Prävention 4.0

Ulrich Meesmann

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Viele sprechen von einer neuen industriellen Revolution und haben gleich einen Begriff dafür: Industrie 4.0. Der trifft allerdings nur ungenau, denn er erstreckt sich auch auf die Arbeitswelt und den gesamten Privatbereich.

Die Zahl 4.0 bezeichnet eine neue Entwicklungsphase der Arbeit. Nach Wasser- und Dampfkraft (18. Jhdt.), nach der elektrischen Energie (Anfang 20. Jhdt.) und der Computer-Technologie (seit Beginn der 1970er-Jahre) beginnen heute sogenannte Cyber-Physical-Systems (CPS), die Entwicklung voran zu treiben (siehe auch STEINE+ERDEN 6/2015). Was so abstrakt klingt, hat bereits Einzug gehalten in unser Leben: Kleinste Sensoren und Aktoren sammeln Daten (Big Data) über „Physikalisches“, also Dinge. Die Daten werden über das Internet kybernetisch miteinander verbunden und durch intelligente Software systematisch verwaltet. Deshalb spricht man auch vom Internet der Dinge.

Jedoch werden nicht nur Maschinen und Geräte miteinander verbunden. Auch Menschen und soziale Prozesse sind Teil dieser Systeme. Unsere Fitnessarmbänder sammeln diese Daten, unsere Smartphones, unsere Autos, unsere Kochtöpfe. Und in der Arbeitswelt sind es Arbeitsmittel, Kleidung, Prozesse und die Räume, in denen wir uns bewegen. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten, sie wird an Dynamik noch zunehmen.

Sie erfasst nicht zuletzt auch die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. So werden wir etwa die Zuverlässigkeit von Arbeitsmitteln viel genauer erfassen können. Über Sensoren und Aktoren werden sie frühzeitig rückmelden, ob sie Schwachstellen aufweisen. Die Gefährdungsbeurteilung wird in dieser Hinsicht einfacher. Wir werden in der Lage sein, Gefahrenbereiche so abzusichern, dass Menschen ohne Persönliche Schutzausrüstung diese nicht mehr betreten können. Es wird intelligente PSA geben, die auf eine Person einstellbar ist, Vitalparameter messen und Bewegungen unterstützen kann, wenn etwa die menschliche Kraft nachlässt. Im Bereich Gesundheit werden wir psychische Belastungen frühzeitig ermitteln können. Es wird neue Beteiligungs- und Kontrollmöglichkeiten geben, ebenso neue Formen des Lernens, Informierens und Unterweisens. Raumklima und Beleuchtung werden sich auf die Befindlichkeit der Personen einstellen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Prävention 4.0 bietet zweifellos große Chancen – Sicherheit und Gesundheit müssen aber zu einem wichtigen Bestandteil der neuen Arbeitsprozesse werden. Die BG RCI will das vorantreiben. Zugleich sollten wir alle auch eine kritische Distanz zu den Entwicklungen bewahren. Wir brauchen Kriterien, die uns helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Davon hängt ab, ob sich der Mensch von den Technologien beherrschen lässt oder er sie so einsetzt, dass sie nachhaltig wirtschaftlich genutzt werden und zugleich die Zufriedenheit und Gesundheit der Beschäftigten fördern können. Prävention 4.0 ist eine spannende und lohnende Herausforderung. Wir nehmen sie an.

Herzlichst Ihr
Ulrich Meesmann