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[Die Industrie der Steine + Erden]






Gefahr durch biologische Arbeitsstoffe ernst nehmen

Bio-Hazard In Betrieben der Recyclingbranche, in Kompostierungsanlagen, Erdstoffdeponien, Betrieben der Abfallwirtschaft, der Umwelttechnik und bei Arbeiten in der Abwasserbehandlung können die Beschäftigten einem erhöhten Gesundheitsrisiko durch biologische Arbeitsstoffe ausgesetzt sein.

Die Biostoffverordnung (BioStoffV) wurde am 27. Januar 1999 erlassen und ist am 1. April 1999 in Kraft getreten. Diese Verordnung setzt die EU-Richtlinie 90/679/EWG in nationales Recht um und konkretisiert die allgemeinen Regelungen des Arbeitsschutzgesetzes für die Tätigkeiten mit oder unter Einwirkung von biologischen Arbeitsstoffen. Nachfolgend soll nur auf diejenigen Gefährdungen und Belastungen eingegangen werden, die für die Betriebe der betroffenen Branchen zutreffen. Ziel der Verordnung ist der Schutz der Beschäftigten vor einer möglichen Gefährdung der Gesundheit bei der gezielten Arbeit mit biologischen Arbeitsstoffen (in Laboratorien) oder bei den hier in Frage kommenden Arbeiten und Tätigkeiten, bei denen biologische Arbeitsstoffe als Verunreinigungen mit potenziellem Krankheitsrisiko auftreten können – „nicht gezielte Tätigkeiten".


In Betrieben der Abfallwirtschaft und Umwelttechnik ist die Belastung durch biologische Arbeitsstoffe groß.
In Betrieben der Abfallwirtschaft und Umwelttechnik ist
die Belastung durch biologische Arbeitsstoffe groß.



Was sind biologische Arbeitsstoffe?
Unter biologischen Arbeitsstoffen werden Mikroorganismen (potenzielle Krankheitserreger) zusammengefasst. Ihre große Zahl umfasst die Gruppen der Bakterien, Pilze (Schimmelpilze), Viren und Parasiten. Nach dem Grad der Gefährlichkeit für den Menschen (Wahrscheinlichkeit des Eintretens und dem Schweregrad der Erkrankung) unterscheidet die BiostoffV vier Risikogruppen. Weitere Kriterien für die Einstufung in eine dieser Gruppen sind:
• die Verbreitungsgefahr in der Bevölkerung
• die Möglichkeiten der Vorbeugung und der Behandlung einer aufgetretenen Erkrankung.
Risikogruppe 1 ist dadurch gekennzeichnet, dass in der Regel keine Infektionsgefährdung für die Beschäftigten besteht. (Belastung in Arbeitsbereichen von Recyclinganlagen oder Erdstoffdeponien mit nicht krankmachenden Bakterien und Schimmelpilzen). Eine allergisierende Wirkung ist jedoch möglich.
Risikogruppe 2 liegt dann vor, wenn potenziell krankmachende Bakterien, Schimmelpilze oder Viren in erhöhter Konzentration im Atembereich oder in der unmittelbaren Arbeitsumgebung des Beschäftigten auftreten und Erkrankungen der Atemwege oder der Lunge verursachen können (Lungenentzündung). In diese Gruppe zählt auch der Erreger des Wundstarrkrampfes (Tetanuserreger) und der Hepatitis-A-Virus, der Erreger der infektiösen Gelbsucht. Neben einer Infektion können auch toxische Wirkungen durch Bakterientoxine auftreten.
Bei den Risikogruppen 1 und 2 handelt es sich um nicht gezielte Tätigkeiten, hier werden die Mikroorganismen also nicht gezielt gezüchtet, vermehrt oder eingesetzt. Die Mikroorganismen treten vielmehr als nicht vermeidbare Verunreinigungen (bakterielle Kontaminationen im zu verarbeitenden Material, wie Recyclingmaterial oder Erdstoffen) auf.
Die Risikogruppen 3 und 4 weisen ein erhöhtes Infektionsrisiko mit der Folge schwerer Erkrankungen auf. Hier werden (in Laboratorien für medizinische Zwecke) Mikroorganismen gezielt unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt
Die BioStoffV legt die jeweilige Risikogruppe und die entsprechende Schutzstufe nach Maßgabe der vorkommenden oder zu erwartenden Mikroorganismen, deren Virulenz (Gefährlichkeit) und den Möglichkeiten der Vorbeugung fest.

Gezielte und nicht gezielte Tätigkeit?
Gezielte Tätigkeiten liegen immer dann vor, wenn der biologische Arbeitsstoff mindestens der Art nach bekannt ist, die Tätigkeiten gezielt auf den biologischen Arbeitsstoff ausgerichtet sind und die Exposition (Belastung) hinreichend abschätzbar ist.
Nicht gezielte Tätigkeiten im Sinne der BioStoffV liegen dann vor, wenn mindestens eine der vorgenannten Voraussetzungen nicht gegeben ist. Typische Beispiele für nicht gezielte Tätigkeiten sind Prozesse und Tätigkeiten in der Abfallwirtschaft und deren speziellen Branchen. Die hier auftretenden Krankheitserreger treten als Verunreinigungen auf, sind nach ihrer Art nicht genau bekannt. Es handelt sich meist um Mischexpositionen der Beschäftigten, wobei die Expositionsverhältnisse aus verschiedenen Gründen starken Schwankungen unterliegen können.

Biologische Arbeitsstoffe – ein Thema für Mitgliedsunternehmen der StBG?
In bestimmten Unternehmen oder Bereichen der Mitgliedsbetriebe der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft können Beschäftigte also durchaus einem erhöhten gesundheitlichen Risiko durch biologische Arbeitsstoffe ausgesetzt sein, wobei es sich hier – wie erwähnt – um ungezielte Tätigkeiten gemäß BioStoffV handelt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, sollen hier folgende Bereiche genannt werden:
  • Recycling von Altbaustoffen / Holzrecycling
  • Wertstoffsortieranlagen
  • Deponiewirtschaft und Kompostierung
  • bestimmte Umwelttechnologien (Bodensanierungsbetriebe)
  • mechanisch-biologische Abfallbehandlung
  • Arbeiten in Abwasseranlagen

Bewusst ausgenommen wurde die thermische Entsorgung von Tiermehl. Hier wird auf einen Beitrag der Autoren Dr. U. Kern und K. Schlingplässer in der Zeitschrift „Steine und Erden“, 111. Jahrgang; Ausgabe 1 (Januar/Februar 2001) verwiesen.

Schutzstufen
Entsprechend der genannten vier Risikogruppen wurde ein abgestuftes Konzept der erforderlichen Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen entwickelt. Die Schutzstufe 1 beinhaltet Mindestschutzmaßnahmen, insbesondere Forderungen zur Einhaltung der „Allgemeinen Hygiene am Arbeitsplatze". Diese sind im einzelnen fixiert in der TRBA 500 (Allgemeine Hygienemaßnahmen: Mindestanforderungen) . Ergänzend dazu sind in der Schutzstufe 2 und 3 zusätzliche Forderungen und Maßnahmen zum Gesundheitsschutz festgelegt. Das betrifft insbesondere die Erarbeitung von Betriebsanweisungen und/oder das Angebot des Unternehmens beziehungsweise die Pflicht zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen.

Biologische Arbeitsstoffe – was ist zu tun?
An Arbeitsplätzen mit Einwirkung ist eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen und zu dokumentieren. Diese ist zu aktualisieren bei Änderungen der Arbeitsbedingungen und veränderten Kontaminationen, ebenso beim Auftreten von Erkrankungen. Das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung ist im besten Falle die Zuordnung zu einer Risikogruppe mit der entsprechenden Schutzstufe und den daran geknüpften Sicherheitsmaßnahmen.
Bei nicht gezielten Tätigkeiten sollte ebenfalls eine Schutzstufe ermittelt werden; sensibilisierende und/oder toxische Wirkungen sind zu berücksichtigen und geeignete Schutzmaßnahmen festzulegen.
Die Gefährdungsbeurteilung gliedert sich in folgende Schritte:

  1. Erfassung des Arbeitsbereiches mit Gefährdung durch biologische Arbeitsstoffe (Abfallsortieranlage mit Handsortierung) - nicht gezielte Tätigkeit
  2. Informationsbeschaffung
    2.1 Welche biologischen Arbeitsstoffe liegen vor?
    Beispiel: Mischexposition durch verschiedene Mikroorganismen der Risikogruppen 1 und 2; ein Leitkeim kann nicht benannt werden; die sensibilisierende Wirkung von Schimmelpilzen ist zu beachten.
    2.2 Informationen zum Betriebsablauf, Arbeitsverfahren und Dauer der Exposition
    2.3 Informationen über branchenspezifische Erfahrungen oder Regelungen
    Beispiel: TRBA 210 „Abfallsortieranlagen: Schutzmaßnahmen"
  3. Festlegungen der Sicherheitsmaßnahmen;
    hierzu allgemeine Schutzmaßnahmen am Beispiel der Schutzstufen 1 und 2:
    • Unterweisung der Beschäftigten zum Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen
    • allgemeine Hygienemaßnahmen als Mindestanforderungen, im Detail:
      • Schwarz/Weiß-Trennung (gemäß ZH 1/183)
      • Verbot der Einnahme von Speisen und Getränken, ebenso Rauchen und Schnupfen
      • Handschutz und Hautschutz durch geeignete flüssigkeitsdichte Handschuhe und Hautschutzmittel (ZH 1/706 und ZH 1/708)
      • Möglichkeit zur Hautreinigung (Warmwasser, Seife, Nagelbürste)
      • Staubminimierung durch Anfeuchtung des Materials, gegebenenfalls Kabinenschutzbelüftung bei maschinellem Umgang
      • Bereitstellung geeigneter Schutzkleidung (Grundausstattung: Kopf-, Fuß- und Handschutz)
      • bei erhöhtem Risiko gegenüber biologischen Arbeitsstoffen Bereitstellung von Atemschutz (ZH 1/701 und ZH 1/184)


An Arbeitsplätzen mit erhöhtem Risiko – zum Beispiel einem Sortierband – sind Gesundheitsschutz-Maßnahmen,
wie Atemschutzmasken bereitzustellen.
An Arbeitsplätzen mit erhöhtem Risiko – zum Beispiel einem Sortierband –
sind Gesundheitsschutz-Maßnahmen, wie Atemschutzmasken bereitzustellen.


Geplante Arbeiten in kontaminierten Bereichen hat der Unternehmer spätestens vier Wochen vor ihrem Beginn seiner zuständigen Berufsgenossenschaft schriftlich anzuzeigen (ZH 1/183).
Bei der Erarbeitung der Gefährdungsbeurteilung sollte die Hilfe des Betriebsarztes in Anspruch genommen werden. Nur bei Kenntnis der Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen ist der Betriebsarzt auf Grund seines mikrobiologischen Grundwissens in der Lage, Gesundheitsrisiken zu beurteilen. Ebenso kann er bei den Unterweisungen der Mitarbeiter behilflich sein, indem er neben den allgemeinen Hygienemaßnahmen auch Grundkenntnisse zu Infektionskrankheiten vermittelt und einen erforderlichen Impfschutz erläutert.
Die Unterstützung durch den Betriebsarzt wird insbesondere dann unerlässlich, wenn es zu Überschneidungen mit der Risikogruppe 3 kommen kann, zum Beispiel bei der Sortierung von Hausmüll (Krankenhausmüll unter Umständen mit Injektionsnadeln) oder Pilzen und Viren, die schwerwiegende Lungenkrankheiten hervorrufen können.
Ist eine Infektionskrankheit oder Erkrankung auf Grund der sensibilisierenden oder toxischen Wirkung bei einem Beschäftigten aufgetreten, die auf die Tätigkeit mit biologischen Arbeitsstoffen der Risikogruppe 2 zurückzuführen ist, muss allen Beschäftigten des gleichen Tätigkeitsbereiches eine arbeitsmedizinische Untersuchung unverzüglich angeboten werden. Über das Ergebnis der Untersuchung erhält nur der Beschäftigte eine Bescheinigung.
Nur Ärzte, die die erforderlichen Fachkenntnisse besitzen und vom Landesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin als zuständige Behörde ermächtigt worden sind, dürfen diese arbeitsmedizinischen Untersuchungen durchführen.


Literatur:
TRBA 500 (Juni 1999)
Allgemeine Hygienemaßnahmen:
Mindestanforderungen
BArbBl. Heft 6/1999 S. 81 – 82

TRBA 210 (Juni 1999)
Abfallsortieranlagen:
Schutzmaßnahmen
BArbBl. Heft 6/1999 S. 77 – 81


Verfasser:
Helmut Baer, Arzt für Arbeitsmedizin, StBG
Tel. (0 36 95) 62 88 05




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