol und Drogen 100,2 44,4
Schizophrenie 61,0 29,4
Affektive Störungen 313,5 319,3
Neurosen/psychische Erkrankungen
insgesamt 844,7 782,6





Woran bemerke ich eine eventuelle psychische Erkrankung eines Mitarbeiters?

Symptome einer psychischen Erkrankung können sein:

  • verändertes Verhalten
  • er/sie wirkt gleichgültiger/ abweisender/ aggressiver als früher
  • starke Stimmungsschwankungen
  • Rückzug: der Mitarbeiter isoliert und verschließt sich
  • nachlassende Leistung oder starke Leistungsschwankungen
  • Er/Sie traut sich nichts mehr zu,
  • macht viele Pausen (zum Trinken, ..),
  • wirkt ängstlich oder unsicher,
  • fühlt sich „gemobbt“ /angegriffen oder greift andere an;
  • auffallend häufige Krankschreibungen




Was kann der Betrieb tun?

Werden Auffälligkeiten wahrgenommen, ist es wichtig, auf den Betroffenen zuzugehen und ihn auf das veränderte Verhalten anzusprechen, da ein frühzeitiges Eingreifen von Mitarbeitern und Kollegen möglicherweise schwerwiegendere Folgen wie den Verlust des Arbeitsplatzes verhindern kann.

Zu vermeiden sind dabei allerdings Kommentare wie „Nun reiß Dich halt zusammen!“, da es sich bei Depressionen, Ängsten, Alkoholabhängigkeit etc. um ernstzunehmende Erkrankungen handelt, denen nicht mit ein wenig Willensanstrengung beizukommen ist. Im Bereich der Abhängigkeit von Alkohol und Drogen ist man mittlerweile soweit, Süchte als Krankheit anzuerkennen, Suchtbeauftragte zur Verfügung zu stellen, etc. – wünschenswert wäre, dass sich diese Einstellung und Akzeptanz nun auch auf andere psychische Erkrankungen ausdehnt.



Poster des Bündnisses gegen Depression

Poster des Bündnisses gegen Depression.
Das Bündnis ist ein Projekt des Kompetenznetzes „Depression“,
das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.
www.buendnis-depression.de; E-Mail: info@buendnis-depression.de


Zur betrieblichen Prävention ist die Aufklärung und Sensibilisierung von Führungskräften und Mitarbeitern sinnvoll, z.B. im Rahmen von Schulungsveranstaltungen oder Betriebsversammlungen, in denen über Krankheitsbilder, Behandlungsmöglichkeiten, Frühwarnsymptome und Auswirkungen der Erkrankung auf die Arbeitssituation informiert wird. Außerdem sollte festgelegt werden, wie in konkreten Fällen vorzugehen ist, wofür klare Handlungsanweisungen -auch in Form von Betriebsvereinbarungen- wichtig sind. Eine Zusammenstellung regionaler Hilfsstellen für verschiedene Problembereiche erleichtert in Notfällen die rasche Weitervermittlung des Betroffenen.

Psychische Krankheiten sind heutzutage gut behandelbar, sofern man sie wahrnimmt und zum Thema macht, ohne zu stigmatisieren!

Weitere Auskünfte erhalten Sie bei:
Nicole Jansen,
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft,
Theodor-Heuss-Str. 160,
30853 Langenhagen,
Tel.: (05 11) 72 57-752,
E-Mail: jansen@stbg.de

 

Dipl.-Psych. Nicole Jansen, StBG

 





Literatur

[1] BKK Bundesverband (Hrsg.): BKK Gesundheitsreport 2005, Essen
[2] Statistisches Bundesamt Wiesbaden (2004), Krankheitskosten 2002





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