Arbeitssicherheit

Die neue Präventionsstrategie der BG RCI

Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten!

Der internationale Wettbewerb, die demographische Entwicklung und der fortschreitende Strukturwandel sowie die zunehmende Informationsdichte stellen Wirtschaft, Gesellschaft und Unfallversicherung in Deutschland vor große Herausforderungen auch in der Prävention.

Zwei Männer in Arbeitskleidung halten jeweils den Daumen hoch
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Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung des Positionspapiers „Prävention lohnt sich“ der Selbstverwaltung der Gesetzlichen Unfallversicherung, beschlossen durch die Mitgliederversammlung der DGUV am 28. November 2008, haben sich die Präventionsausschüsse von Vorstand und Vertreterversammlung der BG RCI im Rahmen eines Workshops im Oktober 2013 mit der zukünftigen strategischen Ausrichtung der Prävention der BG RCI befasst und einen Vorschlag für die neue Präventionsstrategie der BG RCI unter dem Titel „Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten!“ entworfen. Der Vorstand der BG RCI hat die neue Präventionsstrategie in seiner Sitzung am 14./15. Mai 2014 einstimmig beschlossen. Die Strategie ist im Rahmen eines Optimierungsprozesses zur Weiterentwicklung der organisatorischen Strukturen in der Prävention der BG RCI von der Selbstverwaltung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Prävention und der Geschäftsführung gemeinsam entwickelt worden.

Die neue Präventionsstrategie baut auf den Erfahrungen und Erfolgen der zur BG RCI fusionierten Berufsgenossenschaften auf und berücksichtigt die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und hieraus resultierende Bedürfnisse und Erwartungen der Mitgliedsunternehmen aus den jeweiligen Branchen. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist eine enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen und den Partnern auf Betriebsebene unumgänglich. Die neue Präventionsstrategie der BG RCI gründet auf diesen Rahmenbedingungen:

Helmut Ehnes
„Jedes Konzept mit einem solch hohen Anspruch wie Vision Zero ruft immer auch Skeptiker auf den Plan“, sagt Helmut Ehnes, Leiter Prävention der BG RCI. „ Die geplanten Maßnahmen seien aus technischen, betriebspraktischen und Kostengründen nicht zu akzeptieren, meinen die Kritiker. Ich frage zurück: Wieviele Tote wären denn akzeptabel?“

Sieben Ziele auf dem Weg zu Vision Zero

Die Festlegung quantitativer wie qualitativer Ziele ist ein geeignetes Instrument, um alle betrieblichen Akteure und Multiplikatoren von der Notwendigkeit weiterer Anstrengungen auf dem Gebiet der Prävention zu überzeugen und um weitere Erfolge zu erreichen. Auf dem Weg dorthin dienen die Festlegung von Meilensteinen und ein regelmäßiges Reporting dazu, das Erreichen der Ziele zu überprüfen. Die Wirksamkeit, die Kundenwahrnehmung und -akzeptanz aller Präventionsmaßnahmen sollen dabei regelmäßig und systematisch hinterfragt und evaluiert werden.

Ziel 1:

Senkung des Arbeitsunfallrisikos in den Mitgliedsunternehmen der BG RCI

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll das Risiko, einen meldepflichtigen Arbeitsunfall zu erleiden, bis 2024 um 30 Prozent gesenkt werden (1.000 Vollarbeiterquote).

Ziel 2:

Halbierung der Anzahl der neuen Arbeitsunfall-Rentenfälle

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll insbesondere die Anzahl der schweren Arbeitsunfälle, die zeitweise oder auf Dauer Körperschäden zur Folge haben (neue Arbeitsunfall-Rentenfälle), bis 2024 um 50 Prozent gesenkt werden.

Ziel 3:

Halbierung der Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll die Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle bis 2024 ebenfalls um 50 Prozent gesenkt werden.

Ziel 4:

Verringerung der Anzahl der anerkannten Berufskrankheiten

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll die Anzahl der anerkannten und erstmals zu entschädigenden Berufskrankheiten, die nicht aufgrund langer Latenzzeiten auf frühere Expositionen am Arbeitsplatz zurückzuführen sind, weiter gesenkt werden.*

 *          Da bei den Berufskrankheiten die Jahreswerte von der jeweiligen Rechtslage zur Entschädigung von Berufskrankheiten (BK-Liste, Anerkennungskriterien, Expositionsgrenzen, Dosiswerte, Rückwirkungsklauseln) abhängig sind, ist eine Festlegung zum angestrebten prozentualen Rückgang nicht möglich. Die Entwicklung bei den einzelnen Berufskrankheiten wird jedoch im Rahmen des jährlichen Reportings dargestellt.

Ziel 5:

Steigerung der Anzahl unfallfreier Betriebe

Die Anzahl der Betriebe, die über einen definierten Zeitraum keine meldepflichtigen Arbeitsunfälle aufweisen, soll gesteigert werden.

 Ziel 6:

Bedarfsgerechte Präventionsangebote und Präventionsmaßnahmen

Alle Präventionsangebote und Präventionsmaßnahmen der BG RCI, wie beispielsweise die Beratung der Unternehmen, Aus- und Weiterbildungsangebote, Präventionskampagnen, Veranstaltungen, Präventionsmedien, Angebote für besondere Zielgruppen, sind

Ziel 7:

Steigerung der Nutzung der BG RCI-Präventionsangebote

Die Anzahl der Mitgliedsunternehmen, die Präventionsangebote der BG RCI aktiv in Anspruch nehmen und für ihre betriebliche Präventionsarbeit nutzen, zum Beispiel Aus- und Weiterbildungsangebote, Demonstrations- und Praxismodelle oder Kampagnenmodule, soll erhöht werden. Außerdem soll die Anzahl der Betriebe, die das Gütesiegel der BG RCI tragen, gesteigert werden.

Ulrich Meesmann
Ulrich Meesmann, Mitglied der BG RCI-Geschäfts­führung und Ressortleiter Prävention: „Mit der neuen Präventionsstrategie ‚Vision Zero’ haben wir eine mittelfristige Perspektive für die Präventionsarbeit der BG RCI verbindlich festgelegt. Damit sie zu einem Erfolg wird, ist die enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen und Partnern auf Betriebsebene unverzichtbar. Deshalb werden wir in noch intensiverem Umfang als bisher den Dialog mit den Unternehmen suchen.“

Paket aus zehn Maßnahmen geschnürt

Um die genannten Ziele zu erreichen, werden nachstehende Maßnahmen schrittweise umgesetzt. Hierbei werden neue Wege beschritten, bewährte Präventionsmaßnahmen aber auch fortgeführt.

Über einzelne konkrete Umsetzungsprojekte werden wir in den nächsten Ausgaben in loser Folge berichten.

Maßnahme 1:

Analyse und Schwerpunktsetzung

Die Schwerpunkte des Unfall- und Berufskrankheiten-Geschehens, die präventives Handeln erfordern, werden regelmäßig systematisch ermittelt, wobei besondere Faktoren, neue Risiken und aktuelle Entwicklungen Berücksichtigung finden sollen.

Maßnahme 2:

Kundenorientierung

Da Präventionsangebote umso wirksamer sind, je besser sie dem jeweiligen Bedarf der Mitgliedsunternehmen und der Versicherten Rechnung tragen, sollen Bedarf und Akzeptanz regelmäßig systematisch ermittelt und hinterfragt werden.

Mitgliedsunternehmen und Versicherte werden als Kunden verstanden. Die unmittelbare und zeitnahe Kommunikation mit Kunden und betrieblichen Zielgruppen soll verbessert und intensiviert werden.

Maßnahme 3:

Qualität der Präventionsangebote

Auf Basis der Analysen und des Kundenbedarfs werden die Präventionsangebote regelmäßig auf Aktualität, Akzeptanz und Wirksamkeit überprüft und entsprechend angepasst oder ergänzt. Um die Nutzung der Präventionsangebote zu fördern, bedarf es einer klaren und verständlichen Angebotsstruktur und eines erfolgreichen Marketings. Die Angebote und Maßnahmen sollen zudem unter Berücksichtigung der Unternehmensgröße, der Beschäftigtenstruktur, der Unternehmensstruktur und des spezifischen Branchenbedarfs auf die Zielgruppen zugeschnitten sein.

Maßnahme 4: 

Thematische Schwerpunktsetzung

Die Schwerpunkte der zukünftigen Präventionsarbeit ergeben sich aus der aktuellen Analyse (Anzahl, Quoten, Kosten) des Arbeitsunfall- und Berufskrankheiten-Geschehens, dem Kundenbedarf sowie aus neuen Risiken. So kommt beispielsweise dem Thema „Gesundheit im Betrieb“ künftig wachsende Bedeutung zu, um die bewährten Maßnahmen der Prävention zu ergänzen. Dies gilt auch für die Vermeidung oder Verringerung psychischer Belastungen durch die Arbeit. Maßnahmen der Gesundheitsförderung durch die Unternehmen ergänzen die Präventionsangebote der BG RCI.

Maßnahme 5: 

Schwerpunkt kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Da das Unfallgeschehen tendenziell mit sinkender Beschäftigtenzahl ansteigt und KMU hinsichtlich der betrieblichen Organisation des Arbeitsschutzes vielfach Nachholbedarf haben, soll ein Schwerpunkt auf der Verbesserung der Situation in kleinen und mittelgroßen Betrieben liegen.

Helmut Ehnes
„Niemand würde heute bei einer Airline einchecken, die keine Null-Unfall-Strategie verfolgt“, sagt Helmut Ehnes, „oder eine neue Technologie einführen, die hohe Risiken für Leib und Leben in Kauf nimmt. Vision Zero ist daher auch ein Signal der Seriosität, des Verantwortungsbewusstseins und der Wertschätzung an die Mitarbeiter in den Betrieben."

Maßnahme 6: 

Qualifikation, Kompetenz und Einsatzsteuerung bei der BG RCI

Die in der Prävention der BG RCI für die Aufgabenerfüllung erforderlichen Qualifikationen und Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden regelmäßig überprüft, weiterentwickelt und dem aktuellen Bedarf angepasst. Die personellen Ressourcen werden so eingesetzt, dass dem Bedarf Rechnung getragen und eine maximale Wirkung erzielt wird.

Maßnahme 7: 

Präsenz im Betrieb

Die persönliche Beratung und die Überwachung der Unternehmen bleibt ein unverzichtbares Standbein effizienter Prävention. Die zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen werden so eingesetzt, dass dem tatsächlichen Bedarf Rechnung getragen wird.

Maßnahme 8:

Aus- und Weiterbildung

Die zielgerichtete Aus- und Weiterbildung der betrieblichen Zielgruppen im Rahmen von qualitativ hochwertigen Ausbildungsmaßnahmen ist für eine wirksame Prävention unverzichtbar. Die Ausbildung in eigenen Bildungseinrichtungen bietet hierzu optimale Voraussetzungen. Hierfür werden ausreichende Ressourcen zur Verfügung gestellt. Um die Wirksamkeit von Aus- und Weiterbildungsangeboten der BG RCI in der betrieblichen Praxis zu fördern, müssen die Unternehmen den Transfer sicherstellen und geeignete betriebliche Unterweisungsmaßnahmen durchführen.

Maßnahme 9:

Kommunikation

Durch eine intensivierte, zügige und zielgerichtete Kommunikation soll die Wirksamkeit der Präventionsbemühungen deutlich verbessert werden. Dies erfordert auch den Einsatz zeitgemäßer elektronischer Medien.

Maßnahme 10: 

Partnerschaften und Multiplikatoren

Um die Wirksamkeit der neuen BG RCI-Präventionsstrategie zu unterstützen und Partner zu motivieren, in ihrem Einflussbereich aktiv zu sein, werden die Maßnahmen den Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften, betrieblichen Interessenvertretungen und weiteren Multiplikatoren vorgestellt und mit diesen erörtert. Vereinbarungen mit Verbänden und Gewerkschaften können die gemeinsame Verpflichtung und die gemeinsamen Bemühungen deutlich machen und somit das Erreichen der Ziele unterstützen. Außerdem werden alle Möglichkeiten für ein konzertiertes Handeln genutzt, welche die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie bietet.

Mann mit Helm auf dem Kopf und Notizzettel auf Klemmbrett vor einer Raupe
Was läuft gut, wo muss nachgebessert werden? Damit sich die Vision Zero durchsetzt, ist die Aufmerksamkeit aller gefragt – insbesondere des Personals an Arbeitsplätzen mit erhöhtem Unfallrisiko.// drubig-photo - Fotolia.com
 
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