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Schlange stehen

Wer kennt nicht diese stressigen Momente, in denen man mit dem vollen Einkaufswagen in der Schlange vor der Kasse des Supermarktes steht? Schon froh, den Einkauf an sich erledigt zu haben, steht man in Reihe und Glied. "Habe ich auch an alles gedacht? Wollte ich nicht auch Toastbrot mitbringen? Natürlich, das habe ich vergessen, aber deswegen aus der Schlange wieder heraus und mich nochmals am Ende anstellen? Nein, nicht wegen solch einer Kleinigkeit. Dann wird am Sonntag zum Frühstück eben Schwarzbrot gegessen, das ist ohnehin gesünder".Vor der Kasse haben die Verkäufer wieder jede Menge Lockangebote plaziert. Kleine Pralinenriegel, Schokolade, Kaugummi, Überraschungseier und was sonst noch das Herz eines Kindes, aber auch der Erwachsenen, schneller schlagen läßt. In diesem Fall bin ich froh, dass ich kein Kind dabei habe, die Warterei reicht mir auch ohne einen kleinen Quälgeist mit tausend verständlichen, aber auch unerfüllbaren Wünschen. Obwohl ich Nichtraucher bin, überblicke ich gereizt die Auswahl an Zigarettensorten. Reine Beschäftigungstherapie, um die Zeit totzuschlagen. Natürlich habe ich auch heute wieder das Gefühl, mich an der falschen Schlange angestellt zu haben. Links von mir geht es viel zügiger voran. Oder täuscht mir meine Ungeduld etwas vor? Jetzt fehlt nur noch, dass die Kassiererin die Kassenzettelrolle wechseln muß. Ich ermahne mich, nicht nur negativ zu denken.Was lassen sich die Supermarktmanager und ihre Vordenker nicht alles einfallen, damit sich der in einer Schlange vor der Kasse Stehende nicht langweilt. Gedämpfte Musik soll die Nerven beruhigen, bewirkt jedoch oftmals das Gegenteil. Ich kenne auch eine Marktkette, die Kunden, wenn sie über fünf Minuten an einer Kasse warten müssen, fünf DM erstattet. Optimal wäre natürlich, wenn im Supermarkt so viele Kassen geöffnet wären, daß Wartezeiten der Vergangenheit angehörten. Aber das bleibt bei dem heutigen Kostendruck nur ein toller Traum. Schön wäre auch, wenn man schon am Ende der Schlange sehen können, was sich vorn tut. Oftmals hilft es bereits, wenn man über den Fortgang des Schlangestehens informiert wird. Stauberater auf der Straße sprechen von mehr Toleranz, wenn bekannt ist, wie lange es voraussichtlich dauern wird und warum der Stau entstanden ist. Endlich ist es soweit, nur noch eine Dame steht vor mir. Leider quillt deren Einkaufswagen fast über. Das Ausladen dauert. Nun legt sie noch ein kleines Hölzchen hinter die aufs Laufband gelegten Waren, geht an ihrem Wagen vorbei und...zieht diesen nunmehr hinter sich her. Mit diesem Trick will sie sich offensichtlich andere Kunden vom Leib halten oder ist es ein Affront gegen mich persönlich? Auf jeden Fall ist für mich das Laufband zum Ausladen meiner Waren weiter weg denn je. Ich hatte schon einen Kommentar auf den Lippen, als mich die Dame derart entwaffnend anlächelte, daß jede Bemerkung fehl am Platz gewesen wäre. Das nennt man wohl "Wind aus den Segeln nehmen". Aber warte ich aus diesem Grund lieber? Bestimmt nicht!Aber auch jedes Schlangestehen hat einmal ein Ende. Aufatmend kann ich mit meinem Einkauf davoneilen. Doch halt, hat es Wartezeiten nicht auch schon früher im Tante-Emma-Laden gegeben? Waren wir nicht auch ungeduldig, wenn Oma Kneisel zwei Scheiben Aufschnitt und drei Scheiben Käse, aber schön dünn geschnitten, kaufte? Vielleicht haben wir es damals nicht so negativ wahrgenommen? Egal, einkaufen ist und bleibt eben Nervensache.

Hans-Jürgen Bahr


standing in line



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