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Neue Berufskrankheiten anerkannt

In der 1.Verordnung über gewerbliche Berufskrankheiten im Jahre 1925 waren insgesamt elf Krankheiten als berufsbedingt definiert. Hierzu gehörte auch die Quarzstaublungenkrankheit der Erzbergleute und der Steinmetze. Seit der geänderten Berufskrankheitenverordnung im September 2002 werden heute insgesamt 67 Erkrankungen als überwiegend berufsbedingt diagnostiziert.

Die Bundesregierung hat mit Zustimmung des Bundesrates die bestehende Berufskrankheitenverordnung (BKV) vom 31. Oktober 1997 (BGBl. I S. 2623) zum 5. September 2002 geändert und in der Anlage drei Krankheiten neu bezeichnet.
Im Einzelnen handelt es sich um
  • Nummer 2106: "Druckschädigung der Nerven" bisher: "Drucklähmung der Nerven",
  • Nummer 4110: "Lungenkrebs durch polyzyclische aromatische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 100 Benzo(a)pyren-Jahren [(µg/m3) x Jahre]" bisher: "Bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lunge durch Kokereirohgase",
  • Nummer 4112: "Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose)"


Mit diesen Änderungen trägt die Bundesregierung dem jetzigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand Rechnung. Mit Neuaufnahme einer Erkrankung in die Berufskrankheitenliste steht fest, dass die betreffenden Einwirkungen generell geeignet sind, die bezeichnete Erkrankung zu verursachen. Für die Anerkennung der Berufskrankheiten im Einzelfall bedarf es zusätzlich der Feststellung über die individuellen Ursachenzusammenhänge, d. h. des Nachweises, dass die Erkrankung des betroffenen Versicherten auf schädigende Einwirkungen in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner konkreten beruflichen Tätigkeit zurückzuführen ist.



"Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose)"

Die krebserzeugende (kanzerogene) Wirkung von einatembarem kristallinem Siliziumdioxid auf die mittleren und tieferen Atemwege ist in der medizinischen Wissenschaft seit längerem diskutiert worden.
Die gewonnenen Erkenntnisse über den allgemeinen Wirkungscharakter und die Kinetik des Quarzstaubes im Organismus sowie die Ergebnisse epidemiologischer Studien veranlassten die IARC (International Agency for Research on Cancer) im Jahre 1997, Quarz als "krebserregend für den Menschen" einzustufen. In der Folge nahm auch die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1999 eine Neubewertung von Quarz vor. Dabei wurde die krebserzeugende Wirkung von Siliziumdioxid in die Kategorie der beim Menschen krebserzeugend wirkenden Stoffe eingestuft.
Für den Ärztlichen Sachverständigenbeirat - Sektion Berufskrankheiten - lagen zum heutigen Zeitpunkt ausreichende medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse über die Verursachungswahrscheinlichkeit eines Krebsleidens im Zusammenhang mit Quarzstaubeinwirkung vor, um die Aufnahme dieses Leidens in die Liste der Berufskrankheiten empfehlen zu können. Die ausführliche Argumentationskette ist in der wissenschaftlichen Begründung des Sachverständigenbeirats nachzuvollziehen (Bek. des BMA vom 01. August 2001 - IV a 4-45222 - 2106/4112).
In der wissenschaftlichen Begründung wird auch deutlich darauf hingewiesen, dass nach Auffassung des Sachverständigenbeirates das Lungenkrebsrisiko von Steinkohlenbergleuten umstritten und im Rahmen dieser Berufskrankheitenempfehlung noch nicht hinreichend geprüft sei. Lungenkrebs in Verbindung mit Silikose ist bei Steinkohlenbergleuten nach egenwärtigem Wissensstand zunächst aus der Anerkennungsempfehlung ausgenommen.
Fibrogene Lungenerkrankungen durch Quarzstaub (Silikose) sind als eine der ältesten Berufskrankheiten seit längerem als Listennummer 4101 "Quarzstaublungenerkrankung" (Silikose) bzw. als Nr. 4102 "Quarzstaublungenerkrankung in Verbindung mit aktiver Lungentuberkulose (Siliko-Tuberkulose) feste Bestandteile der Berufskrankheitenverordnung.

Die Verknüpfung beider Erkrankungen - Staublungenkrankheit und Lungenkrebs - im Sinne der neuen Berufskrankheit liegt vor, wenn ein Versicherter
  • nach Tätigkeiten mit einer Exposition gegenüber alveolengängigem (lungengängigem) Quarzfeinstaub (SiO2) an einer Silikose (röntgenologisches Ausmaß nach ILO-Klassifikation > 1/1)
  • bzw. an einer Siliko-Tuberkulose und außerdem an Lungenkrebs erkrankt ist.

Weiterhin wurde festgelegt:
Leidet ein Versicherter im Oktober 2002 an einer Krankheit gemäß Definition 4112 der Anlage der BKV, ist diese auf Antrag als Berufskrankheit anzuerkennen, wenn der Versicherungsfall nach dem 30. November 1997 eingetreten ist.
Eine Anerkennung von Versicherungsfällen vor dem 1. Dezember 1997 ist ausgeschlossen. Der Verordnungsgeber hatte bereits vor diesem Stichtag über eine Aufnahme der Erkrankung "Lungenkrebs durch Quarzstaub" diskutiert; die erforderlichen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse lagen ihm bei Inkrafttreten der Berufskrankheitenverordnung am 1. Dezember 1997 noch nicht in ausreichendem Maße vor.



Feststellungsverfahren BK "4112" bei der Steinbruchs-BG

Im zeitlichen Intervall zwischen Beschlussempfehlung des Sachverständigenbeirats bestanden seitens der Berufsgenossenschaften keine Bedenken, einschlägige Fälle im Rahmen des § 9 Abs. 2 SGB VII wie eine Berufskrankheit zu bearbeiten und bei Vorliegen der Voraussetzungen wie eine "Listen-BK" zu entschädigen.
Bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft standen in dieser Übergangsphase 24 Feststellungsverfahren mit der entsprechenden Fragestellung zur Entscheidung an. 21 Versicherungsfälle wurden bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrages von der Autorin gesichtet und nach medizinischen Sachverhalten ausgewertet.
In 14 Versicherungsfällen war das Ursachengefüge gemäß der Vorgabe der neuen Gesetzesregelung so eindeutig, dass eine Anerkennung und Entschädigung der Fälle im Sinne einer BK 4112 erfolgen konnte.
In fünf Fällen musste das Vorliegen einer Berufskrankheit gemäß Ziffer 4112 abgelehnt werden.
  • In einem Fall handelte es sich um eine Lungenmetastase eines anderen Krebsleidens.
  • In drei Fällen fehlte die röntgenologische Sicherung einer Quarzstaublungenerkrankung; Anlass der ärztlichen Verdachtsmeldungen waren hier das Krebsleiden in Zusammenhang mit beruflicher Quarzstaubexposition.
  • In einem Fall resultierte die Quarzstaubexposition als auslösende Ursache einer Silikose aus dem Steinkohlenbergbau; bei Diagnose des Krebsleidens ließ sich keine weitere Quarzstaubexposition eruieren.
  • Zwei weitere Fälle sind vor der Entscheidungsfindung noch in entsprechenden Fachgremien zu erörtern.

Hier liegen in beiden Fällen zweifelsfrei Silikosen vor, doch trotz Auftreten malignomverdächtiger Symptome konnte bisher der Nachweis eines primären Lungentumors nicht erbracht werden. Die Entscheidung bleibt offen, bis die medizinische Diagnostik abgeschlossen ist.



Fazit

Tumorerkrankungen der Atemwege und der Lunge stehen nach geltendem Berufskrankheitenrecht
und Anerkennungspraxis der Unfallversicherungsträger seit langem eindeutig im Vordergrund unter den beruflich verursachten Krebserkrankungen insgesamt:
Im Jahr 1999 betrafen von insgesamt 1889 anerkannten beruflich verursachten Krebserkrankungen 1766 Tumore die Lunge bzw. die Atemwege (Quelle: HVBG). Asbeststaub und ionisierende Strahlen waren dabei die häufigsten Ursachen des Krebsleidens.
Infolge der Änderung der Berufskrankheitenverordnung - Anerkennung eines Lungenkrebses bei Vorliegen einer Silikose - wird die Anzahl der beruflich verursachten Krebsleiden deutlich steigen.
Für das Handeln der Unfallversicherungsträger bezüglich der Frühprävention von Tumorleiden ergeben sich daraus drei Ansätze, die zielgerichtet zu vertiefen sind:
  • Realisierung technischer oder organisatorischer Maßnahmen mit dem Ziel der Vermeidung oder Minimierung der Exposition (Primärprävention),
  • (arbeits)medizinische Diagnostik zur Ermittlung des Gesundheitszustandes und Steuerung des Arbeitseinsatzes (sekundäre Prävention),
  • Frühdiagnostik von Erkrankungen mit dem Ziel der frühst- und bestmöglichen Therapie und Rehabilitation sowie notwendiger Kompensation.


Dr. Sigrid Schmidt, StBG



Entwicklung der Berufskrankheit "Silikose" im Bereich der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft

Entwicklung der Berufskrankheit "Silikose"
im Bereich der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft


Silikose und Lungen-Karzinom im Schnittbild

Silikose und Lungen-Karzinom im Schnittbild


A. M., 62-jähriger Patient

Zur Silikose:
  • 35 Jahre staubexponiert als Steinhauer/Granit
  • Anerkennung: 04/1995
  • ILO-Klassifizierung: r/q 2/2
  • MdE. 20 v. H.

Zum Krebsleiden:
  • 05/2001 akute Lungenentzündung, stationäre Behandlung,
    Verdacht: bösartige Lungenveränderung
    histologische Sicherung eines bösartigen Tumors
  • 07/2001 Operation, Entfernen des Tumors
  • 2002 Anerkennung BK 4112, MdE 100%
Beispiel eines Versicherungsfalls




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