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[Die Industrie der Steine + Erden]






Vorsprung im Wettbewerb - aber sicher!

Ulmer Beton- und Fertigteil-Tage mit wichtigen Signalen für die Zukunft

Mehr als 1.400 Teilnehmer befassten sich vom 26. bis 28. Februar 2002 unter dem Motto "Vorsprung im Wettbewerb" bei den 46. Ulmer Beton- und Fertigteil-Tagen in zwölf Podien mit gut 80 ausgewählten Beiträgen zu technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Themen. Damit bot der Leitkongress der Betonfertigteilbranche im Ulmer Edwin-Scharff-Haus unter dem Leitgedanken, dass in jeder Krise auch neue Chancen liegen, eine Vielzahl von innovativen Ideen und Entwicklungen.
Natürlich, die momentane Lage der Bauwirtschaft und damit auch der Betonfertigteilteil-Industrie ist schlecht. Rolf Werle, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Beton- und Fertigteil-Industrie, machte das in der Pressekonferenz deutlich: "Einen Grund zum Aufatmen gibt es nicht, Silberstreifen am Horizont sind ebenfalls noch nicht in Sicht." Dabei wies Werle darauf hin, dass trotz eines 10,5prozentigen Umsatzrückgangs in der Deutschen Beton- und Betonfertigteil-Industrie im Jahr 2001 die Kosten kaum noch gesenkt werden können. Moderne Werke arbeiten mit vier bis fünf Mitarbeitern - ein Personalabbau ist kaum noch möglich.
So setzt man vor allem auf Innovation. Vorgefertigte Elemente bieten die Chance, Qualität zu optimierten Preisen zu produzieren. Hier liegt eine Schlüsselrolle für den Betonfertigteilbau. Die Bauweise mit vorgefertigten Betonelementen bietet erhebliches Innovationspotenzial, als Beispiele können genannt werden: Raumzellen im Wohnungsbau, Vorinstallationen und Bus-Systeme in "intelligenten Fertigteilen", demontierbare Konstruktionen, Module und Systeme sowie ganzheitliche Ansätze im EDV-Bereich (CAD/CAM). Der Bedeutung von Forschung und Entwicklung für die Betonfertigteil-Industrie war deshalb bei den diesjährigen Ulmer Kongresstagen besonderer Raum gewidmet.



Innovationen ausgezeichnet

Erstmals ausgelobt wurde vom Veranstalter der "Innovationspreis Betonfertigteile" der zuliefernden Industrie. Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Hans-Wolf Reinhardt (Otto-Graf-Institut der Universität Stuttgart) hatte die Jury die Aufgabe, unter mehr als 20 Bewerbungen aus dem Ausstellerkreis des Fachkongresses auszuwählen. Vergeben wurden zwei Preise:
Die Firma Hebau aus Sonthofen erhielt einen Preis für ihre neue Software "Behauten", mit deren Hilfe Betonoberflächen am Rechner simuliert werden können. Zur Verfügung stehen 80 verschiedene Werkstoffe mit unterschiedlichsten Oberflächen - der Planer kann dem Kunden so erste wirklichkeitsnahe Eindrücke vermitteln.
Der zweite Preis für den Bereich der Herstellungstechnik wurde an die Firma Mag vergeben. Das Unternehmen wurde für die Entwicklung der Robotertechnik für die Zusammensetzung von Betonpflastersteinen zu beliebigen Verlegemustern aus unterschiedlichsten Einzelprodukten ausgezeichnet.



Wettbewerbsvorsprung durch Innovationen

Breiten Raum nahmen innovative Produkte und innovative Technik ein. So wurde über neueste Entwicklungen auf dem Gebiet der Hochleistungsbetone und andere Baustoffe berichtet. Wissenschaftler aus Hochschulen und industrieller Forschung zeigten im Rahmen zweier Podien mit baustoffkundlichen bzw. konstruktiven Inhalten neue Lösungswege, die bei der Produktion und Anwendung von vorgefertigten Betonbauteilen beschritten werden können.
Geboten wurde eine spannende Reise durch den Stand der Technik. Selbstverdichtender Beton (SVB), Faserverstärkung, Textilbewährung, ultrahochfester Beton (UHPC) sowie integrierte Bindemittel für SVB und UHPC waren die Themen. Darüber hinaus wurde über individuelle Hightech-Lösungen berichtet.



Vorsprung durch Qualifikation

Voraussetzung für gute Qualität ist geschultes Personal. Im Gegensatz zur Baustelle, wo die Entwicklung eher gegenläufig ist, setzt die Betonfertigteilbranche deshalb verstärkt auf die Qualifikation ihrer Mitarbeiter. Mit den Berufsbildern "Betonfertigteilbauer" und "Verfahrensmechaniker für vorgefertigte Betonerzeugnisse" werden sowohl die individuelle Einzelfertigung als auch die Hightech-Serienfertigung von Beton-Bauteilen gut abgedeckt. Zur Zeit sind bundesweit rund 750 Auszubildende in diesen Berufsbildern beschäftigt. Unterstützt werden die Bemühungen für qualifiziertes Personal durch eine Ausbildungsinitiative, die soeben in Bayern angelaufen ist und die bundesweit Schule machen soll. Die Qualität der Ausbildung bewiesen Meisterschüler der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule in Ulm: Mit einem ersten Preis wurde Jungmeister Reinhard Füssinger aus Lauben in Bayern ausgezeichnet. Sein Meisterstück, eine Kugel im Wasserbett aus pigmentiertem und feingewaschenem Betonwerkstein, überzeugte die Jury.

Jungmeister Reinhard Füssinger mit seinem prämierten Meisterstück
Jungmeister Reinhard Füssinger
mit seinem prämierten Meisterstück




Vorsprung - aber sicher!

Innovative Signale sandte die Ulmer Veranstaltung auch mit einem weiteren neuen Themenschwerpunkt in die Branche: Zum ersten Mal war das Thema Arbeitssicherheit umfassend in das Programm eingebunden. Unter der Überschrift "Vorsprung - aber sicher! Neue Anforderungen der Arbeitssicherheit" wurde im Podium 8 unter der Leitung von Helmut Ehnes, Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Langenhagen, das Thema umfassend diskutiert.
Zunächst stellte Ehnes die Frage, ob Arbeitssicherheit ein überflüssiger Kostenfaktor oder ein unverzichtbares Unternehmensziel sei. Im Rahmen einer umfassenden Bestandsaufnahme verdeutlichte er den Zuhörern die Bedeutung der Arbeitssicherheit sowohl in menschlicher, aber auch in ökonomischer Hinsicht.
Dabei wurde deutlich, dass für die Beton- und Fertigteil-Industrie hier noch ein großes Kostensenkungspotenzial besteht, weil die Ergebnisse der Sicherheitsarbeit in den Betrieben noch nicht zufriedenstellend sind. Dies führt dazu, dass die Beton- und Fertigteil-Industrie innerhalb der bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft gegen Arbeitsunfälle versicherten Branchen gemeinsam mit der Natursteinindustrie die schlechteste Unfallbilanz aufweist und demzufolge natürlich die höchste Kostenbelastung verkraften muss. Gleichzeitig zeigte der aufrüttelnde Vortrag aber auch Wege auf, wie die Situation in Zukunft gemeinsam verbessert werden kann.
Mit dem Thema "Sicherheitsmängel in automatisierten Anlagen der Beton- und Fertigteil-Industrie" befasste sich Karl-Heinz Hegenbart von der Geschäftsstelle Berlin der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft. Auf der Grundlage einer umfassenden Sicherheitsanalyse der hochkomplexen Fertigungsanlagen und unter Einschluss des Wissens der Beschäftigten wurde dort ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe gezielt Schwachstellen in der Sicherheit der Anlagen identifiziert werden können und zugleich die jeweiligen Mitarbeiter umfassend im Rahmen eines neuen Schulungsangebotes qualifiziert werden können.


Vortrag von Dipl.-Ing. Karl-Heinz Hegenbart, StBG
Vortrag von Dipl.-Ing. Karl-Heinz Hegenbart, StBG


Mit dem Thema "Stress" setzte sich Dr. Dirk Windemuth vom Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Gesundheit aus Dresden auseinander. Er machte klar, dass Stressvermeidung auch eine Sicherheitsstrategie darstellt. Die vielen Rückfragen und Fachgespräche im Anschluss an sein Referat zeigten, dass die sog. "weichen Faktoren" immer größere Bedeutung gewinnen. Dies gilt sowohl für Unternehmer, die selbst unter erheblichem Druck stehen, aber auch für Führungskräfte und Mitarbeiter.
Ergänzt wurde der Vortrag von Dr. Windemuth durch die Stressbox, die im Ausstellungsbereich platziert war. Unter realistischen Bedingungen konnten Besucher ihr eigenes Verhalten auf Stressfaktoren testen. Die Testpersonen erlebten in der Stressbox, auf welche Weise sich Lärm, Ablenkung, Blendung und andere Faktoren auf ihr Reaktionsvermögen und ihre Körperfunktionen auswirken. Die physischen Reaktionen wurden anschließend durch das Fachpersonal anhand der aufgezeichneten Herzfrequenzen, der Muskelaktivitäten und des Hautwiderstandes erläutert.
Dr. Sebastian Schul vom Staatlichen Amt für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik in Wiesbaden referierte als letzter Vortragender im Podium "Arbeitssicherheit" zum Thema "Grundlagen für eine gerichtsfeste Sicherheitskoordination bei Bauvorhaben". Im Kern seines Referates stand ein einfaches Verfahren, mit dessen Hilfe alle Risikofaktoren im Ablauf eines Bauvorhabens systematisch erfasst und dokumentiert werden können. Gleichzeitig ermöglicht das Verfahren, die erforderlichen Maßnahmen zu dokumentieren und rechtzeitig bei der Abwicklung des Bauvorhabens zu berücksichtigen.
Abgerundet wurde das Thema Arbeitssicherheit durch einen Ausstellungsstand der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft und durch den BAUZ-Stolperparcours. Beim Stolperparcours geht es letztlich darum, die jährlichen Kosten von 5,6 Millionen Euro für neue Unfallrenten bei Stolperunfällen zu reduzieren. Noch immer sind 40 Prozent aller schweren Arbeitsunfälle Stolper- und Sturzunfälle. In Deutschland werden pro Stunde 75 Stolper- und Sturzunfälle gemeldet, d. h.: 600 Unfälle pro Tag - 220.000 pro Jahr. Unterschiedlich hohe Treppenstufen, defekte Geländer, ungeeignete Bodenbeläge sind dabei ebenso Ursache wie das Verhalten der Mitarbeiter. Der BAUZ-Stolperparcours will im Verbund mit der gesamten BAUZ-Kampagne auf dieses hohe Unfallrisiko aufmerksam machen und den Blick für gefährliche und riskante Situationen im beruflichen Alltag schärfen.
Nach Abschluss der Ulmer Beton- und Fertigteil-Tage bestand die einhellige Auffassung, dass die Kooperation in Sachen Sicherheit zwischen Industrie und StBG unbedingt fortgeführt werden müsse, um die hohe Zahl der Arbeitsunfälle im Bereich der Beton- und Fertigteil-Industrie zu senken. Weitere Gespräche, um hier gemeinsam zu neuen Wegen und Lösungen zu kommen, sind bereits vereinbart. Die nächsten Ulmer Beton- und Fertigteil-Tage finden vom 18. bis 20. Februar 2003 statt.
Dipl.-Ing. Helmut Ehnes, StBG

Auf dem Stolper-Parcours der StBG konnte jeder seine "Standfestigkeit" testen Der Stand der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft im Edwin-Scharf-Haus stand ganz im Zeichen der aktuellen Anti-Stolper-Kampagne "BAUZ"
Auf dem Stolper-Parcours der StBG konnte jeder
seine "Standfestigkeit" testen
Der Stand der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft
im Edwin-Scharf-Haus stand ganz im Zeichen der
aktuellen Anti-Stolper-Kampagne "BAUZ"




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