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[Die Industrie der Steine + Erden]






Initiative gegen Maurerkrätze: Chromatarmer Zement im Markt


Chromatarmer Zement Die Unterzeichnung der Branchenregelung Zement, mit der die bundesweite Einführung von chromatarmen Zementen jetzt Wirklichkeit wird, soll die Zahl der Zementallergie-Erkrankungen reduzieren. Die freiwillige Übereinkunft der Zementwerke, des Baustoffhandels, der Bauwirtschaft, der Gewerkschaften, der Berufsgenossenschaften und der Länder in Form der Branchenregelung Zement formuliert das Ziel, "chromatarme Zemente" flächendeckend einzuführen. Ende 1998 wurde die Branchenregelung von allen betroffenen Institutionen gebilligt, mittlerweile unterzeichnet und vom Bundesarbeitsminister Walter Riester veröffentlicht. Damit ist ein entscheidender Schritt zur Eindämmung der Zementallergie getan. In den Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) gehört für viele Beschäftigte der Umgang mit Zement zu den täglichen Aufgaben. Zement ist nicht nur ein unverzichtbarer Baustoff, sondern er ist leider auch der häufigste Auslöser von Hauterkrankungen. Gefürchtet ist dabei die Zementallergie - allgemein als Maurerkrätze bekannt - welche durch die wasserlöslichen Chromate im Zement ausgelöst wird. Ein an der Zementallergie Erkrankter wird die Allergie nicht mehr los. Bei jedem Umgang mit zementhaltigen Produkten tritt die Erkrankung erneut auf.



Hoher Chromatgehalt im Zement ist Auslöser

Der Chromatgehalt schwankt naturbedingt zwischen drei und 35 ppm (parts per million). Um die Zementallergie zu verhindern, ist der Chromatgehalt im Zement auf unter zwei ppm zu reduzieren. Dieses ist technisch möglich durch die Zugabe von Eisen-II-Sulfat. Das Ergebnis ist ein chromatarmer Zement. Der chromatarme Zement hat die gleichen technischen Eigenschaften wie chromathaltiger Zement.



Eckdaten der Branchenregelung


  • 16 Prozent des in Deutschland hergestellten Zementes werden überwiegend von Hand verarbeitet, davon (jeweils pro Jahr) etwa 3,6 Millionen Tonnen als Sackware, eine Million Tonnen in Werktrockenmörtel, 0,45 Millionen Tonnen in Werkfrischmörtel, 0,3 Millionen Tonnen in bauchemischen Produkten und 0,1 Millionen Tonnen in Zweikammer-Silo-Mörtel. 31 Prozent des in Deutschland hergestellten Zementes gehen in die fabrikmäßige Herstellung von Betonteilen und etwa 53 Prozent in die Herstellung von Transportbeton.
  • Zu diesen etwa 32 Millionen Tonnen in Deutschland hergestellten Zementen kommen ca. 5,5 Millionen Tonnen importierter Zement.
  • Über 80 Prozent der im Durchschnitt der Jahre 1990 bis 1997 ca. 320 Maurerkrätze-Neuerkankungen betreffen Berufe, bei denen Zement und zementhaltige Produkte überwiegend von Hand verarbeitet werden.
  • Etwa 15 Prozent der jährlichen Neuerkrankungen werden in Berufen gemeldet, in denen Zement üblicherweise maschinell verarbeitet wird.

Die Branchenregelung wird von den nachfolgend genannten Mitgliedern eines Gesprächskreises getragen, der auch die Umsetzung gemeinsam verfolgt:

  • Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände
  • Bergbau-Berufsgenossenschaft
  • Berufsgenossenschaften der Bauwirtschaft
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
  • Bundesverband der Deutschen Mörtelindustrie e.V. (BDM)
  • Bundesverband der Deutschen Transportbetonindustrie e.V. (BTB)
  • Bundesverband der Deutschen Zementindustrie e.V. (BDZ)
  • Bundesverband der Innungskrankenkassen (IKK)
  • Bundesverband Deutsche Beton- und Fertigteilindustrie e.V. (BDB)
  • Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel e.V. (BDB)
  • Bundesverband Estrich und Belag (BEB)
  • Deutsche Bauchemie e.V.
  • Deutscher Beton-Verein e.V.
  • Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.
  • Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU)
  • Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE)
  • Industrieverband der Klebstoffe e.V.
  • Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI)
  • Steinbruchs-Berufsgenossenschaft
  • Verein Deutscher Zementwerke e.V. (VDZ)
  • Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB)


Inhalt der Branchenregelung


Zementprodukte   Zementverarbeitung


  • Die deutsche Zementindustrie bietet seit Juli 1997 flächendeckend chromatarmen Sackzement an. Chromatarm bedeutet nach der zugehörigen Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS 613), dass der wasserlösliche Chromatgehalt eines Produktes bezogen auf dessen Trockenmasse unter zwei ppm liegt; Verpackungen werden entsprechend gekennzeichnet. Die deutschen Zementhersteller stellen seit Januar 1999 in Süddeutschland und seit Januar 2000 in ganz Deutschland nur noch chromatarme, mit einem Reduktionsmittel versetzte Zement-Sackware her.
  • Ab Januar 2000 werden Werktrocken- und Werkfrischmörtel aus Werken des BDM chromatarm hergestellt. Gleiches gilt auch, soweit dies entsprechend den bauaufsichtlich eingeführten technischen Spezifikationen zulässig ist, für die zementhaltigen Produkte der Deutschen Bauchemie e.V. und des Industrieverbandes Klebstoffe e.V.; z. B. Fliesenkleber, bei denen auf die Erfahrungen der Regelungen aus 1995 zurückgegriffen werden kann. Falls erforderlich, werden diese Produkte mit einem Reduktionsmittel versehen. Bei Zweikammer-Silomörtel erfolgt die Zugabe eines Reduktionsmittels bei der Befüllung des Silos oder maschinell bei der Mörtelherstellung.
  • Der Bundesverband der Deutschen Mörtelindustrie e. V., Duisburg, und das Forschungsinstitut der Zementindustrie, Düsseldorf, führen derzeit Versuche an verschiedenen Werk-Trockenmörteln und Werk-Frischmörteln zur Überprüfung der Wirkungen von Eisen-II-Sulfat auf die Eigenschaften von Mörtelprodukten durch. Sollten Testversuche nachteilige Veränderungen der Eigenschaften von Mörtelprodukten zum Ergebnis haben, wird nach anderen Lösungen gesucht. Nachteilige Ergebnisse, z. B. Braunverfärbungen, sind bisher nicht bekannt geworden.
  • Alle im Gesprächskreis repräsentierten Institutionen, Verbände und Firmen setzen sich dafür ein, dass der mit einem Reduktionsmittel versehene Sackzement von den Herstellern über den Baustoff-Fachhandel zum Endverbraucher gelangt. Insbesondere werden sie keine chromathaltigen Produkte im Vergleich zu solchen, die mit einem Reduktionsmittel versetzt sind, begünstigen.
  • Die Berufsgenossenschaften der Bauwirtschaft und die Vertreter der staatlichen Arbeitsschutzbehörden haben die Ergebnisse von Überlegungen vorgestellt, wie die Akzeptanz der nitrilgetränkten Baumwollhandschuhe auf den Baustellen gesteigert werden kann. Eine Argumentationshilfe steht den Aufsichtsdiensten der Berufsgenossenschaften und der Staatlichen Aufsichtsbehörde zur Verfügung. Hierauf aufbauend werden Maßnahmen beschlossen, die von allen an der Branchenregelung beteiligten Gruppen umgesetzt werden.
  • Bei der überwiegend maschinellen Verarbeitung zementhaltiger Produkte steht vorerst als Arbeitsschutzmaßnahme das Tragen von nitrilgetränkten Baumwollhandschuhen im Vordergrund.
  • Alle an der Branchenregelung beteiligten Institutionen und Verbände - insbesondere die Staatlichen Arbeitsschutzbehörden und die Berufsgenossenschaften - werden darauf hinwirken, dass auf den Baustellen bei Verarbeitung von Hand nur noch chromatarme Produkte verwendet werden. Im Rahmen der Beratungen von Unternehmen und Bauherren sowie erforderlichenfalls durch Anordnungen auf Baustellen wird auch darauf hingewirkt, dass bei der händischen Verarbeitung von zementhaltigen Produkten nitrilgetränkte Baumwollhandschuhe getragen werden.
  • Erkrankungszahlen für Maurerkrätze können der Berufskrankheiten-Dokumentation der gewerblichen Berufsgenossenschaften entnommen werden. Hier wurde der zuletzt ausgeübte Beruf dokumentiert, eine genaue Tätigkeitsbeschreibung liegt jedoch nicht vor, frühere Berufe wurden nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund finanzieren die Bau-Berufsgenossenschaften und der Verein Deutscher Zementwerke eine Studie, in der ermittelt werden soll, ob und inwieweit Maurerkrätzeerkrankungen bei Personen, die Zemente überwiegend maschinell verarbeiten (u. a. Betonbauer und Beschäftigte in Fertigteilwerken), auftreten. Hierzu werden ca. 300 Maurerkrätzefälle untersucht. Darüber hinaus werden während der Laufzeit der Studie die Neuerkrankungen im Hinblick auf die tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten und das Ausmaß eines Hautkontaktes mit zementhaltigen Produkten ausgewertet. Diese Auswertung wird nach Abschluss der Studie fortgeführt.
  • Im Rahmen der Branchenregelung wird festgestellt, inwieweit die Grenze von zwei ppm Chromat, bezogen auf die Trockenmasse der zementhaltigen Produkte, geeignet ist, die Anzahl der Erkrankungen an Maurerkrätze weiter zu senken. Es wird hierzu in der ersten Periode der Laufzeit dieser Branchenvereinbarung eine entsprechende Studie erstellt.
  • Die Ergebnisse der einzelnen Maßnahmen sowie die bei der Umsetzung auftretenen Schwierigkeiten werden laufend zusammengetragen und regelmäßig ausgewertet (Jahresbericht). Hierauf aufbauend werden weitere Maßnahmen vom Lenkungsgremium vorgeschlagen. Dabei sollen die Ergebnisse der genannten beiden Studien, die Testversuche und Erfahrungen aus der Praxis sowie die Überlegungen zur Akzeptanzförderung von nitrilgetränkten Baumwollhandschuhen einfließen.
  • Das Lenkungsgremium besteht aus Vertretern der Staatlichen Arbeitsschutzbehörden, der Berufsgenossenschaften, des Baustoff-Fachhandels, des BDM, des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, der Deutschen Bauchemie e.V., der Gewerkschaften, des VDZ und des ZdB/HVBI.


Rechtscharakter der Branchenregelung


Branchenregelungen sind freiwillige Selbstverpflichtungen betroffener Institutionen und Branchen mit dem Ziel, den Arbeits- und Gesundheitsschutz auf bestimmten Gebieten zu verbessern. Im Gegensatz zu berufsgenossenschaftlichen oder staatlichen Vorschriften durchlaufen Branchenregelungen kein Genehmigungsverfahren, sondern werden nach Unterzeichnung der beteiligten Institutionen in Kraft gesetzt. In der Branchenregelung verpflichteten sich die Zementwerke, spätestens ab Januar 2000 für den Bereich der Handverarbeitung ausschließlich chromatarme Zemente zu produzieren. Dies bedeutet, dass

  • Sackware
  • Fliesenkleber
  • Werkfrischmörtel
  • Werktrockenmörtel
  • Zement in Zweikammer-Silos

von diesem Zeitpunkt an nur noch chromatarm erhältlich sind. Der Handel verpflichtet sich, die chromatarme Ware nicht über Preisaufschläge zu benachteiligen. Leider wird in einigen Gebieten der Bundesrepublik jedoch ausländische chromathaltige Ware noch immer angeboten.



Weitere Schutzmaßnahmen


Bei Verwendung chromatarmer Zemente und zementhaltiger Produkte kann das Auftreten der Zementallergie verhindert werden. Durch den Hautkontakt mit frisch angemachten Zementprodukten können durch die Alkalität des Zements dennoch Hautschädigungen bis hin zu Verätzungen hervorgerufen werden. Deshalb ist das konsequente Tragen geeigneter Handschuhe in Kombination mit einem Hautschutz bei jedem Umgang mit Zement oder zementhaltigen Produkten notwendig - unabhängig davon, ob chromathaltiger Zement eingesetzt wird. Geeignet sind z. B. nitrilbeschichtete Baumwollhandschuhe. Völlig ungeeignet sind demgegenüber Lederhandschuhe, da diese nicht feuchtigkeitsdicht sind und somit den Hautkontakt mit den Zementinhaltsstoffen nicht verhindern.



Fakten aus der BK-Statistik


Eine Auswertung des Berufskrankheiten(BK)-Geschehens bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft hat ergeben, dass in den Jahren 1990 bis 1998 unter der BK-Nummer 5101 "Schwere oder wiederholt rückfällige Hauterkrankungen (unter bestimmten Voraussetzungen)" der Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung insgesamt 316 Erkrankungsfälle mit bestätigtem BK-Verdacht zu verzeichnen sind. Hiervon wurden 190 Fälle als chromatbedingte Erkrankungen dokumentiert. Der sensibilisierende Stoff ist dabei das im Zement enthaltene Chromat.


Fakten aus der BK-Statistik

Von dieser Erkrankung betroffen waren in erster Linie die unmittelbar in der Produktion in Beton- und Fertigteilwerken Beschäftigten mit der globalen Bezeichnung "Betonwerker" oder "Betonarbeiter". Bei diesem Personenkreis ist der unmittelbare Kontakt mit feuchtem Beton oder Mörtel zu unterstellen. Eine genaue Differenzierung nach der überwiegend ausgeführten Tätigkeit (händische oder maschinelle Beton- oder Mörtelverarbeitung) ist nicht möglich, weil die Datenbasis hierfür nicht ausreicht.

Ein zweiter betroffener Kreis von Beschäftigten setzt sich zusammen aus Schlossern, Schweißern, Eisenflechtern, Einschalern in Beton- und Fertigteilwerken. Oftmals sind diese Mitarbeiter auch als Betonwerker unmittelbar in der Produktion tätig, so dass entsprechende Kontaktmöglichkeiten mit Zement bestehen. Die dritte - allerdings sehr kleine - Gruppe betrifft Berufsbezeichnungen wie z. B. Bausteinmetz, Treppen- und Natursteinverleger. In dieser Gruppe ist die händische Verarbeitung von Zement der Regelfall. Interessant ist, dass fast keine Fälle von Chromatsensibilisierungen aus den Bereichen Herstellung von Transportbeton und Fertigmörtel, Betonpumpendienst und aus Zementwerken in den Zahlen enthalten sind.

Handschutz Bei einer genaueren Betrachtung des krankheitsauslösenden Stoffes, welcher in der Regel durch einen ärztlichen Allergietest bei dem Erkrankten ermittelt wird, stellt sich heraus, dass in vielen Fällen mehrere sensibilisierende Stoffe am Entstehen der Hauterkrankung beteiligt waren. Neben Kaliumdichromat handelte es sich u. a. auch um bestimmte sensibilisierende Gummiinhaltsstoffe, Inhaltsstoffe von Kunstharzklebern und -spachtelmassen oder Konservierungsstoffe in Schalölen. Einige dieser Stoffe sind auch in Produkten enthalten, zu denen überall im täglichen Leben Kontakt besteht.

Wird eine entsprechende Trennung der Erkrankungsfälle vorgenommen, sind 60 Erkrankungen ausschließlich durch den Kontakt mit chromathaltigem Zement hervorgerufen worden, 108 Fälle sowohl durch Chromat im Zement als auch durch einen oder sogar mehrere sensibilisierende Stoffe aus den genannten Stoffgruppen bedingt, während 22 Erkrankungsfälle eine andere Ursache hatten und falsch dokumentiert waren. Eine Aussage darüber, welcher Stoff bei Vorliegen einer Mehrfachallergie der Auslöser für die Erkrankung gewesen ist, kann nicht zweifelsfrei getroffen werden. Außerdem kann der Sensibilisierungsgrad gegenüber den einzelnen Stoffen während des Expositionszeitraumes schwanken. Für die im Zusammenhang mit einer Sensibilisierung gegenüber Chromat bestätigten Hautberufskrankheitsfälle wurde von 1993 bis 2000 (Stand: Februar 2000) eine Gesamtsumme von 9.877.450 DM von der Steinbruchs-BG aufgewendet, d. h. durchschnittlich 58.800 DM je Fall. Der entsprechende Wert für die ausschließlich chromatbedingten Fälle beträgt 54.760 DM.

Diese Zahlen belegen eindrucksvoll die Notwendigkeit und Bedeutung der getroffenen Branchenregelung "Chromatarme Zemente und Produkte" für die Beton- und Bauindustrie.

Kurt Kolmsee
Bernd Neitzert

Anschrift der Verfasser:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160, 30853 Langenhagen





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