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"Übung macht den Meister"

Ausgebildete Ersthelfer für wirksame Erste Hilfe im Notfall

Der Erste-Hilfe-Kurs im Rahmen des Führerscheinerwerbs wird häufig als Argument für die Fachkenntnisse in der Ersten Hilfe im Betrieb angeführt. In aller Klarheit kann man hier sagen: Das reicht nicht aus! Um wirklich erfolgreich Erste Hilfe leisten zu können, wird eine acht Doppelstunden umfassende Grundausbildung bei einer der anerkannten Hilfsorganisationen benötigt. Da das erlernte Wissen schnell wieder vergessen wird, ist alle zwei Jahre ein Auffrischungskurs von vier Doppelstunden notwendig.

Die anerkannten Hilfsorganisationen wie der Arbeiter Samariter Bund, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter Unfallhilfe und der Malteser Hilfsdienst bieten praxisbezogene Trainings an, die den neuesten Erkenntnissen der Erwachsenenpädagogik entsprechen. Für ihre Versicherten übernimmt die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft die Teilnahmegebühren für die Ausbildung.



Das gute Gefühl, helfen zu können

Natürlich sind nicht nur ausgebildete Ersthelfer verpflichtet, im Betrieb und im Privatleben Erste Hilfe zu leisten, sondern jeder muss seinen Möglichkeiten entsprechend helfen. Mit einem aktuellen Erste-Hilfe-Training können Unfälle oder die Notfälle, die durch lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herz-Kreislaufversagen, Zuckerschock oder Herzinfarkt verursacht werden, souverän gemeistert werden, mit dem guten Gefühl alles Menschenmögliche getan zu haben.
Im übrigen können Ersthelfer nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenn ihnen trotz bestem Wissen und Wollen ein Fehler unterläuft, obwohl sie im Rahmen ihres Könnens gehandelt haben. Sie selber stehen auch bei privater Erste-Hilfe-Leistung unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung und werden entschädigt, wenn sie körperliche oder finanzielle Schäden davontragen.
Neben den personellen Voraussetzungen gehören auch organisatorische und materielle Voraussetzungen zur Ersten Hilfe im Betrieb.



Ohne Handwerkszeug geht es nicht

Erste-Hilfe-Material wie der Betriebsverbandkasten, die Rettungstrage oder weiteres medizinisches Gerät müssen leicht erreichbar und auch im Notfall schnell zu finden sein, eine Kennzeichnung des Standortes ist sinnvoll und notwendig. Betriebsverbandkästen sollten mit an den Unfallort genommen werden können.
Der in vielen Betrieben noch anzutreffende festinstallierte Erste-Hilfe-Schrank sollte für kleine Hilfeleistungen genutzt werden, so könnte er flüssigkeitsdichte Handschuhe, Pflaster, Desinfektionsmittel, Schere und das Verbandbuch enthalten. Arzneimittel gehören selbstverständlich nicht in den Verbandkasten oder Schrank, da sie nicht der Ersten Hilfe durch Laienhelfer (alle, die nicht zum medizinischen Personal gehören) dienen.
Der CE-gekennzeichnete Inhalt des Verbandkastens, ob Betriebsverbandkasten nach DIN 13157 und DIN 13169 oder Auto-Verbandkasten nach DIN 13164, muss regelmäßig auf Vollständigkeit und Verfalldatum einzelner Bestandteile überprüft werden. Eine leicht entfernbare Siegelmarke erleichtert die Kontrolle des Verbandkastens; Wegschließen ist allerdings nicht erlaubt.



Wissen als Grundlage zielgerichteten Handelns

Zu den organisatorischen Voraussetzungen der Ersten Hilfe im Betrieb gehört auch eine regelmäßige Unterweisung der Beschäftigten, damit im Ernstfall alles schnell und routiniert abläuft. Viele Fragen sind zu klären: Wer sind die ausgebildeten Ersthelfer? Wo ist das Erste-Hilfe-Material? Wen muss ich im Falle eines Unfalles informieren? Wie und über welche Kommunikationskanäle erstatte ich eine Notfallmeldung? Welche besonderen Gefahren gibt es im Betrieb? Wer ist der Durchgangs-Arzt? Welcher HNO- oder Augenarzt ist bei entsprechenden Verletzungen aufzusuchen?
Neben der Unterweisung ist die schriftliche Dokumentation des Unfalles wichtig. Bei kleineren Verletzungen reicht der Eintrag ins Verbandbuch als versicherungsrechtlicher Nachweis, damit der Anspruch auf Entschädigungsleistung bei Spätfolgen nachgewiesen werden kann. Bei Verletzungen mit mehrtägiger Arbeitsunfähigkeit ist schließlich die schriftliche Unfallmeldung an die Berufsgenossenschaft zu erstatten.



Erste-Hilfe-Übung im Betrieb

Da glücklicherweise schwere Unfälle in den Betrieben nicht an der Tagesordnung sind, bietet sich ein Havarietraining an. In Kooperation mit Rettungsorganisationen, Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk kann ein realistisches Übungsszenario im Betrieb aufgebaut werden. Die Übung dient der Verzahnung von inner- und außerbetrieblichem Rettungswesen und zeigt Schwachstellen in Organisation und Technik auf.
Wenn die betrieblichen Voraussetzungen für ein Training ungünstig sind, besteht die Möglichkeit, Ersthelfer und betrieblich Verantwortliche in einem Ausbildungszentrum des Rettungswesens zu schulen. Hier lassen sich betriebliche und außerbetriebliche Unfälle in realistischer Umgebung nachstellen. Als Beispiel sei die SanArena der Landesrettungsschule Brandenburg in Bad Saarow genannt. Sie verfügt über elf Szenarien, in denen es den Kursteilnehmern möglich ist, die Versorgung von Notfallopfern realitätsnah zu trainieren. Zu den Szenarien der San Arena gehören: Leitstelle, Baustelle, Landstraße, Wohnzimmer, Küche/Bad, RTW, Arztsprechzimmer, Fitnessraum, Rettungshubschrauber und Krankenhaus-Patientenzimmer.

Das Baustellen-Szenario der San-Arena in Bad Saarow Havarietraining im Betrieb
Das Baustellen-Szenario
der San-Arena in Bad Saarow
Havarietraining
im Betrieb


Elektroschock durch Laien

Mit geschätzten 100.000 Fällen jährlich stellt der plötzliche Herztod in Deutschland die häufigste Todesursache außerhalb von Krankenhäusern dar. Etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten, bei denen vom Rettungsdienst ein Wiederbelebungsversuch vorgenommen wird, weisen bei der ersten Herzrhythmus-Registrierung Kammerflimmern oder eine pulslose Herzkammer-Tachykardie auf. Ein Kammerflimmern hat einen Kreislaufstillstand zur Folge. Im betrieblichen Bereich kann ein Kammerflimmern als Folge eines Elektrounfalles auftreten.
Der Einsatz eines "Elektroschockgerätes" (Defibrillator) ist die einzig wirksame Behandlung des Kammerflimmerns. Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Defibrillation wird entscheidend durch den Faktor Zeit begrenzt: Bei Vorliegen von Kammerflimmern muss unverzüglich defibrilliert werden. "Je früher die Defibrillation stattfindet, um so größer sind die Erfolgsaussichten." (Deutscher Beirat für Erste Hilfe und Wiederbelebung).
Ersthelfer, die nicht über einen Defibrillator verfügen, sollen sofort den Rettungsdienst alarmieren und möglichst bald bzw. gleichzeitig mit den Basismaßnahmen der Wiederbelebung beginnen. Eindeutig bessere Überlebenschancen haben Patienten mit einem plötzlichen Herzstillstand, wenn die Defibrillation unmittelbar nach Eintritt des Ereignisses durchgeführt und durch qualifiziertes Personal um die erweiterten Maßnahmen der Herz-Lungen-Wiederbelebung (Intubation, Infusion, Medikation) ergänzt werden. Hier werden Überlebensraten von nahezu 30 Prozent beschrieben.
Die Industrie hat inzwischen halbautomatische Defibrillatoren, sogenannte AED`s, entwickelt. Diese Geräte verfügen über ein Analysesystem, das die Herzschrift des Patienten auswertet und bei Kammerflimmern und pulsloser Herzkammer-Tachykardie eine Defibrillation empfiehlt.
Der eigentliche Stromstoß muss durch den geschulten Ersthelfer oder Betriebssanitäter mittels Knopfdruck ausgelöst werden. Durch den besonderen Stromkurvenverlauf dieser Geräte und das Auslösen eines Stromstosses erst nach vorheriger Gerätediagnostik und Empfehlung, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der geschulte Ersthelfer jemandem das Leben rettet, viel größer, als dass er irgendeinen Schaden anrichtet.
Der Einsatz dieser Geräte hat sich in den USA schon bewährt und die Lufthansa führt entsprechende Geräte bei Transatlantikflügen mit. Noch wird diskutiert, ob Laien wirklich ein medizinisches Notfallgerät einsetzen sollen. Große Firmen und Behörden überlegen schon die Anschaffung solcher Geräte und die Ausbildung der Betriebssanitäter und Ersthelfer. Bei einem Preis von etwa 1500 bis 3000 wird man wahrscheinlich in Zukunft häufiger entsprechende Geräte in den Betrieben vorfinden.


Ein moderner Defibrillator
Ein moderner Defibrillator



Klaus Schlingplässer, StBG, Gst. Berlin
Tel. 030 / 5 56 00-0





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