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[Die Industrie der Steine + Erden]






Der Umzug

Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt, pflegte meine Großmutter zu sagen – und sie hatte Recht damit, auch wenn ich noch nicht oft umgezogen bin. Nach 28 Jahren stand bei mir jedoch ein Umzug an. Professionell sollte er ausgeführt werden, aber als ich davon im Freundeskreis erzählte, erntete ich Unverständnis. "Selbstverständlich helfen wir dir beim Umzug, das ist doch Ehrensache. Das Geld für ein Unternehmen sparst du dir, gib uns lieber zünftig einen aus".
Was sollte ich tun? Meine Freunde bestanden auf ihrer Idee und die geringere Geldausgabe lockte. Warum sollte man nicht, wie in alten Zeiten, gemeinsam zufassen und die paar Sachen transportieren. Die paar Sachen? Bei der Vorbereitung bemerkte ich recht bald, dass doch mehr bewegt werden musste, als anfänglich vermutet. Sicherlich, anlässlich des Umzugs sollte auch vieles Überflüssige entsorgt werden, aber da ich mich von der Wohnfläche her verkleinerte, war immer noch viel zu viel zu bewegen.
Der Tag des Umzugs rückte näher, die Panik wuchs. Der von Wand zu Wand reichende Schlafzimmerschrank ließ sich nicht vollständig zerlegen, da ich vorher noch nie von einer "Madenschraube" und deren Funktion gehört hatte. Ich hoffte auf den technischen Sachverstand eines Freundes, der es am Umzugstag hoffentlich richten würde. Die Nacht vor dem Ereignis schlief ich schlecht.
Morgens begann alles perfekt. Es regnete nicht, trotz gegenteiliger Vorhersage, meine Freunde kamen pünktlich und voller Elan, nach dem Motto: "Wo steht das Klavier, ich trag’ die Noten". Schnell war die erste Fuhre geladen und der kurze Weg in die neue Wohnung geschafft. Es lief alles super, die Brötchen und der Kaffee in der Frühstückspause wurden dankbar und mit Hallo angenommen. Alles schien ein fröhliches Ereignis zu werden – wie in früheren Zeiten, als wir uns reihum beim Umzug geholfen hatten.
Erste Probleme bereitete der Wohnzimmerschrank, der nicht durch den Flur passte und ums Haus über den Balkon gehievt werden musste. Im Parterre nicht schwierig.
Dass der antike Schrank den ersten Kratzer nach 103 Jahren erhielt, Politur drüber. Dass der Spiegelschrank für’s Badezimmer ein Eckchen Spiegelglas verlor, was soll’s. Ich sehe noch genug, und Pech wird es hoffentlich nicht bringen. Dafür ist er waage- und lotrecht aufgehängt und die Leuchten funktionieren. Bei meinen Freunden kann ich mich nur bedanken, sie haben nicht nur das mittägliche Blech Pizza von meinem Lieblings-Italiener ruckzuck vernichtet, sondern – und das möchte ich ausdrücklich betonen – super gearbeitet (der Schlafzimmerschrank steht immer noch!).
Die negative Seite des Umzugs übernahm dann die Telekom. Termine wurden nicht eingehalten und für das Freischalten des Anschlusses (Dose war vorhanden und musste nicht versetzt werden) – also für ein Telefonat des Telekom-Mitarbeiters mit der entsprechenden Servicestelle – berechnete man 59,95 € "für Bereitstellung". Meines Erachtens eine Zumutung! Dankbar war ich für den Hinweis des Monteurs, den ich nach einer Verlegung der Dose fragte: "Oh, oh, das wird teuer, da kostet jeder Meter richtig Geld." Ich beließ es beim alten Zustand und tröstete mich: "Nun gut, abgebrannt wäre noch schlimmer."

Hans-Jürgen Bahr


Illustration: Umzug





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