www.steine-und-erden.net > 2001 > Ausgabe 2/01 > Ratefieber

[Die Industrie der Steine + Erden]






Ratefieber

Seit Monaten befindet sich Fernseh-Deutschland im Ratefieber. Kaum ein Sender verzichtet zur Zeit auf diesen Zuschauermagneten. Die Werbeblöcke sind auf Monate hinaus ausgebucht. Kostengünstig zu produzierende Sendungen werfen tüchtig Gewinn ab. Nicht nur die kommerziellen Anbieter wittern ein Geschäft, nein, auch die Öffentlich-Rechtlichen. Jede Menge Kandidaten bewerben sich für die Quizshows, um in Runde drei gefragt zu werden, wie denn der berühmte Traditionsverein von Gelsenkirchen heißt:
a) Schalke 05,
b) Schalke 03,
c) Schalke 04 oder
d) Schalke 09?
Mitten in diese Eliterunde deutscher Ratefüchse gelangte ein Bekannter von mir, der tatsächlich die ersten Hürden der Vorausscheidung glanzvoll überwunden hatte. Er konnte die Frage beantworten, wie man die Heckscheibe der ersten Käfergeneration nannte nämlich Brezel. Der große Moment des Fernsehauftritts stand kurz bevor. Lockerheit versprühend bemühten sich die Assistenten der Aufnahmeleitung um die Kandidaten. Eine aufgekratzte Stimmung herrschte, bis der Moderator erschien und man ihm ansah, dass er genauso nervös war wie seine Kandidaten. Einerseits tröstlich, dass auch ein Profi Nerven zeigte, andererseits verbreitete sich nun eine gewisse Hektik.
Die Zuschauer im Saal wurden angewiesen, wann sie zu applaudieren hätten, und informiert, welche Kamera auf sie zufährt, um Detailbilder zu schießen. Auch möge man bitte auf das alberne Winken verzichten, mit dem Zuschauer gern ihre Lieben zu Hause grüßen. Selbst der Hinweis, dass doch die Sendung nur aufgezeichnet und nicht live gesendet wird, änderte kaum etwas an der Anspannung. Es war bekannt, dass mindestens vier Folgen abgedreht werden sollten und damit ein gewisser Zeitdruck bestand. Doch die Nervosität stieg noch, als mit einem lauten Knall eine Studiolampe ihren Geist aufgab.
Endlich war mein Bekannter an der Reihe. Recht schnell gewann er an Sicherheit und auch die ersten Tausender. Er wusste, dass das Herbeibringen geschossenen Wildes durch den Hund apportieren heißt und nicht appretieren, approbieren oder aptieren. Mein Bekannter kannte auch den germanischen Namen für Hermann den Cherusker, Arminius.
Er meisterte alle Hürden, bis auf eine, nämlich die Frage nach der Hauptstadt von Belize. Ist dies Benin, Bogota, Belmopan oder Brunei? Und er weiß heute noch nicht, welcher Teufel ihn ritt, als er Benin an Stelle von Belmopan antwortete.
Geblieben ist meinem Bekannten die Erkenntnis, dass beim Fernsehen auch nur mit Wasser gekocht wird. Doch vor allem bleibt der Respekt vor allen Kandidaten. Denn zu Hause auf dem Sofa ist man schlau; aber unter den Augen der Zuschauer und den heißen Scheinwerfern, den fragenden Blicken des Moderators und im Kampf mit der eigenen Nervosität, wird man schnell zum Dummerle.

Hans-Jürgen Bahr
Im Ratefieber





Inhaltsverzeichnis Ausgabe 2/01 | Zurück zu unserer Homepage