www.steine-und-erden.net > 2001 > Ausgabe 2/01 > Der Zopf muss ab...

[Die Industrie der Steine + Erden]






Der Zopf muss ab...

Willi Lange ... fordert die Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer e. V. (ASU) unaufhörlich und meint damit angebliche Missstände bei den Berufsgenossenschaften. Da ist von „Praxisferne des Angebots“, von „verminderter Servicementalität", von „Obrigkeitsattitüden“, von „ständig ausgedehnten Geschäftsfeldern“ und sogar von „auswuchernder Prävention" die Rede. Und das Allheilmittel? Natürlich sieht man es in der vollständigen Privatisierung und Einschränkung des Leistungsspektrums.
Dabei ist eines völlig klar: Sachliche Kritik muss ernst genommen werden – dies tun wir selbstverständlich! Jedes System – auch das Berufsgenossenschaftliche Unfallversicherungssystem – unterliegt einem Wandel und muss stetig den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Dies haben wir nicht erst seit heute erkannt und arbeiten deshalb an der kontinuierlichen Verbesserung und Optimierung unseres
Leistungsspektrums – sowohl bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft als auch im gesamten bg’lichen Bereich!
Man darf aber wohl auch einmal die Frage stellen, welcher Zopf denn eigentlich ab muss? Ist es wirklich so, dass Privatisierung immer Garant für Erfolgsgeschichten ist? Ein Blick auf die Erfahrungen mit der Bahnprivatisierung in Deutschland oder England bestätigt diese Einschätzung gewiss nicht! Was ist mit der Privatisierung der Brandversicherungsanstalten? Die Auswirkungen sind dort: Stetig ansteigende Beitragssätze, seit nicht mehr das Solidarprinzip, sondern das Gewinnmaximierungsprinzip privatwirtschaftlicher Unternehmensführung gilt. Kann es nicht auch unter privatwirtschaftlichen Prämissen zu Monopolstellungen kommen? Halten Sie sich doch bitte einmal die Entwicklung der Benzinpreise vor Augen! Sinn und Zweck jedes privatwirtschaftlich geführten Unternehmens ist letztlich die Gewinnmaximierung! Wollen wir dieses Prinzip tatsächlich auf die Soziale Absicherung von Menschen, die Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten erlitten haben, erstrecken?
Ich meine: Man muss das System „Berufsgenossenschaft“ viel mehr als erfolgreiches Modell im Sinne einer Selbsthilfegemeinschaft der Mitgliedsunternehmer sehen denn als Zwangsmonopol mit Zwangsmitgliedschaft. Dabei sollte man sich klar vor Augen halten: Das Leistungsspektrum wird im Wesentlichen durch den Gesetzgeber festgelegt. Gerade unter diesem Aspekt ist es doch ein Erfolg, dass Unfall- und Berufskrankheitenzahlen seit Jahren rückläufig sind, obwohl neue Leistungsfälle hinzu kamen. Den branchengegliederten Berufsgenossenschaften „Praxisferne“ vorzuwerfen, zeugt eher von Praxisferne dessen, der diesen Vorwurf erhebt! Gerade die Branchengliederung ist Garant dafür, dass die BGen ganz eng am Puls der Zeit in ihren Mitgliedsunternehmen sind: In einer repräsentativen Unternehmerbefragung, die im Rahmen der Einführung des sog. Unternehmermodells für Kleinbetriebe bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft durchgeführt wurde, beurteilen über 90 Prozent der Befragten die Beratungsqualität durch die StBG als gut oder sehr gut. Fast 80 Prozent der Unternehmer, die am Unternehmermodell teilnehmen, und das sind immerhin fast 50 Prozent der unserer BG zugehörigen Unternehmer, betrachten die BG als kompetenten Partner und nicht als Kontrollbehörde. Auch im internationalen Vergleich bestätigt sich immer wieder, dass die Präventions- und Serviceangebote der Berufsgenossenschaften – und ich glaube behaupten zu dürfen, dass die StBG hier eine Vorreiterrolle einnimmt – auf den richtigen Weg führen. International ist es inzwischen weniger eine Frage des „Systems", sondern vielmehr eine Frage der „Inhalte". Dabei dürfen wir behaupten, dass viele unserer Aktivitäten „Modellcharakter" einnehmen.
Bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft arbeiten wir intensiv und kontinuierlich an der Weiterentwicklung unserer Konzepte. Zur Zeit diskutieren Arbeitgeber- und Versichertenvertreter innerhalb der Selbstverwaltung über eine neue, mittelfristig angelegte Ausrichtung der Präventionsaktivitäten. Es ist zu erwarten, dass in Kürze hierzu ein Strategiepapier „Prävention 2000 plus“ verabschiedet wird, über das wir Sie natürlich informieren werden. Eines zeichnet sich schon jetzt ab: Beide Sozialpartnergruppen setzen auch weiterhin auf Prävention. Denn: Dies ist der einzige Weg für weitere Erfolge in der Verringerung von Unfallzahlen und Berufskrankheiten, aber auch der Kostenminimierung.

Ihr
Willi Lange




Inhaltsverzeichnis Ausgabe 2/01 | Zurück zu unserer Homepage